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A Feeling for Mom

Autor: Miss Catherine
E-Mail: LosAngelesnaumann@web.de
Spoiler: Die Story spielt nach den Spielfilmen.
Disclaimer: Die Figuren der Serie „The Pretender“ gehören nicht mir, sondern TNT, NBC und 20th Century Fox. Ich habe sie mir nur zur Unterhaltung anderer Fans ausgeliehen.
Hinweis: An dieser Stelle richte ich einen großen Dank an Katty, die eine fleißige Beta-Lesering ist. Ohne sie wären mir manche Dinge gar nicht aufgefallen.
Anmerkung: Siehe Ende der Geschichte!


Teil 1

Miss Parkers Haus
Blue Cove, DE
Nachts


Ich lief durch die Gegend ohne auch nur einen blassen Schimmer davon zu haben, wo ich war oder warum ich dort war. Es war dieses seltsame Gefühl, dass ich gar keine Kontrolle über mich oder meine Bewegungen oder die Umgebung hatte. Ich war in meinem Körper aber zugleich auch nur stiller Beobachter. Ich hasste dieses Gefühl. Ich konnte es noch nie leiden, wenn ich nicht die volle Kontrolle über die Situation besaß.

Ich blieb stehen und drehte mich um mich selbst. Ich konnte nichts sehen, da alles um mich herum in dichten Nebel gehüllt war und dennoch kam mir diese Gegend so vertraut vor. Ich war mir so sicher da schon einmal gewesen zu sein. Viel mehr überraschte es mich IHN plötzlich vor mir zu sehen.

Erstaunt und ohne diesen bösen Unterton in der Stimme, wie ich es gern gehabt hätte, rief ich seinen Namen: „Jarod!“ Er sah mich nur an, neigte seinen Kopf … und drehte sich um. Als er anfing wegzugehen setzte ich mich auch in Bewegung, doch ich kam nicht von der Stelle.

Ich kam mir so einsam vor und wollte nicht, dass er ging. Also lief ich schneller und schneller und wurde immer panischer. Fast schon hysterisch rief ich ihn. „Jarod, bitte lass mich nicht allein! JAROD!!“

Doch er zeigte keine Regung, also blieb ich stehen. Was war das nur? Ein eisig kalter Schauer lief mir den Rücken herunter. Es war ein so unangenehmes Gefühl und trotzdem so vertraut. Ich wollte das nicht mehr und schüttelte mich und machte schließlich die Augen zu.

Etwas schien sich zu verändern. Als ich die Augen wieder öffnete war ich an einem Ort, den ich nur zu gut kannte. In einem Augenblick stand ich in Ocees kleiner Hütte. Im anderen Moment saß ich dann plötzlich in einer Decke und einen Bademantel gehüllt am Kamin … neben mir - ganz nah – Jarod.

Ich erinnerte mich. Diese kleine Szene ging mir seit dem nicht mehr aus dem Kopf. Es war ein besonderer Punkt. Ich konnte aus meiner jetzigen Sicht als Beobachter förmlich die Weggabelung sehen, die sich auftat.

Ich hatte eine gute und eine schlechte Wahl. Ich entschied mich damals für die Schlechte. Oder? Woher wusste ich das so plötzlich? Damals fühlte es sich auch falsch an. Aber was konnte man in 5 Sekunden schon entscheiden?

Ich war seit dem schon immer neugierig gewesen, was wohl passiert wäre, wenn Ocee nicht in das Zimmer gekommen wäre und uns gestört hätte. Hätte alles dann plötzlich so rosig ausgesehen, bloß weil wir uns geküsst hätten?

Oder meine Entscheidung am Flughafen? Hätte ich Jarod nicht zurückweisen sollen? Und dann? Wären wir dann einfach so händchenhaltend an Daddy und Raines vorbeispaziert und alles wäre gut?

Die Lage war misslich. Egal was ich tat, es war schlecht. Aber auf was hatte das schlechte Auswirkungen? Ich wusste die Antwort, aber ich wollte sie nicht sagen geschweige denn überhaupt denken.

Doch es ging nicht anders. Ich wusste, dass es immer Auswirkungen auf meine Beziehung zu Jarod haben würde, obwohl man das nicht als Beziehung bezeichnen dürfte. Doch trotzdem kam es mir manchmal so vor.

Ich wollte am Liebsten den Kopf schütteln oder mich ohrfeigen, dass ich endlich aufhörte, so etwas zu denken. Ich wollte das nicht hören. Schon immer habe ich es vorgezogen vor solchen Fragen und Problemen davonzulaufen.

Doch jetzt kam mir alles, was ich bisher in meinem Leben tat falsch vor. Es war nicht mehr auszuhalten. Mir war so, als würde ich nur noch aus Schuldgefühlen und meinem schlechten Gewissen bestehen. Wie ich das hasste. Eine Parker besaß keine Schuldgefühle … und schon gar kein schlechtes Gewissen.

Diese ganzen Gedanken schossen in meinem Kopf und mir wurde ganz schwindelig. Ich hatte Angst, mir würde vor lauter Kopfschmerzen der Kopf zerspringen. So etwas hatte ich echt noch nie erlebt. Sonst kam die Moralpredigt immer von Sydney, aber dieses Mal kam sie direkt von mir. Hatte das etwas zu sagen?

Ich versuchte aus dieser Lage herauszukommen, doch es ging nicht. Nach dieser Horrorreise durch meine Gedanken waren wir wieder in der Hütte am Kamin. Doch etwas schien verändert.

Ich stand da, als Beobachter, fühlte aber gleichzeitig alles, was in der Person mir gegenüber vorging. Ich sah Jarod, der diese Person, die ja ich war, anstarrte und mir wurde ganz warm. Ich schloss meine Augen und konzentrierte mich ganz auf diese Situation … und war plötzlich wieder in meinem Körper, neben Jarod.

Ich fühlte, wie mein Herz immer stärker schlug, wie das letzte Mal auf der Insel. Ich hatte dieses Verlangen etwas zu tun, ihn zu berühren, doch wie beim letzten Mal plagten mich Zweifel.

Dann kam sein Gesicht näher und ohne nachzudenken tat ich es ihm gleich und … wir küssten uns. Niemand hielt uns dieses Mal auf. Es war ein so angenehmes Gefühl, auch wenn es sich gleichzeitig falsch anfühlte.

Doch das gute Gefühl überwog und so schmiss ich zumindest für diesen einen Augenblick all meine Sorgen, Plagen und Gedanken über Bord. Ich genoss diese Nähe und all die Liebe, die durch diesen Kuss übermittelt wurden. Es war so angenehm.

Ich wünschte, es würde nie mehr aufhören und ich drohte mich in diesem Kuss zu verlieren … als plötzlich ein seltsam schrilles Geräusch sich seinen Weg in meine Ohren und mein Bewusstsein drängte.


Vorsichtig blinzelte ich um ein scharfes Bild zu bekommen. Ich war noch ganz benommen. Schließlich stellte ich fest, dass es mein Wecker war, der mich aus meinen Gedanken riss. Ich stöhnte resignierend. „Was war das denn jetzt wieder für ein Höllentrip?“ Ich ließ mich mit einem Ruck zurück in meine Kissen zurücksinken. „Ich muss endlich aufhören vor dem Schlafen so viel Scotch zu trinken!“

Centre
Blue Cove, DE
Wenig später


Immer noch benommen von diesem Traum lief ich gedankenverloren durch die Lobby des Centres, auf dem Weg in mein Büro. Der Traum war so real, aber dennoch nur eine Fiktion. Es ließ mich aber nicht los.

Hatte ich das etwa nur so geträumt, aus Zufall? Oder steckte da mehr dahinter? Die Gefühle und die Zweifel, die ich wieder spürte, sollten etwas aussagen, da war ich mir sicher. Aber warum gerade jetzt?
Ich bemerkte scheinbar gar nicht wirklich, wie ich mein Büro erreichte. Die Gedanken und die Fragen waren immer noch in meinem Kopf.

Plötzlich hörte ich etwas. Erschrocken schüttelte ich den Kopf und sah Sydney vor mir stehen. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich irgendwie hilflos aussehen musste, wie ich da so in der Mitte meines Büros einfach herumstand.

