Table of Contents [Report This]
Printer Chapter or Story Microsoft Word Chapter or Story

- Text Size +

Rechtliche Hinweise: Die bekannten Charaktere der Fernsehserie "The Pretender" gehören nicht mir, sondern MTM und NBC Television. Ich habe sie mir nur ausgeliehen. Alle anderen Charaktere sind mein 'Eigentum'. Diese Story wurde nur zu meinem Vergnügen und dem anderer Fans geschrieben und veröffentlicht. Ich verfolge damit keinerlei finanzielle Interessen irgendeiner Art.

Spoiler: Bis in die dritte Staffel. Dazu ein paar Worte... Als Pretender-Junkie halte ich mich auf dem laufenden und kann auch dem kleinsten Spoiler nicht widerstehen. Bei dieser Geschichte habe ich mich aber nicht streng an die Ereignisse der dritten Staffel gehalten, sondern manches weggelassen und einiges dazu erfunden. Aber wenn ich mit den Entwicklungen dieser Staffel hundertprozentig zufrieden wäre, würde ich ja keine Fanfic schreiben...

Zur Story: Eine kleine "Was wäre wenn"-Geschichte. Miss Parker greift zu verzweifelten Maßnahmen, und dadurch nimmt nicht nur ihr Leben eine unerwartete Wendung...

Und jetzt: Viel Spaß beim Lesen!




Einsichten

Teil I
von Miss Bit






Prolog
SL-22
Das Centre
Blue Cove, Delaware
23:45



Eine unheimliche Kombination von Geräuschen erklang in dem dunklen Korridor, der zu einem Raum führte, den Lyle gerne als Halle der Wahrheit bezeichnete. Zuerst war ein leises, aber beständiges Quietschen zu hören, wie von einer selten benutzten, schlecht geölten Tür. Dann gesellte sich ein unregelmäßiges, keuchendes Atemgeräusch hinzu.

Mr. Raines schleppte sich mit der für ihn typischen behäbigen Geschwindigkeit durch den Flur, bis er den Raum mit der Bezeichnung SL-22-157 erreicht hatte. Er preßte seine Hand auf eine unscheinbare Fläche neben der Tür, die daraufhin geräuschlos zur Seite glitt.

Mr. Lyle verließ sein Versteck. Es war nicht nötig, Raines zu folgen - er hatte andere Möglichkeiten, um herauszufinden, was auf der anderen Seite der Tür vor sich ging. Ein paar Türen weiter befand sich ein kleiner Raum, der früher einmal als Aufenthaltsraum für Raines Sweeper gedient hatte. Dort hatte Lyle seine Ausrüstung aufgebaut, die es ihm erlaubte, alles zu verfolgen, was in der Halle der Wahrheit passierte.

Die Halle war Raines private Folterkammer, und Lyle hatte keinen Zweifel daran, daß Jarods erster Weg ihn dorthin führen würde, sobald es Miss Parker gelungen war, ihn ins Centre zurückzubringen. Aber das war nicht sein Problem. Er war aus einem ganz anderen Grund hier. Der Grund hieß Mr. Parker.

Rein zufällig hatte Lyle mitbekommen, wie die beiden sich hier verabredet hatten. Sein ausgeprägter Überlebensinstinkt ließ ihn vermuten, daß die beiden etwas planten, möglicherweise sogar gegen ihn. Diesmal wollte Lyle darauf vorbereitet sein. Er schaltete die Überwachungsgeräte ein und sah gespannt auf den Monitor.

"... ist nicht mehr als eine Gefährdung für uns alle", zischte Raines gerade wütend. Der alte Parker verzog das Gesicht - schwer zu sagen, ob verärgert oder gelangweilt.

"Sie ist immerhin meine Tochter, Raines."

Oh, es geht hier überhaupt nicht um mich, dachte Lyle einigermaßen fasziniert. Offenbar hat meine Schwester mich für den Augenblick von Raines Abschußliste verdrängt. Was für eine Verschwendung.

"Seit wann spielen Familienbindungen hier eine Rolle?"

"Ich werde meine Zustimmung nicht einfach so erteilen", donnerte Parker, jetzt eindeutig wütend. "Sie bekommt noch eine letzte Chance - dann können Sie tun, was immer Sie für richtig halten."

"Eine sehr vernünftige Entscheidung", keuchte Raines spöttisch, doch dann fuhr er ärgerlich fort. "Ihr Zögern wegen Catherines Einmischung hat uns viel Ärger eingebracht."

"Das wird nicht noch einmal passieren, dafür werde ich persönlich sorgen."

"Hoffentlich."

Raines drehte sich um und schlurfte zur Tür, während Lyle beeindruckt mit der Zunge schnalzte. Seine Schwester steckte in weitaus schlimmeren Schwierigkeiten, als er vermutet hatte. Und sie ahnte nicht das Geringste.



Sydneys Büro
Das Centre
Blue Cove, Delaware
10:21



"Hallo, Sydney. Haben Sie etwas Zeit?"

"Hallo, Miss Parker. Worum geht es denn?"

"Ich möchte Sie etwas fragen. Die Roten Akten spielen dabei eine Rolle."

"Also hat es etwas mit Jarod zu tun", schloß Sydney. Miss Parker verzog das Gesicht.

"Nein, nicht wirklich. Nur indirekt."

"Miss Parker, Sie werden schon etwas deutlicher werden müssen."

Sie beugte sich vor und sah ihm direkt in die Augen.

"Helfen Sie mir dabei, eine Simulation zu machen."



SL 7
Das Centre
Blue Cove, Delaware
10:35



"Miss Parker, das ist verrückt."

"Vielen Dank, Dr. Freud", gab sie trocken zurück.

Ihr war klar gewesen, daß Sydney die Idee überhaupt nicht mögen würde, aber das spielte für sie kaum eine Rolle. Allerdings brauchte sie seine Hilfe, um die Simulation durchzuführen.

"Sie sind kein Pretender, der Versuch wäre also sinnlos."

"Die Roten Akten sagen etwas anderes. Syd, Sie wissen so gut wie ich, daß jedes Kind, über das eine solche Akte angelegt wurde, eine besondere Fähigkeit besitzt. Alles, was ich möchte, ist herauszufinden, ob das auch für mich gilt."

Sydney schien über ihr Argument nachzudenken, dann neigte er den Kopf.

"Mal angenommen, Sie besitzen tatsächlich eine natürliche Begabung... Warum hat Raines dann nie versucht, das auszunutzen?"

"Vielleicht hat meine Mutter mich beschützt. Vielleicht erschienen die Talente der anderen Kinder auch einfach nur lohnenswerter. Wer weiß schon, was in seinem kranken Hirn vor sich geht? Fragen Sie ihn, nicht mich." Miss Parker zögerte kurz. Als sie weitersprach, nahm ihre Stimme einen drängenden Ton an. "Kommen Sie schon, Sydney. Ich möchte doch nur Gewißheit haben. Eine einzige Simulation. Dabei kann doch nicht viel schiefgehen, oder? Es ist ja nicht so, daß sie ein Kind ausnutzen, das nicht ahnt, was es da tut. Ich habe mich aus freien Stücken dazu entschieden."