Also setzte ich mich in Bewegung und ging zu meinem Tisch. Sydney musterte mich und legte wieder einen seiner psychiatrischen Blicke auf. Ich hob eine Braue. „Was ist? Warum sehen Sie mich so an?“

Er veränderte seine Pose und stand mit verschränkten Armen und dem gleichen besorgten Blick vor mir. „Sie sahen so abwesend aus, als ich hereinkam. Ist etwas?“

Energisch schüttelte ich den Kopf. „Mir geht es gut! Ich hatte nur schlecht geträumt.“
Fehler! Das hätte ich nicht sagen sollen.

Sydney hakte nämlich sofort nach. „Über was haben Sie geträumt?“

Ich rollte mit den Augen. „Es ist nichts! Kann man nicht mal schlecht schlafen? Was wollten Sie eigentlich? Sie sind doch nicht nur hergekommen um mich wegen meines schlechten Schlafs zu nerven, oder?“

Sydney nickte und setzte sich in Bewegung. Er machte eine einladende Geste. „Wir haben eine Spur von Jarod bekommen. Broots ist schon dabei ihn zu lokalisieren.“

Ich nickte und begleitete ihn zu Broots. Zufall, ja? Um meine Gedanken endlich loszuwerden schüttelte ich erneut den Kopf. Was war hier los?


Tech Room

Eiligen Schrittes betrat ich gemeinsam mit Sydney den TechRoom und sah schon Broots an seinem Computer, wie er hochkonzentriert auf der Tastatur herumtippte und versuchte, einen Hinweis auf Jarods Aufenthaltsort zu bekommen. Das war wirklich keine leichte Aufgabe und ich musste schon zugeben, dass Broots das sehr gut meisterte. Ich sagte aber nie etwas darüber. Das war nie eine meiner Stärken.

Ich grinste bei dem Gedanken wie konzentriert er war und konnte es nicht lassen ihn erschrecken zu wollen. Ich ging um den Tisch herum stellte mich hinter ihn und schlug mit dem Satz „Hey, Broots!“ auf seine Schulter.

Er schrie kurz, fuhr herum und sah mich mit großen Augen an, während er sich seine Hand an der Brust hielt. „Mein Gott! Wollen Sie, dass ich einen Herzinfarkt bekomme?“

Eigentlich wollte ich ernst bleiben und noch etwas gemeines erwidern, aber ich konnte einfach nicht anders und musste lachen. Mir die Tränen wegwischend klopfte ich ihm auf die Schulter. „Entschuldigen Sie.“

Dann wurde ich wieder ernst und sah ihn durchdringend an. „Also, was haben wir?“

Broots stand schwungvoll aus seinem Stuhl auf und lief zu einem anderen Tisch, auf dem etwas lag. Er nahm das Päckchen und gab es Miss Parker. „Das ist für Sie. Ich habe das Papier bereits abgemacht und bin dabei es auf Spuren nach seinem Aufenthalt zu untersuchen, aber es ist nicht so einfach.“

Meine Augen verengten sich und ich funkelte ihn böse an. „Was soll das heißen?“ Es würde doch wohl nicht so schwer sein!

Broots duckte sich etwas und sah mich an. „Na ja, wissen Sie, das Paket hat keinen Poststempel oder sonst irgendeinen Absenderhinweis. Das heißt, Jarod hat es jemanden gegeben, der es hier abgeliefert hat oder er war selbst hier.“

Ich nickte vor mich hin. Jarod hier? Klang gar nicht so abwegig. Das tat er schon oft. Aber warum sollte er es riskieren wegen eines einfachen Päckchens erwischt zu werden? Man sollte der Spur dennoch nachgehen. Also wies ich Broots an. „Checken Sie die Überwachungsbänder. Vielleicht haben wir Glück.“

Broots nickte und machte sich eilig davon.
Sydney sah mich bedächtig an. „Denken Sie wirklich Jarod war selbst hier?“

Ich sah ihn nur an. „Man kann ja nie wissen. Er ist zu allem fähig.“

Sydney deutete mit dem Kopf auf das Paket, das ich noch immer in den Händen hielt. „Was wird Jarod Ihnen wohl geschickt haben?“

Ich lächelte gemein. „Das würde Sie interessieren was?“

Ich setzte mich in Bewegung, doch Sydney hielt mich auf. „Miss Parker, ich weiß, dass Sie nicht mit mir reden möchten. Aber ich merke, dass sie immer noch von Gefühlen und Erinnerungen gequält werden, die mit den Geschehnissen damals auf dieser Insel zu tun haben. Sie sollten das nicht einfach verdrängen.“

Ich funkelte ihn an. Was dachte er sich eigentlich? Wenn er wusste, dass ich nicht darüber reden wollte, warum fragte er mich dann? Genervt riss ich mich von ihm los. „Danke für den Tipp, Dr. Freud.“

Zugegebenermaßen klang dieser Satz eine Spur zu scharf, aber ich wollte ihm begreiflich machen, dass er mich nicht mehr mit seinen psychologischen Andeutungen nerven sollte.
Ich machte mich wieder auf den Weg in mein Büro. Das Paket wollte ich in Ruhe selbst auspacken.

Miss Parkers Büro
später


Eine ganze Weile saß ich nun schon an meinem Schreibtisch. Das Paket von Jarod lag vor mir auf dem Tisch und wartete nur darauf geöffnet zu werden. Irgendetwas hinderte mich daran. Ich konnte nicht genau sagen was es war, aber da war etwas, das mir sagte, dass etwas bedeutungsvolles in diesem Paket war.

Vielleicht etwas, das mit den Ereignissen auf der Insel zu tun hatte, die letzte Zeit in der ich Jarod sah und mit ihm sprach. Dieses Paket war auch die erste Meldung von ihm seit damals. Seine erste Nachricht nach all der Zeit war ein Paket, was nur für mich bestimmt war.

Ich wusste, wenn ich noch länger darüber nachdenken würde, würde ich verrückt werden. Aber vor dem Öffnen hatte ich einfach zu viel Angst, vor allem nachdem was auf der Insel zwischen uns passierte.

Ich war so tief in meine Gedanken versunken, dass ich gar nicht mitbekam, wie Sydney in der Tür meines Büros stand und mich beobachtete. Erst als er sich räusperte und auf mich zukam bemerkte ich ihn.

Ich hob den Kopf und sah ihn nur an, wissend, dass er gleich etwas psychologisches sagen würde. Er deutete auf das Paket. „Warum öffnen Sie es nicht, Miss Parker?“

Ich sah ihn nur weiterhin an. Er würde mich ohnehin in ein Gespräch verwickeln, vorher würde er nicht aufgeben. Aber zu einfach sollte er es auch nicht haben. Sydney nickte vor sich hin und nahm auf der anderen Seite des Tisches auf einem Stuhl Platz.

Er schien mich zu analysieren. Sein Blick war schon fast triumphierend. „Wollen Sie das Paket nicht öffnen, weil sie Angst haben, Jarod könnte ihnen etwas persönliches mitteilen.“

So langsam riss mein Geduldsfaden. „Warum sagen Sie nicht einfach was Sie wollen?“

Sydney blieb immer noch so ruhig. „Warum sagen Sie mir nicht was Sie bedrückt? Sie sind seit sie von dieser Insel wiedergekommen sind so verändert. Was ist da passiert, was sie so nachdenklich stimmt?“

Ich sah ihn eindringlich an. Was sollte ich sagen? Sollte ich mein ganzen Herz ausschütten? Er wusste, dass ich das nicht tun würde. Aber die Ereignisse hingen unweigerlich damit zusammen.

Ich seufzte. „Ich weiß es auch nicht, Sydney.“, gab ich offen zu. „Es ist eine Mischung aus allem was da passiert ist. Die ganze Geschichte mit meiner Familie, alles was ich dort erfahren musste, die eventuelle Bedeutung dieser Schriftrollen, der Sprung meines ... Vaters aus diesem Flugzeug, die ganze Zeit auf der Insel, die ich mit Jarod verbracht habe...“

Ich brachte mich selbst zum Schweigen. Als ich die ersten Worte sprach flossen die anderen so schnell hinterher, dass ich es gar nicht mehr kontrollieren konnte. Ich hatte im Grunde schon zu viel gesagt und damit Sydney eine Menge Stoff geliefert.