An Sydneys Reaktion erkannte sie, daß sie mit ihrer Argumentation ins Schwarze getroffen hatte. Ihn plagten noch immer Schuldgefühle wegen Jarod. Es dauerte lange, bis er schließlich antwortete. Er klang resigniert.

"Sie haben gefragt, was schiefgehen kann. Nicht viel, wenn Sie kein Pretender sind. Sollten Sie aber wirklich die Gabe besitzen, kann das hier sehr gefährlich werden. Ich kann Sie vielleicht nicht beschützen."

Sie ging zu ihm und legte ihm kurz die Hand auf die Schulter.

"Schon gut, Sydney. Ich trage das Risiko. Was auch immer passiert - Sie trifft keine Schuld. Oh, und noch etwas. Ich habe nichts dagegen, wenn die Kameras eingeschaltet sind, aber außer Ihnen soll niemand etwas davon erfahren. Raines macht mir das Leben auch so schon schwer genug."

Sydney nickte und ging zu einem der Schränke, die in dem Simulationsraum standen. Nachdem er ihn geöffnet hatte, betrachtete er eine Weile den Inhalt, um dann eine Diskette herauszunehmen. Zögernd ging er damit zurück zu Miss Parker. Neugierig sah sie auf den Datenträger in seiner Hand.

"Was ist das?" wollte sie von ihm wissen.

"Eine Simulation, die die Regierung bei uns in Auftrag gegeben hat. Das... Problem hat sich allerdings von selbst gelöst, bevor Jarod die Gelegenheit hatte, daran zu arbeiten. Deshalb hat er die Diskette bei seiner Flucht wohl auch zurückgelassen. Für eine erste Simulation ist sie zwar nur bedingt geeignet..."

"Lassen Sie uns anfangen."

"Miss Parker!" Sie sah ihn überrascht an, als sie den wütenden Unterton in seiner Stimme hörte. Normalerweise blieb er immer ruhig, selbst wenn sie versuchte, ihn zu reizen. "Das hier ist kein Spiel! Selbst Jarod hat einige Vorbereitungszeit und ein spezielles Training gebraucht, bevor er angefangen hat, Situationen zu simulieren. Das hier ist Wahnsinn."

"Sydney, ich weiß das. Aber mir läuft die Zeit davon. Wie lange, glauben Sie, wird das Centre noch dabei zusehen, wie Jarod uns immer wieder entwischt? Ungewöhnliche Situationen erfordern eben ungewöhnliche Methoden."

Sydney sah sie lange an, ehe er nachgab.

"Bevor wir anfangen, gibt es noch einige Regeln, die Sie unbedingt beachten müssen. Hören Sie mir jetzt gut zu..."



SL 7
Das Centre
Blue Cove, Delaware
15:13



"Was sehen Sie?"

"Da sind... mehrere Autos hinter mir. Es ist die Polizei!"

"Was denken Sie?"

"Ich... ich weiß nicht. Ich habe Angst..."

"Miss Parker, konzentrieren Sie sich! Was denken Sie?"

Sie befand sich mitten in einer Simulation. Die Situation war ihr denkbar einfach erschienen, dennoch bereitete sie ihr jetzt erhebliche Probleme. Es ging um Ruth Stiller, eine junge Frau, die vor beinahe zwanzig Jahren eine Bank überfallen hatte und dann mit der Beute quer durch drei Staaten geflohen war. Offenbar war der Überfall mehr eine spontane Idee gewesen, was die Flucht erschwert hatte.

"Was denken Sie?"

Sydneys Stimme riß sie aus ihren Gedanken. Miss Parker versuchte, sich auf Ruth einzulassen, sich in ihre Situation einzufühlen so gut sie konnte, aber sie sträubte sich noch immer dagegen, sich zu öffnen.

"Ich beginne, mir Vorwürfe zu machen. Gleichzeitig versuche ich fieberhaft, mir etwas einfallen zu lassen, wie ich wieder hier rauskomme. Die Polizeiautos kommen immer näher! Ich gerate in Panik. Ich muß hier raus. Im Auto bin ich nicht länger sicher."

"Was tun Sie als nächstes?"

Nachdem Ruth das Auto verlassen hatte, war sie in ein kleines Restaurant gerannt, wo sie mehrere Geiseln genommen hatte. Sie benutzte dazu die Waffe, die sie dem uralten Wachmann in der Bank abgenommen hatte. Nach und nach war es der Polizei gelungen, sie dazu zu überreden, alle bis auf zwei Geiseln gehen zu lassen.

"Wieso lassen Sie die letzten beiden Geiseln nicht auch gehen?"

"Ich brauche sie noch. Was hindert die Polizei denn, mich zu erschießen, wenn ich sie auch noch gehen lasse? Sie müssen bleiben, aber ich werde ihnen nichts tun."

"Wieso glauben Sie, daß die Polizei Sie erschießen wird, wenn Sie alle Geiseln gehen lassen?"

"Es... es ist nur ein Gefühl."

"Miss Parker, Sie müssen sich konzentrieren."

"Verdammt, Sydney, ich bin konzentriert! Das ist es, was ich in diesem Moment fühle - was sie empfunden hat."

Innerlich fragte sie sich, ob dem wirklich so war. Vielleicht war es nur das, von dem sie glaubte, daß Ruth es gefühlt haben mußte. Sie bemühte sich, tief und gleichmäßig zu atmen, so wie Sydney es ihr gezeigt hatte. Wenn es ihr nicht gelang, die letzte Sperre in sich zu lösen, konnte sie keinen Zugang zu Ruth finden.

"Was passiert jetzt?"

Sie griff nach den beiden Beuteln, die denen ähnelten, in denen Ruth ihre Beute transportiert hatte. Ihr Blick glitt wie von selbst zu dem großen Spiegel hinter dem Tresen. Etwas Blaues blitzte kurz darin auf - und dann verlor Miss Parker plötzlich die Kontrolle über sich. Für einen Sekundenbruchteil hörte sie auf, sie selbst zu sein und wurde zu Ruth. Sie sah, was sie gesehen hatte, fühlte, was sie gefühlte hatte, wußte, was sie gewußt hatte.

Eine unglaubliche Panik bemächtigte sich ihrer. Von ihrer inneren Stimme getrieben sah sie in einen der Beutel, und statt Geld sah sie Dokumente darin. Wieso hatte man ihr das gegeben? Sie hatte doch den Tresorinhalt verlangt...

Plötzlich zerriß ein Schuß die Stille. Eine der Geiseln schrie auf. Die andere Geisel war leblos in sich zusammengesackt, getroffen von einem tödlichen Schuß. Fassungslos starrte Ruth auf ihre Waffe. Dann flog die Tür auf, und bewaffnete Polizisten stürmten das Restaurant. Ruth wußte, was jetzt passieren würde - sie hatte es die ganze Zeit geahnt. Sie schrie, als die ersten Kugeln sie trafen, bis ein Schuß in den Kopf sie für immer zum Schweigen brachte.



Miss Parker schrie und schrie. Sydney kniete hilflos neben ihr am Boden und versuchte, sie zu beruhigen. Verdammt, er hätte es kommen sehen sollen! Sie hatte auf seine letzten Fragen nicht reagiert, dann hatte sich ihre gesamte Haltung plötzlich verändert. Fassungslos hatte Sydney dasselbe Wunder beobachtet, das er auch schon bei Jarod gesehen hatte, doch dann war alles anders gelaufen, als er es erwartet hatte.

Zunächst hatte es ohnehin nicht so ausgesehen, als würde sich Miss Parker auf die Simulation einlassen. Sicher, sie hatte es versucht, aber sie konnte ihre Distanz einfach nicht aufgeben. Sydney hatte damit gerechnet. Doch jetzt sah es fast so aus, als sei sie wirklich ein Pretender.

"Miss Parker!"

Er mußte so schnell wie möglich zu ihr durchdringen, sonst verlor er sie womöglich. Auch mit Jarod war ihm das zweimal beinahe passiert. Miss Parker hatte sich zu sehr auf die Simulation eingelassen und hatte jetzt Schwierigkeiten, in die Realität zurückzufinden. Sydney mußte schnell handeln, sonst nahm sie vielleicht ernsthaften Schaden.

"Miss Parker, hören Sie auf meine Stimme. Es ist vorbei. Beruhigen Sie sich."

Besorgt sah er, daß seine Bemühungen um sie erfolglos blieben. Angst erfaßte ihn. Er faßte sie an den Schultern.

"Miss Parker!"

Während er ihren Namen schrie, schüttelte er sie leicht, dann etwas stärker, bis ihm plötzlich bewußt wurde, daß sie nicht mehr schrie.

"Syd..."

Ihre Stimme klang rauh durch die Überbeanspruchung und zitterte ein wenig.

"Miss Parker, Gott sei Dank", sagte Sydney erleichtert und zog sie kurz in seine Arme. Dann ließ er sie los und betrachtete sie eingehend. "Wie fühlen Sie sich?"

"Reif für den Psychiater, würde ich sagen", meinte sie mit dem Hauch eines Lächelns.

Er grinste, wurde aber schnell wieder ernst.

"Was ist passiert?"

"Syd, es war unglaublich. Für einen Moment, ganz kurz, war ich Ruth. Ich meine, ich habe mich nicht nur so gefühlt, als wäre ich sie - ich war es wirklich."

"Mhm, es sieht fast so aus, als hätten Sie wirklich das Pretender-Gen in sich."

Miss Parker stieß die Luft aus, und Sydney wurde plötzlich klar, daß sie nicht wirklich damit gerechnet hatte. Sie schüttelte leicht den Kopf, dann verengten sich ihre Augen plötzlich.

"Sie haben sie umgebracht!"

"Wen?" fragte Sydney überrascht.

"Ruth natürlich. Gott, Sydney, das arme Mädchen."

Er sah sie verblüfft an. Ihre Mitleidsbekundung überraschte ihn mindestens ebenso sehr wie die Information, die sie ihm gerade geliefert hatte.

"Wer hat sie umgebracht?"

"Das FBI. Kein Wunder, daß die Regierung plötzlich nicht mehr wollte, daß die Simulation durchgeführt wird. Als ich in den Spiegel gesehen habe, konnte ich etwas Blaues sehen - eine FBI-Jacke. In den Beuteln mit der Beute befand sich überhaupt kein Geld, sondern Dokumente. Auf einigen befand sich ein Stempel des FBI. Natürlich, wo sollten brisante Dokumente sicherer sein als in den Schließfächern irgendeiner Provinzbank, die nur ein Idiot überfallen würde?"

"Und als Ruth den Kassierer aufgefordert hat, ihr den Inhalt des Tresors zu geben..."

"... hat er ihr die Dokumente gegeben, richtig. Bestimmt hat er nicht einmal gewußt, was er da weitergibt. Die Geisel wurde nicht von Ruth erschossen, sondern von einem Scharfschützen des FBI. Die wußten doch genau, wie die Polizei auf eine tote Geisel reagieren würde."

"Von uns wollte die Regierung also nur wissen, ob Ruth gewußt hat, was sie getan hat, ob jemand sie engagiert hatte."

"Sie müssen ihren Irrtum selbst bemerkt haben und haben dann natürlich alles versucht, um ihn zu vertuschen. Und das alles nur wegen ein paar Dokumenten. Irgendwie erinnert mich das ans Centre."

Miss Parker seufzte, und Sydney verstand sie nur zu gut. Er reichte ihr die Hand.

"Kommen Sie, wir gehen besser wieder nach oben, bevor uns jemand vermißt."



Sydneys Büro
Das Centre
Blue Cove, Delaware
16:44



Miss Parker saß auf der Couch in Sydneys Büro und versuchte, ihre Gefühle in den Griff zu bekommen. Die Erlebnisse im Simulationsraum hatten sie aufgewühlt. Sie spürte, daß eine Veränderung bevorstand. Als sie aufsah, begegnete sie Sydneys Blick, der hinter seinem Schreibtisch saß und sie aufmerksam musterte.

"Wie fühlen Sie sich, Miss Parker?"

"Immer der Psychiater, was?" fragte sie, froh, daß er sich wirklich um sie zu sorgen schien. Aber sie brauchte noch einen Moment, um ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Also beschloß sie, Sydney für eine Weile mit seinem Lieblingsthema abzulenken. "War die Arbeit mit Jarod auch so... ungewöhnlich?"

Natürlich durchschaute er ihr Manöver, ging aber trotzdem darauf ein. Sein Stirnrunzeln verriet ihr, daß er mit den Gedanken nicht wirklich bei Jarod war, als er ihr antwortete.

"Ja, das war sie. Allerdings habe ich nur selten erlebt, daß er so stark auf eine Simulation reagiert hat wie sie vorhin. Das ist eigentlich nur vorgekommen, wenn ihn die Simulation an seine eigene Situation erinnert hat."

Miss Parker wölbte belustigt die Brauen.

"Ich habe nicht vor, eine Bank zu überfallen oder Geiseln zu nehmen."

"Das habe ich auch nicht gesagt. Miss Parker, Sie sollten wirklich mit mir darüber reden. Es handelt sich um ein einschneidendes Erlebnis, das einiges in Ihrem Leben verändern könnte. Ich..."

Ein leises Klopfen unterbrach ihn. Verärgert drehte er sich zur Tür um.

"Ja?"

Die Tür öffnete sich, und Lyle kam herein.

"Ah, da sind Sie ja. Hallo, Schwesterchen. Warum so gereizt, Sydney?"

"Ich bin nicht gereizt. Kann ich irgend etwas für Sie tun?"

Sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, daß er Lyle als unerwünschte Störung betrachtete. Miss Parker unterdrückte ein Lächeln.