Der sagte aber seltsamerweise nichts, sondern schaute mich nur an, mit einem Blick, den ich gar nicht richtig deuten konnte. Es war eine Mischung aus Verwunderung, Neugier und Besorgtheit. Er rieb sich nachdenklich über das Kinn.

Seine Stimme klang, wie immer, so sanft und ruhig. „Ich kann mir schon vorstellen, dass es nicht einfach war, diese ganzen Momente zu erleben. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass es eigentlich nur um ein Thema geht.“

Ich sah ihn an. Ich wusste warum er nicht weitersprach und welche Worte ihm auf der Zunge lagen. Ich wusste es selbst. Aber es war zu schwer es zuzugeben und einzusehen. Langsam hatte ich meine Gefühle nicht mehr unter Kontrolle und meine Stimme wurde leiser. „Sagen Sie es einfach, Syd.“

Er schaute mich an, mit dieser Besorgtheit in seinen Augen, als wäre er mein eigener Vater, der sich Sorgen um seine Tochter machte. Dieser Gedanke war rührend und irgendwo auch vorstellbar.

Sydney hatte sich damals, nach Moms Tod immer gut um mich gekümmert. Er blieb noch immer ruhig. „Es geht um Jarod, richtig?“

Was sollte ich sagen. Er hatte natürlich, wie immer, voll ins Schwarze getroffen. Ich brachte kein Wort heraus. Meine Kehle war wie zugeschnürt. Es war nicht so, als müsste ich jeden Augenblick anfangen zu weinen.

Es war nur die Gesamtheit aller Erlebnisse, die Jarod und ich teilten, alles zusammen... Er spielte eine zu große Rolle in meinem Leben und es hatte sich nie etwas geändert. Wir waren nicht nur damals gute Freunde, sondern halfen uns auch in den späteren Jahren immer wieder.

All die unzähligen Male, die wir ihn „knapp verpassten“, all die Schüsse, die ich auf ihn abfeuerte und die „knapp vorbeischossen“, all die Telefonate, die Hilfe, die Informationen ... Es war, als wären wir im Laufe der Zeit immer mehr voneinander abhängig geworden.

Ich hatte manchmal das Gefühl, dass es einfach Schicksal war. Es schien uns vorbestimmt zu sein Freunde zu sein, oder mehr; uns immer wieder zu helfen. Egal was wir taten, wie oft wir uns stritten, wie weit oder wie lange wir voneinander getrennt waren, die Zeit brachte uns doch immer wieder zusammen und ließ uns reden, über uns, unsere Vergangenheit oder andere Dinge. Es war ein seltsames Gefühl, aber gleichzeitig das wohl vertrauteste Gefühl, dass ich hatte.

Ich sah Sydney an, noch immer unfähig irgendetwas zu sagen und nickte einfach nur leicht mit dem Kopf. Er verstand sofort, was das zu bedeuten hatte und lächelte aufmunternd. „Auf der Insel war etwas passiert, dass Ihr Verhältnis zu ihm verkompliziert hat, richtig?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Definieren Sie ‚verkompliziert’. Unser Verhältnis zueinander war noch nie einfach gewesen.“

„Ich weiß nicht. Sie waren damals als Kinder ganz normale Freunde gewesen...und auch später.“

Ich sah Sydney einfach nur an. „Sie haben gar keine Ahnung, Sydney. Wir waren Freunde, das stimmt, aber unser Verhältnis änderte sich mit der Zeit, als wir beide Teenager waren. Und seit dem ist es wie es ist .... und mit jedem Ereignis, dass uns näher bringt und unsere Gefühle offenbart wird es schlimmer.“

Das war noch nie einfach für mich gewesen. Ich war eigentlich nur einen Schritt davon entfernt Erleichterung zu finden. Aber genau dieser eine Schritt, war der größte in meinem Leben. Ich spürte, wie eine kleine Träne meine Wange hinunterlief und wischte sie hastig weg.

„Ich fürchte, Miss Parker, Sie werden keine andere Wahl haben, als mit Jarod zu reden. Das ist die einzige Möglichkeit diese Hürde zu überwinden.“

Ich nickte und meine Stimme klang rau. „Ich weiß. Aber ich kann es einfach nicht.“

Sydney beugte sich vor und legte seine Hand beruhigend auf meine. „Alles zu seiner Zeit, Miss Parker. Irgendwann wird der Moment kommen, in dem sie dazu bereit sind. Setzen Sie sich nicht unnötig unter Druck.“ Damit stand er auf.

Ich nickte vor mich hin und sah ihm nach, wie er mein Büro wieder verließ. Auch wenn nie viel gesprochen wurde, wusste er immer was mich bedrückte und half mir.

Eine Weile saß ich einfach nur so da und starrte vor mich hin, überdachte Sydneys Worte. Ich wusste, dass er Recht hatte, aber ich brauchte noch Zeit. Währenddessen fiel mir immer wieder das Paket auf, das nun schon stundenlang ungeöffnet vor mir herum lag.

Ich nahm eine kleine Schere und entfernte das Klebeband am Karton, so, dass ich ihn schließlich öffnen konnte. Was ich darin fand war eine kleine Porzellanpuppe, mit blonden Haaren und einem kleinen weißen Kleidchen.

Ich nahm die Puppe heraus und durchsuchte den Karton. Es war nichts weiter darin. Irritiert sah ich die Puppe genau an. „Was willst du mir damit sagen, Jarod?“, fragte ich vor mich hin und hoffte, bald darauf eine Antwort zu finden.

Miss Parkers Büro
The Centre, Blue Cove
2 Tage später


In den letzten beiden Tagen waren wir nur am Arbeiten. Broots bekam ein paar Hinweise über Jarod konnte aber trotzdem nicht eindeutig herausfinden wo er war. Es war schwerer als sonst. Ich konnte es förmlich spüren, dass der eindeutigste Hinweis direkt vor meiner Nase war, ich ihn aber nicht sehen konnte.

Während meiner Arbeit, schaute ich auch oft zu der kleinen Puppe, die Jarod mir schickte und die einen Platz auf meiner Bürocouch bekam. Ich wusste einfach nicht, was mir Jarod damit sagen wollte. Ich wusste, dass sie mir verraten würde wo er sich aufhielt, aber wie?

Seufzend stand ich von meinem Schreibtisch auf und ging erneut in den TechRoom. Broots war wie immer am Computer beschäftigt und Sydney lief durch das kleine Zimmer und blätterte in einer Akte herum.

Als die beiden das Klappern meiner Schuhe auf dem Steinboden hörten, das meine Ankunft andeutete, schauten sie auf. Broots machte dabei aber kein glückliches Gesicht. „Es tut mir leid, Miss Parker. Aber es ist so schwer ihn zu finden. Es ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Jarod hat es uns dieses mal nicht gerade leicht gemacht.“

Ich nickte. Ich hatte diese Sucherei so satt, dass es mir inzwischen egal geworden war, ob wir ihn fanden oder nicht. Der einzige, der mich daran erinnerte, dass die Suche wichtig für das Centre sei, war der keuchende Mr. Raines. Ich winkte nur ab. „Ist schon gut. Suchen Sie aber weiter.“

Broots nickte und arbeitete eifrig weiter.
Ich schaute noch ein paar Sekunden zu Broots und widmete dann meine Aufmerksamkeit Sydney, der auf mich zukam und mich fragend ansah.

„Ich habe noch nicht mit ihm gesprochen. Wie auch? Wir finden ihn ja nicht.“
Ich sprach dabei leise, denn ich wollte nicht, dass Broots oder sonst jemand hören konnte.

„Aber Sie werden mit ihm reden?“, fragte Sydney neugierig nach.

Ich hob die Hände in die Luft. „Am Ende habe ich doch keine andere Wahl, oder?“

Sydney klopfte mir aufmunternd auf die Schulter. Ich nickte nur und ging wieder zurück in mein Büro. Frustriert ließ ich mich auf meine Couch sinken. In letzter Zeit lief nichts so wie es sollte. Ich hoffte, dass sich das bald ändern würde.

Als ich meinen Blick durch mein Büro streifen ließ, fiel mir wieder die kleine Puppe auf. Ich nahm sie und betrachtete sie ausgiebig. Irgendwo musste ein Hinweis versteckt sein. Da wurde mir plötzlich bewusst, wie sehr sie der Puppe ähnelte, die dem kleinen Mädchen auf Carthis gehörte.