"Ich suche euch beide schon eine Weile. Broots sucht Sie, Sydney. Und Dad möchte uns sehen, Parker."

Sie tauschte einen langen Blick mit Sydney und stand dann auf.

"Wir führen unsere Unterhaltung später weiter, in Ordnung, Sydney?"

Er nickte langsam.

"Na schön, aber vergessen Sie es nicht."

"Das werde ich nicht", versprach sie. "Vielen Dank für Ihre Hilfe."

"Gern geschehen, Miss Parker."

Wenn er überrascht war, so ließ er es sich zumindest nicht anmerken. Sie lächelte ihn warm an und verließ dann hinter Lyle sein Büro.



Technikraum
Das Centre
Blue Cove, Delaware
19:07



Miss Parker betrat den kleinen Raum, der ihr und ihrem Team in den letzten zweieinhalb Jahren als Treffpunkt und Hauptquartier für die Suche nach Jarod gedient hatte. Broots saß konzentriert vor seinem Computerbildschirm und sah sich nur kurz um, als er sie kommen hörte. Sydney lächelte, als er sie sah.

"Ah, Miss Parker. Das war aber ein langes Gespräch."

"Nein, Daddy hat sich ziemlich kurz gefaßt, aber ich hatte noch etwas anderes zu erledigen. Irgendwas Neues, Broots?"

Der Techniker zuckte zusammen, als sie ihn ansprach. Sie schüttelte leicht den Kopf.

"Nein, Miss Parker. Bisher hat Jarod nichts von sich hören lassen, und wir haben keine Spur von ihm."

"Na gut, machen Sie weiter. Da nichts Dringendes mehr anliegt, werde ich jetzt nach Hause fahren."

Sydney sah aus, als wollte er etwas sagen, doch dann überlegte er es sich anders und nickte nur.

"Gute Nacht, Miss Parker. Bis morgen."

"Nacht, Syd, Broots."

Fast widerstrebend verließ Miss Parker den Raum und wünschte, sie könnte wenigstens Sydney in ihre Pläne einweihen.



Miss Parkers Haus
431 Mountain Spring Road
Blue Cove, Delaware
23:11



Zum letzten Mal überprüfte sie ihre Tasche. Als sie sicher war, daß sie nichts vergessen hatte, sah sie sich ein letztes Mal in ihrem Haus um. Schließlich griff sie nach der Reisetasche und ging nach draußen. Sorgfältig schloß sie die Tür ab, bevor sie in ihren Wagen stieg und sich auf den langen Weg zum Flughafen machte.

Während der Fahrt kreisten ihre Gedanken um die Ereignisse dieses Tages. Am meisten beschäftigte sie aber das Gespräch, das sie mit ihrem Vater geführt hatte. Es war nicht das, was er gesagt hatte, sondern was sie in seinem Büro gesehen hatte, das ihre Aufmerksamkeit fesselte.

Als sie und Lyle das Büro betreten hatten, war ihr Vater offenbar mit etwas beschäftigt gewesen. Sobald er sie bemerkt hatte, hatte er die Akte auf dem Schreibtisch geschlossen. Allerdings hatte er ein einzelnes Dokument vergessen. Miss Parker hatte einen kurzen, aber aufschlußreichen Blick darauf werfen können, bevor ihr Vater sich auch darum gekümmert hatte.

Das Dokument stammte aus dem Tower und unterlag der allerhöchsten Geheimhaltungsstufe. Sie hatte dem Blatt nur zwei Informationen entnehmen können, aber das genügte völlig. Es handelte sich um einen Namen und ein Land. Offenbar war es dem Centre gelungen, Jarods Vater in England ausfindig zu machen.

Trotz ihres Versprechens, die Sache ruhen zu lassen, plante sie jetzt nach Großbritannien zu reisen. Allerdings war sie nicht länger auf Rache aus. Alles, was sie wollte, waren ein paar Antworten, und die würde sie gewiß nicht von einem Toten bekommen.


Heathrow Flughafen
London, England
Am nächsten Tag
13:25



Miss Parker streckte sich ausgiebig, nachdem sie das Flugzeug endlich verlassen hatte. Zu ihrer Überraschung präsentierte sich das englische Wetter von seiner besten Seite und begrüßte sie mit strahlendem Sonnenschein. Ihre Stimmung besserte sich schlagartig. Großzügig ließ sie alle Formalitäten über sich ergehen, dann rief sie sich ein Taxi und ließ sich in ihr Hotel bringen. Sie hatte einigen Schlaf nachzuholen, bevor sie mit ihren Nachforschungen beginnen konnte.



Hotelzimmer
Vier Jahreszeiten
London, England
16:35



Die Klimaanlage summte leise, während Miss Parker auf ihrem Bett lag und an die Decke starrte. Hin und wieder fielen ihr die Augen zu, aber sie öffnete sie jedesmal wieder nach ein paar Sekunden. Auf keinen Fall wollte sie riskieren, noch einmal einzuschlafen.

Die Erinnerung an ihren Alptraum, aus dem sie schweißgebadet aufgewacht war, war noch immer sehr lebendig. Sie hatte von Ruth geträumt. Was sie daran am meisten beunruhigte, war, daß ihr Traum nichts mit der Simulation zu tun gehabt hatte. In ihrem Traum hatte sie Dinge gesehen, die eindeutig nur von Ruth Stiller stammen konnten. Wie war das möglich?

Direkt nach dem Aufwachen hatte sie eine Weile gebraucht, um in die Realität zurückzufinden. Diese Erfahrung war einigermaßen beängstigend gewesen, und sie konnte darauf verzichten, sie zu wiederholen.

Nach einem kurzen Aufenthalt unter der Dusche hatte sie sich angezogen und wieder aufs Bett gelegt, versunken in ihre Überlegungen. Mittlerweile bereute sie, daß sie keine weitere Gelegenheit gehabt hatte, mit Sydney über die Simulation zu reden. So wie es aussah, mußte sie allein mit den Auswirkungen fertig werden.

Miss Parker warf einen Blick auf die Uhr, dann verzog sie ärgerlich das Gesicht. Sie mußte mit diesen Grübeleien aufhören. Es war absolut sinnlos, auf diese Weise ihre Zeit zu verschwenden. Entschlossen stand sie auf und ging zum Tisch, wo ihr Laptop stand. Mit einem kurzen Blick vergewisserte sie sich, daß der glänzende Metallkoffer mit den DSA's noch neben dem Schrank stand. Ein leichtes Lächeln spielte für einen Moment um ihre Lippen. Im Centre würde man sicher nicht begeistert sein, daß sie ihn mitgenommen hatte, aber das war schließlich nicht ihr Problem.

Ein wenig ruhiger setzte sie sich an den Tisch und schaltete den Computer ein. Wenn sie dem Centre zuvorkommen wollte, mußte sie ihre Nachforschungen so schnell wie möglich erfolgreich abschließen. Wie ging Jarod immer vor?