Diese Puppe war damals sehr wichtig für unsere Suche. Langsam dämmerte es mir und mir wurde klar, was Jarod bezweckte. Mir ging dieser Spruch durch den Kopf. ‚Sie besitzt den Schlüssel.’

Es war, als würde ich ein jahrelanges Rätsel endlich lösen. Es war plötzlich alles so klar. Triumphierend ging ich mit der Puppe zu meinem Schreibtisch, setzte mich und schlug ihr kurzerhand den Kopf ab.

Ich drehte sie um hineinsehen zu können und bemerkte einen kleinen Schlüssel, der mir entgegen kam. Interessiert nahm ich ihn zwischen meine Finger und betrachtete ihn skeptisch. Doch als ich genauer hinsah weiteten sich meine Augen. „Das ist mein Schlüssel!“

Es traf mich wie ein Schlag als mir das alles erst richtig bewusst wurde. „Das heißt also, er war wirklich hier.“ Ich war scheinbar tief in Gedanken versunken. Ich wollte zu gern wissen, ob er noch immer da war. Als Broots lautstark in mein Büro stürmte, sah ich auf. Er keuchte.

„Ich hab was gefunden.“

TechRoom

Broots deutete aufgeregt auf den Bildschirm und startete eine Videoaufnahme. „Das wurde aufgenommen, an dem Tag, als das Paket für Sie ankam. Jarod war wirklich selbst hier!“

Wenig überrascht sah ich mir das Band an und wunderte mich. „Aber wie kann es sein, dass niemand ihn gesehen oder bemerkt hat? Es war mitten am Tag!“ Ich fragte mich wirklich ob überhaupt jemand wirklich die Augen aufmachte.

Broots zuckte unschuldig mit den Schultern. „Wir haben überall nachgefragt. Aber trotz seiner Anwesenheit hier hat ihn niemand bemerkt.“

Ich schüttelte den Kopf. „Wollen wir doch mal sehen ob er noch hier ist. Schicken Sie ein Sweeperteam los, dass sich die Stadt vornehmen soll.“

Dann sah ich Broots und Sydney an, die, genau wie ich, total übernächtigt aussahen. „Und gehen Sie nach Hause. Sie sehen schrecklich aus.“ Damit verließ ich den Raum. Ich war ebenso müde und wollte nur noch nach Hause.

Miss Parkers Haus
Kurze Zeit später


Ich parkte meinen Wagen in der Einfahrt und schlurfte, schon halb schlafend zur Tür. Es war ein Wunder, dass ich heil zu Hause angekommen war. Dennoch drehten sich meine Gedanken nur um die Puppe und den Schlüssel.

Ich fragte mich was das zu bedeuten hatte. Ich hatte schon eine Vermutung, doch ich wollte nicht wirklich glauben, dass Jarod das tun würde, obwohl ich ihn nun gut genug kannte um es besser zu wissen.

Ich schloss dir Tür hinter mir, ließ meine Tasche achtlos neben mir auf den Boden fallen, hängte meinen Mantel auf und ging in die Küche. Mein Magen knurrte lautstark und ich brauchte etwas zu essen.

Doch als ich die Küche betrat sah ich etwas, was mir das Blut gefrieren ließ. Ein fertiges Essen stand dampfend auf dem Tresen hinter der Kochzeile und wartete nur darauf gegessen zu werden. Was mich am meisten irritierte, war, dass es mein Lieblingsessen war.

Niemand hatte diese Information, außer einer Person. Als ich das Haus betrat, sah ich niemanden, doch es musste jemand hier sein, da das Essen noch ganz frisch war. Ohne es anzurühren drehte ich mich wieder um und ging auf die Suche nach der Person, die in mein Haus eingedrungen war.

Nach wenigen Metern wurde ich schon fündig und fand genau die Person, die ich vermutete. „Jarod!“ Meine Stimme klang nicht sehr erfreut und mein Gesichtsausdruck bestätigte das. Er saß auf der Couch und sah gelassen zu mir. Was dachte er sich nur?

Langsam stand er auf und stellte sich direkt vor mich. Mit seinem üblichen Grinsen im Gesicht sah er mich an. Ich wusste nicht was er bezweckte, doch ich würde es herausfinden. Meine Gedanken spielten verrückt und ich wusste nicht, was ich zuerst tun sollte.

Aus einem Reflex heraus zog ich schließlich doch meine Waffe. Ich trat einen Schritt zurück und setzte ihm die Waffe direkt auf die Brust. „Eine falsche Bewegung oder ein falsches Wort und Sie sind Geschichte. Sie kennen ja die Spielregeln.“

Doch er grinste nur weiter und riss mir in der nächsten Sekunde gekonnt die Waffe aus der Hand und fuchtelte damit herum. „Das würden Sie doch eh nicht tun. Das sind doch nur leere Worte.“

Er hielt mir meine Waffe wieder entgegen. Wütend nahm ich sie, steckte sie aber nicht weg. Seine Überheblichkeit machte mich noch wahnsinnig.

Er schien ablenken zu wollen. „Haben Sie das Essen schon gesehen? Genießen Sie es.“

Ich legte meine Stirn in falten. „Warum kochen Sie für mich? Sie haben doch da nichts reingemischt, oder?“

Jarod sah mich ernsthaft bestürzt an. „Was denken Sie von mir? Ich sorge nur dafür, dass Sie mal was essen.“

Frustriert hob ich die Hände in die Luft und steckte die Waffe doch weg. Es hatte ja doch keinen Sinn. Ich seufzte. „Was sind Sie, mein Aufpasser? Es ist meine Sache ob ich etwas esse oder nicht.“

„Aber das ist nicht gut für ihr Magengeschwür.“

Dieser Anblick, den Jarod mir bot, brachte mich nun völlig auf die Palme. Er stand da mit erhobenem Zeigefinger und hatte diese tadelnde Stimme aufgelegt. Das reichte mir. „Hören Sie auf damit! Was wollen Sie überhaupt hier? Haben Sie keine Angst davor, dass ich Sie ganz schnell wieder zurück ins Centre bringen könnte?“

Jarod drehte sich um und machte es sich wieder auf meiner Couch bequem. Er deutete mit seiner Hand auf den Platz neben sich. „Wir sollten mal wieder reden. Außerdem würden Sie mich nicht dorthin zurückbringen“

Ich hob eine Braue. „Woher wollen Sie das wissen?“

„Na ja, sagen wir ich weiß es einfach. Es ist ein Gefühl“

Ich seufzte erneut. „Und über was wollen Sie sich unterhalten?“

Jarod zuckte mit den Schultern. „Wir haben uns eine ganze Weile nicht gesehen. Da gibt es doch sicher einiges zu erzählen.“

Ich wusste nicht, was er bezweckte oder ob ich dieses Gespräch überhaupt wollte, weil ich eine Ahnung hatte, wie das wieder enden würde. Ich stand wahrscheinlich ein paar Minuten da, sah Jarod an und überlegte.

Sein Blick sagte mir so viel. Er bestand offensichtlich sehr darauf mit mir zu reden. Er flehte mich mit seinen Augen förmlich an. Mit einem Brummen setzte ich mich schließlich, in einiger Entfernung, zu ihm.

Ich wusste nicht, was er erwartete, das ich sagen oder erzählen würde. Also sollte er ruhig den Anfang machen. „Dann schießen Sie mal los, Wunderknabe.“

Jarod drehte sich und schaute mir direkt in die Augen. Ein Schauer lief über meinen Rücken. Dieser Blick, diese Augen, so verletzlich und doch stark. Ich hielt seinem Blick stand und versuchte daraus zu lesen, doch es war nicht einfach.

Er sah mich einfach nur an und sagte nichts. Ich wurde langsam nervös. Was erwartete er? Ich seufzte und versuchte meine eiserne Maske abzulegen. Dunkel erinnerte ich mich an das letzte Gespräch das wir führten, kurz nachdem wir die Insel verlassen hatten. „Haben Sie Ihre Mutter schon gefunden?“, fragte ich ehrlich neugierig.

Jarods Gesichtszüge verdunkelten sich und er schüttelte langsam den Kopf. „Nein, leider nicht. Ich hatte eine Spur, aber ich kam leider wieder zu spät.“

Das zu hören machte mich traurig. Ich konnte gut nachfühlen wie es ihm ging. Langsam merkte ich, wie auch die eisernen Mauern um mich herum verschwanden. Jarod schaffte das nur durch seine bloße Anwesenheit. „Ich wünschte ich könnte Ihnen irgendwie helfen.“

Jarod sah mich wieder direkt an. Wahrscheinlich versuchte er nun in meinen Augen zu lesen, ob ich das wirklich ernst meinte. Ich lächelte schmal.

Jarod war überrascht. „Warum würden Sie mir helfen wollen?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Schuldgefühle.“ Jarod zog seine Augenbrauen verwundert zusammen. Das brachte mich zum Lachen. „Na ja, sagen wir eher: Gerechter Ausgleich. Sie haben mir schon so oft geholfen. Außerdem war es ja auch meine Schuld, dass Sie ihre Mutter damals auf Carthis verpasst haben.“

Das zu sagen, war mir schon etwas unheimlich und machte mich etwas nervös, weil ich nicht wusste, wie er darauf reagieren würde. Ich lenkte mich ab, indem ich eine bequemere Position zum Sitzen suchte. Ich machte teilweise üble Verrenkungen bis ich schließlich auch meine Beine auf der Couch platziert hatte und in einer Art Schneidersitz Jarod gegenüber saß.

Der schaute mich an, als wäre er gerade erst auf die Welt gekommen. Doch da war noch dieser Glanz in seinen Augen...Ihm schien gefallen zu haben, was er gesehen hatte. Ich grinste vor mich hin. Jarod sah mich noch eine kleine Weile an und schüttelte dann mit dem Kopf.

„Das war damals nicht Ihre Schuld. Vielleicht war es Schicksal und es sollte einfach noch nicht sein.“

Verwundert hob ich eine Braue. „Schicksal? Ach kommen Sie Jarod! Das glauben Sie doch nicht etwa, oder?“

„Warum nicht? An die Prophezeiung der Schriftrollen, wenn wir wüssten, was sie aussagen, wollen wir doch auch glauben. Das wäre am Ende nichts anderes.“

Triumphierend grinste er vor sich hin. Aber so schnell gab ich mich nicht geschlagen. „Nichts anderes? Zwischen Vorhersagung und Schicksal gibt es für mich einen gewissen Unterschied. Außerdem wissen wir nicht mal ob das was in diesen verdammten Dingern steht auch wirklich wahr ist.“

Jarod fühlte sich scheinbar dazu ermutigt eine Diskussion anzuzetteln und hatte schon die nächstem Gedanken parat. Er kam ein kleines Stück näher. „Stimmt, wir wissen nicht ob sie wahr sind. Aber daran glauben wollen Sie trotzdem. Sie haben mir immerhin damals am Telefon gesagt, wir hätten etwas über unsere Zukunft in Erfahrung bringen können.“

Ertappt zuckte ich mit den Schultern und versuchte etwas abzulenken. „Wer will nicht wissen, was einen in der Zukunft erwartet?“

Jarod lächelte geheimnisvoll. „Ich will es nicht wissen. Die Gegenwart ist doch viel interessanter.“

In diesem Moment wusste ich nicht was ich antworten sollte. Ich dachte einen zweideutigen Ton aus seiner Stimme herauszuhören, als er die letzten Worte sprach. „Interessiert Sie nicht mal der Ansatz einer Vorhersagung. Jeder will doch wissen, ob er eine rosige Zukunft vor sich hat oder nicht.“

Er überlegte kurz. „Und was ist, wenn Sie erfahren würden, dass Sie keine rosige Zukunft erwartet?“

Darauf wusste ich spontan nichts schlagfertiges als Antwort, also zuckte ich nur wieder mit den Schultern. Jarod lächelte wieder siegessicher. „Am Ende ist es doch trotzdem uns überlassen, was wir aus unserer Zukunft machen. Deshalb kann man das auch nicht genau vorhersagen. Mit jeder Entscheidung ändern wir unsere Zukunft. Wir haben es in der Hand.“

Da kam mir ein Gedanke und ich hob meine Hand um seine volle Aufmerksamkeit zu bekommen. „Ja, schon! Aber, wenn die Prophezeiung wirklich wahr ist, ist es doch egal was wir tun, es läuft zwangsläufig darauf hinaus.“

Und sofort sah ich in Jarods Gesicht verschiedene Gefühle. Er war überrascht, überlegte und erkannte scheinbar schließlich, dass ich Recht hatte. Nun war ich diejenige, die siegessicher Lächeln durfte.

Es herrschte eine Weile Stille und ein Blick zu Jarod verriet mir, dass er tief in Gedanken versunken war. Dann hob er wieder den Kopf. „Das würde dann sicher auch Ihre Frage von damals beantworten.“

Ich war irritiert. „Welche Frage?“

Jarod rückte noch ein Stück näher. „Warum die eine Person trotz allem in den schlimmsten Momenten ihres Lebens immer bei Ihnen war. Vielleicht ist das auch prophezeit worden.“

Er hatte diesen Ausdruck in den Augen, der mir schon verriet worauf er hinaus wollte. Ich wurde immer nervöser. Ich sah hinunter auf meine Hände. Das erinnerte mich zu sehr an die damalige Situation und ich hatte irgendwie das Gefühl, dass er diesen Moment wieder aufleben lassen wollte.

Doch das ging einfach nicht. Ich sah wieder hoch und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Vielleicht steht in den Schriftrollen wirklich etwas über uns. Aber woher wollen wir wissen, dass es etwas Gutes ist?“

Jarod zuckte unbekümmert mit den Schultern. „Wir können es herausfinden.“

Er kam noch ein Stück näher und saß mir nun ganz nah gegenüber. Ich versuchte nach hinten auszuweichen. „Jarod...“, begann ich. Doch mehr konnte ich nicht sagen. Er legte seinen Zeigefinger auf meine Lippen und brachte mich zum Schweigen.

Dann nahm er mein Gesicht in seine Hände. Seine Berührungen elektrisierten mich. Ich war hin und her gerissen. Ein Teil in mir schrie mich an, ich solle mich befreien und dagegen ankämpfen. Der andere Teil sagte mir, ich solle mich einfach nur fallen lassen.

Sanft berührten seine Lippen meine und für einen Moment waren all meine Gedanken wie gelöscht. Es gab kein für und kein wider. Ich ließ es einfach geschehen, ohne eine Regung. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Es war, als hätte ich keine eigene Kontrolle über meinen Körper.

Jarod erhöhte den Druck auf meine Lippen und ich begann langsam seinen Kuss zu erwidern. Es fühlte sich an, als würden Blitze durch meinen Körper jagen und ein Feuerwerk würde hochgehen. Er hielt noch immer meinen Kopf in seinen Händen und seine Daumen streichelten über meine Wangen.

Ich begann den Kuss stärker zu erwidern, als mich plötzlich ein Geistesblitz durchzuckte und meine Gedanken mit aller Macht zurückkamen. Plötzlich realisierte ich, was ich da gerade tat und es fühlte sich nicht mehr so gut an, wie vor ein paar Sekunden.

Erschrocken stieß ich seine Hände von meinem Kopf, riss mich von ihm los und sprang auf.
Jarod sah mich irritiert an und ich konnte in seinen Augen einen Schimmer des Schmerzes sehen, den ich durch mein Handeln bei ihm ausgelöst hatte. Aber ich konnte es nicht ändern.

Es war nicht gut und er wusste das. Mir war selbst als würde mein Herz zerspringen, aber mein Verstand war eben doch stärker. Eine Weile saß er einfach nur da und sah mich an. Dann stand er langsam auf und kam auf mich zu. Ich wusste nicht was ich tun sollte und trat ein paar Schritte zurück.

Gleichzeitig streckte ich meinen Arm aus um ihn auf Abstand zu halten. Ich wollte nicht, dass er mir wieder zu nah kam, da das automatisch wieder einen Streit zwischen meinem Verstand und meinen Gefühlen ausgelöst hätte. Der Schmerz drängte sich mehr in Jarods Augen.