Miss Parker schüttelte den Kopf. Sie mußte ihren eigenen Weg finden. Was auch immer sie dazu befähigt hatte, die Simulation durchzuführen, unterschied sich von Jarods Talenten, dessen war sie sich ganz sicher.



Speisesaal
Vier Jahreszeiten
London, England
20:06



Der Speisesaal des Hotels war geschmackvoll eingerichtet. Um diese Tageszeit wimmelte es hier von Gästen, aber Miss Parker war es trotzdem problemlos gelungen, einen ruhigen Tisch zu bekommen. Der Oberkellner war sowohl ihrem Charme, als auch dem großzügigen Trinkgeld erlegen, das sie ihm im Voraus gegeben hatte.

Normalerweise hätte sie es sicher genossen, die Aufmerksamkeit der meisten Männer im Saal auf sich zu ziehen, aber heute war sie viel zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt.

Die unerwarteten Probleme, die sie beim Schlafen gehabt hatte, ließen sie nicht los. Langsam wurde ihr klar, daß Sydney recht gehabt hatte. Ihr Leben veränderte sich tatsächlich - und sie veränderte sich auch.

Sydney hatte die Vermutung geäußert, daß sie das Pretender-Gen besaß. Durch die Simulation war es vielleicht aktiv geworden und ermöglichte ihr nun den Zugang zu ihren einzigartigen Talenten.

Bisher hatte sie sich oft selbst im Weg gestanden. Es war ihr immer schwergefallen, sich auf ihre Gefühle zu verlassen, aber gestern hatte sie genau das getan. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte sie ihre Distanz aufgegeben. Dadurch hatte sie jetzt die Chance, neue Fähigkeiten zu entwickeln. Und, so absurd es ihr auch erschien, endlich ein normales Leben zu führen.


Drei Wochen später
Technikraum
Das Centre
Blue Cove, Delaware
8:57



"Guten Morgen, Broots. Haben Sie schon etwas von Miss Parker gehört?"

Broots drehte sich zu ihm um, einen besorgten Ausdruck auf dem Gesicht.

"Morgen, Sydney. Nein, tut mir leid, immer noch nichts."

Sydney runzelte die Stirn.

"Mir gefällt das nicht. Seit drei Wochen hat sie keiner mehr gesehen oder auch nur von ihr gehört. Mr. Broots, ich glaube, es ist Zeit, daß wir etwas unternehmen."

"Uh, sicher. Aber was?"

"Wir treffen uns heute abend bei ihrem Haus. Inzwischen werde ich mal mit ihrem Vater reden."



Mr. Parkers Büro
Das Centre
Blue Cove, Delaware
9:20



"Sydney, kann ich irgend etwas für Sie tun?"

Mr. Parker sah nur kurz von seinem schweren Schreibtisch auf. Sein Tonfall machte deutlich, daß ihm nichts ferner lag, als seine Zeit mit Sydneys Anliegen zu verschwenden. Sydney fühlte einen Ärger in sich aufwallen, der normalerweise für Raines reserviert war. Er unterdrückte diese Emotion, da ihm klar war, daß er mit harschen Worten bei Mr. Parker nichts erreichen konnte.

"Ich bin eigentlich nur hier, um mich nach Ihrer Tochter zu erkundigen", antwortete er, bemüht um einen leichten Tonfall.

"Ich bin sicher, daß mit ihr alles in Ordnung ist", erwiderte Mr. Parker ruhig, aber mit einem deutlich warnenden Unterton in der Stimme. Er sah Sydney an, eine Mischung aus Kälte und Desinteresse in seinem Blick.

Er weiß auch nicht, wo sie ist, schoß es Sydney durch den Kopf. Und das ärgert ihn. Der allwissende Mr. Parker wurde von seiner eigenen Tochter hintergangen.

Der Moment der Erkenntnis wurde von einem kurzen Gefühl des Triumphs begleitet, das aber wieder verflog, als Sydneys Sorge zurückkehrte. Nur zu gerne hätte er diesem selbstgerechten, alten Narren gesagt, was er von ihm und seinen Erziehungsmethoden hielt, aber damit hätte er niemandem genutzt. Außerdem bestand die Hoffnung, daß Miss Parker sich endlich vom Centre und ihrem Vater losgesagt hatte. Wenn das stimmte, blieb Sydney nur noch die Sorge um Jarod, bevor auch er diesen Ort verlassen konnte.

"Gut. Falls Sie etwas von ihr hören, lassen Sie es mich doch bitte wissen, ja?"

"Sicher."

Damit wandte Mr. Parker seine Aufmerksamkeit wieder den Papieren auf seinem Schreibtisch zu und ließ Sydney wissen, daß er entlassen war. Sydney nickte nachdenklich und ging zur Tür. Er war ganz sicher der letzte, den Parker verständigen würde, sollte er etwas von seiner Tochter hören. Soviel dazu.



Scofield Flugplatz
Scofield, GB
10:00



Auf dem kleinen Flugfeld war nur wenig los. Miss Parker schritt zielstrebig zu einem der Hangars, wo ein Mann mittleren Alters an einer kleinen Sportmaschine herumbastelte.

Sie hielt den Atem an. Das mußte er sein. Ihre Nachforschungen hatten sie hierher gebracht. Glücklicherweise war sie dem Centre zuvorgekommen. Während sie die letzten Meter zurücklegte, nahm sie ihre Sonnenbrille ab. Zwei Meter hinter dem Mann blieb sie schließlich stehen.

"Major?"

Überrascht richtete er sich auf und stieß sich den Kopf an einer der Tragflächen.

"Au, verdammt!" fluchte er, bevor er sich umdrehte. Als sein Blick auf sie fiel, erstarrte er mitten in der Bewegung und musterte sie ungläubig.

"Wie ich sehe, haben Sie meine Mutter gekannt, Major ", sagte Miss Parker sanft, während sie ihn näher betrachtete. Er sah Jarod überhaupt nicht ähnlich. Seine Haare waren heller, das Gesicht kantiger, und die Augen strahlten in einem hellen Blauton. Sie mochte ihn sofort und wußte, daß sie ihrem Gefühl trauen konnte. Dieser Mann hatte ihre Mutter nicht getötet.

"Sie sind Catherines Tochter?"

"Ja."

"Mein Gott. Das ist so lange her..."

Der Major ließ sich auf eine Kiste sinken.

"Major, ich..."

"So hat mich schon lange keiner mehr genannt, wissen Sie", sagte er und sah mit einem leichten Lächeln zu ihr auf. Miss Parker erwiderte das Lächeln und streckte ihm ihre Hand entgegen.

"Ich bin... Marine Parker", stellte sie sich vor. Es erschien ihr einfach richtig, daß Jarods Vater ihren Namen kannte.

Er ergriff ihre Hand.

"Und ich bin Charles, aber Sie scheinen mich ja bereits zu kennen. Ihre Mutter hat mich immer Charley genannt."

"Charley..."

Sein Lächeln vertiefte sich.

"Wissen Sie, Sie klingen sogar wie sie."