„Parker, was ist los?“

Ich schüttelte mit dem Kopf und versuchte wieder etwas Klarheit in meine Gedanken zu bekommen. „Jarod das geht nicht. Das ist falsch.“

Scheinbar verstand er es nicht. „Was ist falsch? Gefühle zu zeigen? Du hast doch nur Angst.“

Meine Augen weiteten sich und ich trat noch einen Schritt zurück. Was dachte er sich eigentlich? Wie konnte er nur so mit mir reden? Verzweiflung kam in mir auf weil ich nicht wusste was ich sagen oder wie ich reagieren sollte.

Wild gestikulierend fing ich an lauter zu schreien als gewollt. „Von wegen Angst. Das ist Vorsicht, Jarod. Ich will nicht tot im Fahrstuhl enden wie meine Mutter.“

Ich hatte das Gefühl ich klang zu hysterisch. Jarod verstand es noch immer nicht. „Woher willst du wissen, dass es zwangsläufig so endet?“

„Ach komm, du kennst das Centre und du weißt wozu die fähig sind. Da machen die auch vor mir nicht halt.“

Jarod kam noch einen Schritt näher. „Ich kann dir doch helfen. Zusammen kommen wir doch gegen die an.“

Ich wich wieder nach hinten aus und schüttelte energisch mit dem Kopf. „Nein, ich will das nicht, Jarod. Ich kann nicht den gleichen hoffnungsvollen Optimismus aufbringen wie du. Dafür ist in meinem Leben zu viel passiert.“

„Das ist doch nur eine Ausrede!“, sagte Jarod böse, „Du willst nur für deine Taten keine Verantwortung übernehmen müssen. Du tust doch am Ende immer das was die sagen. Ich dachte du hättest dich geändert.“

Das reichte mir. Ich konnte mir viel anhören, aber beleidigen lassen wollte ich mich nicht. Ich schnellte nach vorn und schlug Jarod mit meiner rechten Faust ins Gesicht. Er fiel überrascht und erschrocken nach hinten um und fing sich an der Couch auf. Damit hatte er nicht gerechnet.

Mit großen Augen sah er mich an. Scheinbar bereute er jetzt was er gesagt hatte. „Parker, ich...“

Ich war wütend und würde mich nicht so schnell besänftigen lassen. Drohend zeigte ich nur zur Tür. Doch er rührte sich nicht. Er wollte wieder auf mich zukommen. Ich trat noch einen Schritt zurück. „Raus aus meinem Haus.“, schrie ich und konnte nicht verhindern, dass mir Tränen die Wangen hinunter liefen.

Ich wollte diese Situation auch nicht, aber nun konnte ich es nicht mehr ändern. Wie ein geprügelter Hund ging Jarod traurig aus dem Haus. Ich fuhr mit meinen Händen über mein Gesicht, ging ein paar Schritte vorwärts und ließ mich lustlos auf die Couch sinken.

Die letzten Minuten schossen mir wieder und wieder durch den Kopf und lösten eine Welle von Emotionen aus, die über mich hereinbrach. Ich wusste, dass er Recht hatte, wollte und konnte es aber nicht zugeben. Eingestehen musste ich es mir dennoch.

Verzweifelt zog ich meine Beine auf die Couch, an meinen Körper heran und vergrub meinen Kopf. Ich begann haltlos zu weinen. Was hatte ich nur getan? Ich hatte Jarod zu unrecht schlecht behandelt und eine Freundschaft vielleicht für immer zerstört.

The Centre
Blue Cove, DE
Am nächsten Morgen


Mit heftigen Kopfschmerzen schlich ich durch die Gänge des Centres, nicht wissend wo ich hingehen sollte. Zu Hause wollte ich auch nicht bleiben. Da hätte ich Angst, mir würde vor Langeweile die Decke auf den Kopf fallen. Außerdem erinnerte mich dort alles an meinen Streit mit Jarod.

Ich seufzte. Nie hätte ich gedacht, dass mich ein Streit mit ihm so mitnehmen würde. Wir hatten uns schon oft gestritten, aber gestern war es irgendwie anders, schlimmer. An die Dinge, die danach noch passierten erinnerte ich mich kaum.

Ich wusste noch, dass ich lange auf der Couch gesessen haben musste. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass durch den Streit auch viele andere Emotionen wieder in mir aufkamen. Ich erinnerte mich kaum, wann ich das letzte mal so weinte. Es war mir unangenehm daran zu denken.

Warum gerade ich so sensibel reagieren musste! Ich wollte schon den Kopf schütteln, aber jede schnelle Bewegung erinnerte mich noch stärker an meine Kopfschmerzen, denn ich hatte, nachdem ich mich wieder beruhigt hatte, etwas viel getrunken. Vielleicht erinnerte ich mich dadurch nicht mehr. Es war aber vielleicht auch besser so.

Ich hatte keine Lust alleine in meinem Büro herumzusitzen, weil ich dadurch auch nicht vom Nachdenken abgehalten wurde, also ging ich ins SimLab um zu sehen, was Sydney gerade machte. Ich kam von oben herein und sah über das Geländer hinweg nach unten, wo er sich gerade von einem seiner Projekte verabschiedete.

Seine Studie darüber schien also beendet zu sein. Langsam ging ich nach unten. Sydney war schon wieder in seinem Büro, also klopfte ich an und trat schmal lächelnd ein. Sydney sah auf und lächelte auch. „Guten Morgen, Miss Parker. Was verschafft mir die Ehre?“, fragte er charmant.

Ich zuckte mit den Schultern. Im Grunde wusste ich es auch nicht. Ich wollte einfach nicht allein sein. Als ich näher kam und mich ihm gegenüber setzte verschwand sein Lächeln und er studierte mich leicht besorgt.

Als ich heute Morgen in den Spiegel sah, was ich hätte vermeiden sollen, waren meine Augen gerötet und ich war blass, als wäre ich tot. Na ja, ich fühlte mich auch fast so. Ich wusste, dass Sydney das merkte und Fragen stellen würde, also fing ich an zu reden, obwohl ich es eigentlich nicht wollte.

Aber ein kleiner Teil in mir schrie, es raus zu lassen. „Ich hatte gestern einen furchtbaren Streit mit Jarod.“ Ich beobachtete Sydneys Reaktion.

Er hob verwundert seine Augenbrauen. „Sie haben mit Jarod gesprochen? Also haben Sie herausgefunden wo er war, oder hat er sich gemeldet?“
Ich lehnte mich zurück. „Beides. Durch das Paket, was er mir geschickt hat, hat er mir mitgeteilt wo er war und gestern saß er in meinem Wohnzimmer, als ich nach Hause kam.“

Sydney grinste etwas bei dem Gedanken. „Jarod ist wagemutig.“

Ich wusste, was er damit sagen wollte und warf ihm einen bösen Blick zu.
Sydney grinste jedoch weiter. „Warum war er nach all der Zeit plötzlich bei Ihnen?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Er sagte, er wollte mal wieder mit mir reden, aber ich habe das Gefühl, da hat mehr dahinter gesteckt.“

Sydney zog verwundert seine Brauen zusammen. „Wie meinen Sie das?“ Sein Interesse war mehr als geweckt.

„Er hat seltsame Andeutungen gemacht, auf etwas, was damals auf der Insel passiert ist. Es schien so, als wollte er krampfhaft versuchen diesen Moment wieder aufleben zu lassen.“

Sydney nickte bedächtig, sah mich dann eindringlich an. „Was war damals passiert?“

Ich hob die Hände auf Brusthöhe. „Sie würden es mir doch nicht glauben.“

Sydney lächelte schmal. Er konnte sich wohl gut vorstellen, was ich meinte. Er wusste von nichts was damals geschah und doch machte er immer den Eindruck, als wäre er dabei gewesen. Ich seufzte etwas, weil Sydney ja doch nachfragen würde.

„Ein schlimmer Sturm zog auf, als wir auf der Insel herumliefen. Wir haben uns bei dieser alten Frau, Ocee...“ Ich machte eine kurze Pause, als ich an sie dachte. Ocee war ein Engel, sie hat uns sehr geholfen., „ausgeruht und als wir da allein vor dem Kamin saßen... entstand so eine seltsame Vertrautheit.“

Ich sah Sydney an. „Das klingt total bescheuert, oder?“

Sydney lachte. „Aber nein, das tut es nicht. Sie beide waren früher Freunde. Warum soll diese Freundschaft nicht auch heute noch existieren?“

Nun war ich an der reihe eine Braue zu heben. „Nach all dem, was in den letzten Jahren passierte? Das kann keine Freundschaft aushalten.“

Sydney lächelte väterlich. „Ich denke doch. Jarod hat ihre Freundschaft nie aufgegeben. Darum behielt er ja auch immer Kontakt zu Ihnen. Und in Momenten, ohne jegliche Störung, wie das Centre, kann die alte Vertrautheit wieder aufleben.“

Ich sah ihn einfach nur an. Manchmal könnte ich ihn schon allein dafür umbringen, dass er ständig Recht hatte. „Vielleicht.“, gab ich nach einer Weile geschlagen zu. „Aber es war auch irgendwie anders als früher.“

Sydney nickte etwas. „Sie beide sind ja auch Erwachsen. Da ändert sich viel.“

Ich seufzte. „Ja, das macht alles nur komplizierter.“ Ich faltete meine Hände. „Wir haben uns damals einfach nur unterhalten. Aber dann war da dieser Moment.“

Sydney beugte sich etwas nach vorn. Es schien, als sterbe er bald vor Neugier. „Was für ein Moment?“

„Es war von einer Sekunde zur Nächsten anders. Wir kamen uns immer näher...bis...Ocee ins Zimmer kam.“

Sydney legte die Stirn in Falten. „Die alte Frau?“

Ich nickte. „Ja. Sie war blind. Sie hat nicht gesehen, was wir taten und als ich realisierte was da beinah passiert wäre...war es mir mehr als unangenehm.“

Sydney nickte bedächtig vor sich hin. „Wenn der Verstand die Oberhand hat kommt einem alles anders vor, als wenn man sein Herz sprechen lässt.“

Ich sah ihn an. War er verrückt geworden? „Nun werden Sie mal nicht philosophisch!“ Ich dachte nach. „Aber irgendwie war es schon so. Ich habe für einen Moment mal nicht nachgedacht.“

Sydney beugte sich noch etwas vor. „Und wie hat es sich in diesem Moment, als sie nicht nachdachten, angefühlt?“

Ich sah Sydney direkt in die Augen und dachte auch jetzt nicht nach, als ich antwortete. Ich ließ mein Herz sprechen. „Es war ein schönes Gefühl.“, sagte ich ohne Umschweife.

Sydney lehnte sich leicht triumphierend wieder zurück.
Ich schüttelte leicht mit dem Kopf. „Und doch hat es alles komplizierter gemacht.“

Sydney verschränkte überlegend die Arme. „Das Leben ist nun mal kompliziert. Herzensangelegenheiten können uns schon mal aus der Fassung bringen. Wir müssen versuchen die Kontrolle über diese Situationen zu behalten.“

„Und wie? Wie soll man das schaffen, wenn das alles so plötzlich auf einen einstürmt?“ Ich seufzte. „Es war so seltsam als er gestern so plötzlich in meinem Haus war. Die Situation war von der ersten Sekunde an wieder so wie damals.“

Sydney lehnte sich wieder etwas vor. „Und was haben Sie getan?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Das Gleiche wie immer. Ich hab ihn zuerst mit meiner Waffe bedroht. Dann hab ich es aufgegeben, weil es doch keinen Sinn hatte. Und später saßen wir uns auf meiner Couch gegenüber, haben uns unterhalten und...“

Ich stoppte plötzlich, als mir bewusst wurde, was ich gerade erzählen wollte. Aber im Grunde war es schon zu spät. Sydney zog fragend die Augenbrauen hoch. „Und?“

Ich knetete meine Hände und rutschte auf dem Stuhl etwas nach unten. „Und wir haben uns geküsst.“, sagte ich etwas kleinlaut.

Sydney in diesem Moment zu beobachten war interessant. Man konnte die verschiedensten Emotionen sehen. Aber am meisten war die Überraschung zu vermerken. Seine Augen weiteten sich und sein Mund öffnete sich, obwohl er nichts sagte.

Dann zog er seine Brauen zusammen. „Jarod hat also die Initiative ergriffen und sie haben sich nicht gewehrt?“

Ich schüttelte den Kopf. „Zumindest am Anfang nicht. Aber als ich dann über die Situation nachdachte...kam es mir falsch vor.“

Sydney lächelte schmal. „Wo wir wieder beim Thema wären.“

Ich nickte. „Es ist doch immer das Gleiche.“

Sydney wurde wieder neugierig. „Was haben Sie dann gemacht?“

„Ich habe ihn weggestoßen, bin auf Abstand gegangen...und dann hab ich ihn rausgeworfen.“

Sydney nickte vor sich hin. „Das war dann wohl der Streitpunkt.“

Ich nickte. „Ja. Er wollte es nicht verstehen.“ Ich wurde wieder traurig als ich an diese Situation dachte. „Ich glaube, jetzt ist es doch vorbei mit der Freundschaft.“

Sydney sah sie überlegend an. „Woher wollen Sie das wissen? Jarod war nie nachtragend. Am Ende hat er Sie immer verstanden.“
Ich nickte vor mich hin. Irgendwie hoffte ich, dass er Recht hatte.

Nach ein paar Sekunden der Stille kam mir wieder in den Sinn, dass ich auch noch arbeiten musste. Ruckartig stand ich auf. „Ich muss wieder in mein Büro.“ An der Tür drehte ich mich noch mal um und lächelte Sydney dankbar an. „Danke fürs Zuhören.“ Damit verschwand ich. Einerseits war es seltsam mit Syd zu reden, weil ich so was nie vorher getan hatte. Aber andererseits war es gut und befreiend.

Sydney sah ihr noch eine Weile nach und dachte über das nach, was sie ihm gerade alles erzählt hatte. Es schien sie sehr mitzunehmen. Es wunderte ihn schon sehr. Die Situation zwischen Jarod und Miss Parker schien sich ständig zu ändern, seit sie und Jarod auf der Insel waren. Er wusste nicht recht, wie er das deuten sollte. Einerseits war es gut, weil sie sich näher gekommen waren, andererseits traten die beiden immer noch auf der Stelle, durch den Streit am vorigen Tag.

Miss Parkers Haus
Blue Cove, DE
3 Tage später


Es war bereits spät in der Nacht, als ich durch die Tür meines Hauses trat. Ich war müde. Den ganzen Tag wurde ich von allen beschäftigt. Einerseits war es eine gute Ablenkung, andererseits zerrte es an meinen Kräften. Keiner im Centre war mehr in der Lage etwas allein zu tun.

Zudem hingen mir auch Lyles und Raines im Nacken um mich wegen Jarods Verfolgung auszufragen bzw. aufzuziehen. Lyle war es doch ganz recht, wenn ich nicht voran kam und er eine Möglichkeit bekam sein Können unter Beweis zu stellen, wenn er denn das Können besitzt.

Er war schon immer groß darin, sich gewisse Dinge einzureden. Und Raines... Er tat immer so, als würde er uns gleich behandeln, aber tief im Inneren überkam mich des Öfteren das Gefühl, er mochte Lyle von Anfang an lieber als mich – nicht, dass es mich stören würde.

Ich brauchte niemanden, der mir in den Hintern kroch und schon gar niemanden, der mich beschattete. Am Ende war es mir persönlich egal ob es mit Jarods Jagd Fortschritte gab. Ich versuchte immer mehr Abstand davon zu bekommen. Ich wollte das alles eigentlich nicht mehr.

Aber das konnte ich wohl kaum jemandem auf die Nase binden. Die warteten doch nur darauf, dass sie mir einen Fehler nachweisen können, was denen – so schwor ich es mir vor langer Zeit schon – nie gelingen würde, sofern es überhaupt Fehler gab, die man nachweisen konnte. Jeder definierte diesen Begriff immerhin anders.

Ich ließ meine Tasche neben der Tür fallen, hängte meine Jacke auf und ging ins Wohnzimmer, an meiner Hausbar vorbei. Seltsamerweise hatte ich gar kein Verlangen nach einem Drink. Ich wollte mir nur hinsetzen und abschalten. Genießerisch schloss ich die Augen und ließ meine Gedanken aus dem Sinn....einfach nur ausruhen.