"Danke", sagte Miss Parker. Sie freute sich immer, wenn ihr jemand sagte, daß sie ihrer Mutter ähnelte. "Ich habe lange nach Ihnen gesucht."

Charles nickte nachdenklich.

"Eigentlich habe ich nie damit gerechnet, Sie noch einmal wiederzusehen. Aber ich muß sagen, daß ich froh bin, daß Sie hier sind."

"Sie haben mich früher schon mal getroffen?" fragte sie erstaunt.

"Aber ja! Natürlich können Sie sich nicht mehr daran erinnern. Sie waren damals noch so klein. Das war, bevor sich alles veränderte..."

Er verstummte, und Miss Parker sah, wie die angenehmen Erinnerungen von schlechten verdrängt wurden. Kurz darauf fing er sich wieder.

"Sie haben bestimmt eine lange Fahrt hinter sich. Kommen Sie, in meinem Büro habe ich ein paar kalte Getränke."

Sie folgte ihm durch den kleinen Hangar in sein Büro. Nachdem sie sich gesetzt hatte, entschied sie sich mit Rücksicht auf ihr Magengeschwür für etwas Wasser, obwohl ihr eher nach etwas Stärkerem zumute war.

"Sagt Ihnen der Name Fenigore irgend etwas?" erkundigte sie sich nach einer Weile.

Sein Gesichtsausdruck sprach Bände.

"Allerdings. Lebt dieser Bastard etwa noch?"

Miss Parker ließ ihren Atem langsam entweichen. Offenbar hatte sie richtig vermutet, und Fenigore hatte ihre Mutter tatsächlich verraten.

"Ja, aber es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit. Das Centre hat ihn einer Gehirnwäsche unterzogen. Vorher konnte ich allerdings noch einige Informationen von ihm bekommen."

Charles schüttelte bedauernd den Kopf.

"Ihre Quelle ist leider nicht sehr verläßlich. Darf ich fragen, was er Ihnen erzählt hat?"

"Alles, was ich von ihm wissen wollte, war, wer meine Mutter erschossen hat. Er sagte, daß Jarods Vater ihr Mörder sei." Sie lächelte schwach. "Mittlerweile habe ich aber Grund, an seiner Integrität zu zweifeln."

Der Major schnaubte zustimmend.

"Er hat Ihre Mutter verraten. Genaugenommen hat er uns alle verraten. Das Centre hat ihn gekauft."

Miss Parker schwieg für einen Augenblick, dann stellte sie die Frage, die sie mehr als alles andere beschäftigte.

"Major, wissen Sie, wer meine Mutter getötet hat?"

Er sah ihr direkt in die Augen, und sein offener Blick war ihr Antwort genug.

"Es tut mir leid, nein. Als es passierte, war ich bereits nicht mehr in den Staaten. Ich schwöre Ihnen, wenn ich auch nur geahnt hätte, in welch großer Gefahr sie sich damals befand, dann wäre ich nicht gegangen. Catherine hat darauf bestanden, daß wir uns in Sicherheit bringen. Sie wollte die letzten Kinder allein retten."

Charles starrte auf den Boden. Miss Parker ging zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

"Ist schon gut. Sie hätten vermutlich auch nichts ändern können. Immerhin konnten Sie Ihr eigenes Leben retten."

Als er zu ihr aufsah, erkannte sie, daß er nur zögernd bereit war, ihren Trost zu akzeptieren. Trotzdem schien er dankbar für ihren Versuch zu sein.

"Das habe ich mir immer vorgeworfen."

"Es war nicht Ihre Schuld", versicherte ihm Miss Parker noch einmal mit Nachdruck. Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: "Sie sind nicht Jarods richtiger Vater."

"Nein. Wir - meine Frau und ich - haben ihn adoptiert, als er noch ein Baby war."

"Fenigore sagte, daß Jarods Vater meine Mutter getötet hat. Ich glaube ihm das. Kennen Sie seinen leiblichen Vater?"

Charles schüttelte den Kopf.

"Nein. Ich habe nie versucht, seinen Namen herauszufinden. Es erschien mir einfach nicht wichtig."

Miss Parker seufzte enttäuscht. Diesmal war es Charles, der seine Hand tröstend auf ihren Arm legte.

"Seien Sie nicht enttäuscht. Ich werde Ihnen helfen, so gut ich kann. Als ich von Catherines Tod erfuhr, habe ich mir geschworen, eines Tages mit ihrem Mörder abzurechnen. Es scheint, daß der Tag endlich da ist."

Dankbarkeit erfüllte sie, als sie ihn anlächelte und kurz seine Hand drückte.

"Vielen Dank, Major."

"Für Sie tue ich das gerne. Und nennen Sie mich bitte Charley. Das haben Sie als kleines Kind schließlich auch getan." Er lachte leise. "Na ja, sagen wir lieber, daß Sie es versucht haben."

Die aufrichtige Zuneigung in seinem Blick überraschte sie, erfüllte sie aber gleichzeitig mit einer Wärme, die sie lange vermißt hatte.

"Ich wünschte, ich könnte mich erinnern", sagte sie leise und mit ehrlichem Bedauern.

Charles griff in seine Hemdtasche und zog ein altes, zerknittertes Foto hervor. Mit einem erwartungsvollen Lächeln reichte er es ihr.

"Vielleicht erkennen Sie ja jemanden...", meinte er mit einem Zwinkern.

Sie nahm das Foto vorsichtig entgegen. Es war eine alte Schwarz-Weiß-Fotografie, auf der drei Personen abgebildet waren. Die Frau in der Mitte erkannte Miss Parker sofort als ihre Mutter. Der Mann rechts neben ihr mußte Charles sein, und der Mann zu ihrer Linken sah aus wie...

"Ist das Sydney?" fragte sie überrascht, doch der Major schüttelte den Kopf.

"Nein, aber Sie waren nah dran."

"Jacob", flüsterte sie. Diesmal nickte Charles.

"Er hat damals eng mit uns zusammengearbeitet. Bis dieser schreckliche Unfall passierte und er ins Koma fiel."

Miss Parker neigte den Kopf leicht zur Seite, als sie Sydneys Zwillingsbruder betrachtete.

"Er ist tot. Letztes Jahr ist er gestorben. Aber vorher ist er noch einmal kurz aus dem Koma erwacht, so daß Sydney endlich Frieden finden konnte."

Der Major nickte traurig.

"Ich weiß. Trotz meines Exils versuche ich, über die Ereignisse in den Staaten informiert zu bleiben. Besonders, wenn es dabei um alte Freunde geht."

"Wer hat das Foto gemacht?" fragte Miss Parker, um Charles ein wenig abzulenken.

"Oh, das war Fenigore. Er wollte nicht mit auf das Bild. Wenn ich jetzt so daran zurückdenke, glaube ich fast, daß er keinen Beweis dafür hinterlassen wollte, daß er mit uns in Verbindung stand", erklärte Charles, mit mehr als nur einer Spur von Bitterkeit in der Stimme.