Ich erschrak, als das plötzliche Klingeln des Telefons mich brutal aus meinen Gedanken riss. Ein paar Sekunden starrte ich es an. Ich wusste instinktiv wer an der anderen Leitung war und war mir nicht sicher, ob ich dieses Gespräch führen wollte. Andererseits wusste ich, dass er mir ohnehin so lange auf die Nerven gehen würde, bis ich mit ihm redete.

Nach einer kurzen Weile des Zögerns nahm ich also schließlich den Hörer ab und murmelte mit leicht schläfriger Stimme mein gewohntes „Was?“. Am anderen Ende war es kurz ruhig. Scheinbar überlegte er, was er sagen sollte. Dann wagte er einen Ansatz.

„Sie hören sich seltsam an. Geht es Ihnen gut?“, fragte Jarod in einer Stimme, die ausdrückte, dass er sich Sorgen machte, aber es klang auch ein Hauch von Ignoranz heraus, als würde es ihn eigentlich nicht interessieren und als hätte er nur gefragt, weil er ein höflicher Mensch war.

Ich seufzte. „Ich bin müde, also kommen Sie zum Punkt.“ Ich konnte Jarod tief atmen hören. Zum ersten Mal, seit ich im quer durch Amerika verfolgte, schien es mir, als wäre er sich unsicher.

Er begann. „Ich habe lange überlegt, wegen dem Abend vor ein paar Tagen....“ Er unterbrach sich selbst. Vielleicht war es jetzt an mir ihn ausnahmsweise etwas von seinen Sorgen zu erlösen. „Sie müssen sich für nichts entschuldigen. Ich habe überreagiert.“

Jarod wurde energischer. „Nein, geben Sie sich nicht selbst die Schuld. Ich hätte es trotzdem lassen müssen. Ich wusste doch eigentlich, dass Sie das nicht wollten.“ Er klang etwas geknickt. Das brachte mich zum Lachen.

Es musste sich verrückt anhören. Jarod und ich stritten uns, wer Schuld hatte. „Wir sind wirklich 2 Problemfälle.“ Ich versuchte wieder ernster zu werden. „Sie haben verletzt gewirkt, als sie.... gegangen sind.“

Meine Stimme wurde leiser. Es fiel mir schwer meine Gefühle zum Ausdruck zu bringen, weil ich immer erwartete, dass etwas schlechtes passierte. Jarod dagegen besann sich wieder. „Das war halb so wild. Sydney hat mir geholfen, die ganze Sache besser zu verstehen.“

Ich verzog etwas belustigt das Gesicht. „Sie haben auch mit Sydney gesprochen?“

„Ja, er rief mich vorgestern an.“

Ohne, dass er es natürlich sehen konnte, schüttelte ich den Kopf. „Vor 3 Tagen habe ich mit ihm gesprochen. Es scheint so, als würde unser Freund wollen, dass wir uns wieder vertragen.“

Das brachte auch Jarod zum Lachen. „Ja, es scheint so.“ Es entstand eine scheinbar sehr lang anhaltende Stille. Jarod räusperte sich. „Meinen Sie, wir könnten Sydney seinen Wunsch erfüllen und uns wieder vertragen?“

Ich lächelte. Es kam mir vor, als wären wir wieder Teenager. „Warum nicht. Es wird auf die Dauer doch langweilig, wenn mich keiner nervt und mitten in der Nacht aus dem Bett klingelt.“ Es entstand wieder eine Pause, die dieses Mal angenehm war.

Stillschweigend tauschten wir die Gedanken aus, die wir sonst nie aussprechen würden. Wir wussten, was der andere gerade dachte und wir waren uns einig. Irgendwie kamen wir einfach nicht voneinander los.

Doch, so verrückt es auch war, gerade das gab mir eine gewisse Sicherheit und den Halt, den ich brauchte um meine Aufgaben und den Alltag zu meistern.
Ich gähnte und rieb mir über die Augen. „Ich weiß nicht, was Sie jetzt tun, aber ich hätte schon Lust auf etwas Schlaf.“

„Schlaf klingt gut.“

Ich lächelte. „Gute Nacht, Jarod.“

Miss Parkers Haus
Blue Cove, DE
1 Monat später


Ich drehte mich immer wieder von einer Seite auf die andere. Schon seit Tagen konnte ich nicht richtig schlafen und dazu kamen auch noch diese Geräusche, die ich plötzlich ständig hörte. Irgendwie überkam mich zurzeit das Gefühl ich würde verrückt werden.

Nach minutenlangem Kampf mit mir selbst, beschloss ich, doch aufzustehen. Vor allem, weil mich gerade wieder dieses Gefühl überkam. Mein Magen machte mir schon seit Tagen wieder mal Probleme, so, dass ich sogar manchmal auf Arbeit ausfallen musste.

Ich trank weiterhin das Mittel gegen mein Magengeschwür, was mir vom Arzt verschrieben wurde, aber es wollte nicht so recht helfen. Ruckartig stand ich auf und merkte, wie sich dieses Gefühl urplötzlich verstärkte und mir übel wurde. Schnell rannte ich ins Bad, das Gott sei Dank nicht weit entfernt war und übergab mich.

Ich stand schließlich wieder auf und betrachtete mich im Spiegel, nachdem ich mir das Gesicht gewaschen hatte. Ich war blass und hatte leichte Augenringe. Ich seufzte und fuhr mir frustriert mit einer Hand durch die Haare. Ich hoffte, meine Magen würde sich irgendwann wieder beruhigen.

Ich wollte gerade wieder in mein Schlafzimmer gehen, als ich wieder dieses seltsame Geräusch hörte. Sofort blieb ich stehen und versuchte zu hören was es war oder wo es herkam. Da war plötzlich auch noch ein Zischen und ich hatte das Gefühl eine Stimme zu hören.

Mit einer Ahnung was es sein könnte, schloss ich die Augen und konzentrierte mich. Die Stimme wurde nach und nach deutlicher und ich erkannte sie. Es war die Stimme meiner Mutter. „Mom“, murmelte ich überrascht. Ich konnte sie tatsächlich hören.

Sie sagte immer wieder. „Denk an deine Gesundheit. Sei nicht nachlässig.“ Ich öffnete irritiert die Augen und wurde lauter. „Was meinst du damit?“
„Es ist nicht dein Magen, der dir Probleme bereitet.“

Ich war verwirrt. Was sollte das heißen? Warum sagte sie mir das? Warum hörte ich sie so plötzlich? Kopfschüttelnd ging ich zurück ins Schlafzimmer um mich für die Arbeit anzuziehen. Es ging mir noch nicht richtig gut, aber ich hoffte, dass es durch die Arbeit vergessen wäre und sich von allein geben würde.

Ich lief herum, suchte meine Sachen zusammen und mein Blick fiel zufällig auf meinen Kalender, der an der Wand hing. Erst jetzt wurde mir klar welches Datum wir gerade hatten. Ich stand da und starrte eine Ewigkeit – zumindest kam es mir so vor – auf den Kalender und überlegte.

Plötzlich kam mir ein Gedanke und mein Herz schlug höher. Ich hatte eine Vorahnung. Ich rannte ins Wohnzimmer, nahm meine Tasche und suchte darin herum bis ich meinen Terminplaner fand. Darin herumstöbernd suchte ich nach der Antwort auf die Frage, die mir im Kopf herumschwirrte.

Ich blätterte das heutige Datum auf, sah die Notizen, die ich mir gemacht hatte und musste erkennen, dass es leider doch wahr war. Ich war eine ganze Woche überfällig.

Das war mir bisher in meinem ganzen Leben noch nicht passiert und so langsam ergaben auch die Sätze meiner Mutter einen Sinn. Ungläubig setze ich mich auf die Couch, die ganz in meiner Nähe stand und atmete tief durch. Das konnte einfach nicht wahr sein.

Fortsetzung folgt

So, ich hoffe es hat euch bisher gefallen. Diese Geschichte zu schreiben ist nicht einfach. Deshalb müsst ihr fleißig Feedback schreiben, wenn ihr mehr lesen wollt.
Anmerkung: Aus technischen Gründen (mein Pc ist kaputt) ist der zweite Teil dieser Geschichte zusammen mit einigen anderen Daten verloren gegangen, leider. Das heißt, eine Fortsetzung dauert jetzt noch etwas länger. Ich hoffe ihr habt Verständnis dafür :) Aber ich habe schon wieder eine Idee. *g*











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