Miss Parker sah kurz zu ihm auf, um sich zu überzeugen, daß es ihm gutging, dann widmete sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Bild. Ihr besonderes Interesse galt natürlich ihrer Mutter. Anders als auf anderen Bildern, die sie von ihr gesehen hatte, haftete Catherine hier keine Aura von Traurigkeit an. Ihre Augen wirkten nicht so ernst und verzweifelt.

"Sie sieht beinahe glücklich aus", murmelte Miss Parker nachdenklich.

"Weil sie es war", versicherte Charles. "Das Foto ist im Mai entstanden."

Sie verstand sofort, worauf er hinaus wollte.

"Nach ihrem Besuch bei Ben Miller."

"Sie wissen darüber Bescheid?"

"Ja, aber ich bin ehrlich gesagt ein wenig überrascht, daß Sie es auch wissen."

Charles sah sie offen an.

"Wir hatten kaum Geheimnisse voreinander. Aber in diesem speziellen Fall wäre das sowieso kaum möglich gewesen. Der Unterschied in ihrer Stimmung, wenn sie aus Maine zurückkam, war unübersehbar. Auch wenn sie versucht hat, es zu verstecken. Wissen Sie", meinte Charles mit einem Lächeln, "wir waren fast so etwas wie die drei Musketiere. Eine solche Freundschaft findet man nicht oft im Leben."

"Ich würde gerne mehr darüber hören", erwiderte Miss Parker, mit einem beinahe schon sehnsüchtigen Tonfall in der Stimme. "Ich weiß so wenig über meine Mutter, wie sie wirklich war."

"Ich werde Ihnen gerne mehr darüber erzählen, Miss Parker. Eins kann ich Ihnen allerdings schon jetzt sagen. Sie sind ihr sehr ähnlich. Verzeihen Sie mir, wenn ich so offen bin, aber es ist gut, daß Sie nicht nach Ihrem Vater schlagen, obwohl er sie großgezogen hat."

Miss Parker zuckte unmerklich zusammen.

"Sie kennen mich doch kaum", gab sie zu bedenken.

"Aber ich besitze eine hervorragende Menschenkenntnis. Sie hat mich nur ein einziges Mal betrogen, und bei Ihnen bin ich mir ganz sicher."

"Ich danke Ihnen, Charley."

Er lächelte, als sie seinen Spitznamen benutzte.

"Wieso leisten Sie mir nicht heute Abend beim Essen Gesellschaft? Dann erzähle ich Ihnen soviel über Ihre Mutter, wie Sie hören möchten."

"Das klingt wundervoll."

"Also abgemacht. Ich erwarte Sie gegen Sieben. Meine Adresse kennen Sie ja bereits, nehme ich an", antwortete er ihr mit einem neuerlichen Zwinkern. Sie lachte und unternahm gar nicht erst den Versuch, diese Behauptung abzustreiten.

"Bis heute Abend", sagte sie herzlich.

"Ich freue mich darauf", erwiderte er und ergriff zum Abschied ihre Hand. Als Miss Parker das Flugfeld kurz darauf verließ, fühlte sie sich so gut wie schon lange nicht mehr.


Miss Parkers Haus
431 Mountain Spring Road
Blue Cove, Delaware
18:20



"Ich weiß nicht, Syd. Wir können doch nicht einfach in ihr Haus einbrechen. Wenn sie das jemals erfährt, bringt sie uns um."

"Erstens würde sie uns nicht umbringen, weil wir uns Sorgen um sie gemacht haben. Zweitens werden wir ihr nichts davon erzählen. Drittens", sagte Sydney ruhig und zog etwas aus der Tasche seines Jacketts, "habe ich einen Schlüssel für das Haus. Wir brechen also gar nicht ein." Und viertens, fügte er in Gedanken hinzu, war Mr. Parker nicht besonders hilfreich.

Broots wirkte nicht sehr überzeugt und zog überrascht die Augenbrauen hoch, als er den Schlüssel sah.

"Sie hat Ihnen den Schlüssel für ihr Haus gegeben?" fragte er ungläubig.

Sydney machte sich bereits am Schloß zu schaffen, als er antwortete.

"Das habe ich nicht gesagt. Genaugenommen stammt dieser Schlüssel von Catherine. Es ist nicht meine Schuld, daß Miss Parker nie das Schloß austauschen ließ. Andererseits ist das jetzt ein Vorteil für uns. So - nach Ihnen."

Die Tür schwang auf, und Sydney deutete mit einem einladenden Lächeln nach innen. Mit einem Seufzen ging Broots an ihm vorbei und betrat Miss Parkers Haus. Hinter ihm schloß Sydney die Tür wieder und machte dann das Licht an.

"Sind Sie schon einmal hier gewesen?" erkundigte er sich bei Broots. Der schüttelte nur den Kopf und sah sich neugierig um.

"Nein", sagte er nach einer Weile, um sich dann zu Sydney umzudrehen. "Uh - wonach suchen wir eigentlich?"

Sydneys Blick glitt prüfend durch das Wohnzimmer, und er schüttelte andeutungsweise den Kopf.

"Ich weiß es nicht, Mr. Broots. Nach etwas Ungewöhnlichem, das uns vielleicht sagen kann, wohin Miss Parker verschwunden ist. Spuren, Hinweise... Im Grunde genommen dasselbe, was wir auch in Jarods ehemaligen Verstecken suchen. Halten Sie einfach die Augen offen, in Ordnung?"

"Ist gut. Syd, glauben Sie, daß ihr etwas passiert ist? Ich meine, was wenn das Centre... Aber Mr. Parker würde das doch nie zulassen, oder? Sie ist schließlich seine Tochter."

Sydney warf ihm einen kurzen, nachdenklichen Blick zu.

"Ja, das ist sie. Manchmal frage ich mich nur, ob er sich noch daran erinnert."



Broots versuchte, das unbehagliche Gefühl abzuschütteln, das er hatte, seit Sydney und er Miss Parkers Haus betreten hatten. Ganz egal was Sydney sagte, Miss Parker wäre ganz und gar nicht erfreut, wenn sie wüßte, daß sie hier waren. Er kam sich vor wie ein Einbrecher und zuckte bei jedem unerwarteten Geräusch zusammen.

Mit einem Seufzen blieb er vor einem Spiegel im Flur stehen. Nachdem er ein paarmal tief durchgeatmet hatte, wurde er ein wenig ruhiger. Dann hörte er plötzlich ein Geräusch aus der Richtung der Küche und stolperte einen Schritt nach hinten.

"Sydney?" fragte er leise.

Ihm fiel ein, daß Sydney noch im Wohnzimmer war und unmöglich in einen anderen Teil des Hauses gelangt sein konnte, ohne an ihm vorbeizukommen. Aber was hatte er dann aus der Küche gehört? Hatte etwa das Centre jemanden hergeschickt?

Hektisch sah sich Broots nach etwas um, mit dem er sich verteidigen konnte, entdeckte aber nichts. Rückwärts ging er zurück ins Wohnzimmer, immer die Küchentür im Blick.

"Sydney?" fragte er noch einmal, diesmal nur noch flüsternd.

"Was ist denn los, Broots?"

Broots fuhr herum und unterdrückte einen erschreckten Aufschrei, als Sydney plötzlich hinter ihm auftauchte.

"Oh Gott, Sydney. Ich... ich glaube, jemand ist in Miss Parkers Küche."

"Sind Sie sicher?"

"Na ja, ich habe nur ein paar Geräusche gehört", gab Broots zu, aber Sydney lächelte nachsichtig.

"Wir sollten trotzdem mal nachsehen."

"Uhm, na gut."



Sydney ging in den Flur, dann blieb er kurz stehen und lauschte. Schließlich zuckte er mit den Schultern, zum Zeichen, daß er nichts gehört hatte. Broots schnitt eine Grimasse, folgte dem älteren Mann aber. Vor der Küchentür blieben sie wieder stehen.

"Und, können Sie was hören?" wisperte Broots so leise, daß Sydney ihn kaum verstehen konnte.

"Nein, nichts. Am besten sehen wir einfach mal nach."

Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete Sydney die Tür einen Spalt breit. Drinnen brannte Licht, also mußte Broots recht haben, denn keiner von ihnen war bisher in der Küche gewesen. Sydney atmete tief durch und öffnete die Tür dann ganz. Es befand sich tatsächlich noch jemand im Haus, und Sydney stellte erleichtert fest, daß er den anderen 'Einbrecher' kannte.

"Hallo, Jarod", sagte er, gerade als der Pretender sich zu ihm umdrehte. Leichte Überraschung zeigte sich auf Jarods Gesicht, außerdem schien er verärgert zu sein. "Es ist alles in Ordnung, Broots. Jarod ist hier", fügte er an Broots gewandt hinzu, der noch immer auf der anderen Seite der Tür stand.

Broots streckte den Kopf in die Küche, und auch er wirkte erleichtert.

"Hallo, Sydney. Mr. Broots."

"H-hallo", erwiderte Broots, der sich in Jarods Gegenwart noch immer ein wenig unwohl fühlte. "Uhm, ich sehe mich noch ein bißchen im Rest des Hauses um, okay?"

Er wartete keine Antwort ab, sondern ließ Sydney und Jarod allein. Jarod lehnte am Kühlschrank und musterte Sydney.

"Also, was macht ihr beide hier?" fragte er dann, und Sydney war sich jetzt fast sicher, daß Jarod sich über irgend etwas ärgerte.

"Das könnte ich dich auch fragen", sagte Sydney, anstatt Jarods Frage zu beantworten.

"Miss Parker scheint verschwunden zu sein, also wollte ich die Gelegenheit nutzen, mich in aller Ruhe umzusehen."

Sydney ahnte, daß diese Erklärung nur zur Hälfte der Wahrheit entsprach.

"Broots und ich haben nach Hinweisen gesucht, die uns verraten, wo sie ist - oder warum sie fort ist. Hast du etwas gefunden, Jarod?"

Der Pretender machte ein abfälliges Geräusch.

"Falls es Hinweise gegeben hat, sind sie nicht mehr hier."

Sorge und Verwirrung zeichneten sich für einen Augenblick in Jarods Zügen ab. "Ich dachte zuerst, Miss Parker hätte das Centre verlassen - bis ich heute herkam. Leider war ich nicht der erste, der auf diese Idee gekommen ist. Vor kurzem ist ein Team von Cleanern hier gewesen. Entweder haben sie Spuren beseitigt oder selbst welche gesucht, so wie wir."

Sydney atmete tief ein.

"Glaubst du, das Centre hat sie..."

"Nein", antwortete Jarod sofort. "Ich glaube, im Centre weiß auch niemand, wo sie ist. Die Frage ist nur, was Miss Parker vorhat. Ich konnte ihre Spur bis nach Großbritannien verfolgen, London, um ganz genau zu sein. Aber vor zwei Wochen habe ich sie verloren. Sie hat ihre Spur verdammt gut verwischt."

"Mehr konntest du nicht herausfinden?"

"Nichts Konkretes bis jetzt, nur ein paar Vermutungen. Es wird wohl erst alles klarer werden, wenn Miss Parker zurückkehrt."

"Falls sie zurückkehrt", murmelte Sydney. Jarod sah ihn überrascht an.

"Wenn sie zurückkehrt", sagte er dann fest.

"Was macht dich da so sicher?"

"Nenn es ein Gefühl."

Sydney musterte seinen ehemaligen Schützling eingehend.

"Was ist los, Jarod? Irgend etwas belastet dich doch."

Jarod seufzte.

"Ich will nicht darüber reden, in Ordnung? Das würde es nur schwieriger machen."

Er erwiderte Sydneys Blick ruhig, aber nur kurz, dann wandte er sich ab und ging zur Hintertür.

"Ich gehe jetzt. Hier gibt es nichts zu finden. Ihr solltet auch nach Hause fahren. Gute Nacht, Syd."

Ohne ein weiteres Wort öffnete Jarod die Tür, ging nach draußen und war kurz darauf in der einsetzenden Dunkelheit verschwunden. Sydney sah ihm besorgt und verwundert nach. Jarods Verhalten stellte im Moment ein Rätsel für ihn dar. Er hoffte, daß Jarod seine Meinung ändern und doch noch mit ihm reden würde.

Schließlich schloß Sydney die Tür und verließ die Küche, um Broots zu suchen. Wenn Jarod recht hatte, verschwendeten sie hier nur ihre Zeit. Andererseits war das vielleicht besser als nur untätig herumzusitzen und zu warten.



Langton Cottage
Scofield, GB
18:55



"Miss Parker, Sie sind zu früh dran", erklärte Major Charles lachend, als er ihr die Tür öffnete.

"Oh, aber nur fünf Minuten. Ich komme nicht gerne zu spät", erwiderte sie lächelnd. Charles bat sie herein, und sie folgte ihm in sein gemütliches Haus, das seinen freundlichen Charakter deutlich nach außen sichtbar widerspiegelte.

"Sie sehen wirklich bezaubernd aus, wenn Sie mir die Bemerkung gestatten."

"Vielen Dank."

Trotz seiner gegenteiligen Beteuerungen hatte der Major bereits alle Vorbereitungen abgeschlossen und servierte ein köstliches Menü. Während des Essens drehte sich das Gespräch hauptsächlich um Oberflächlichkeiten wie das überraschend gute Wetter und die Dinge, die Miss Parker während ihres bisherigen Aufenthalts in England erlebt hatte.

"Das war wirklich köstlich", lobte Miss Parker, nachdem sie mit dem Nachtisch fertig waren. "Ehrlich gesagt habe ich gar nicht erwartet, daß Sie so ein guter Koch sind."

"Ich danke Ihnen. Leider habe ich nur selten Gäste, an denen ich meine Kochkünste ausprobieren kann. Kommen Sie, wir machen es uns im Wohnzimmer bequem. Dort können wir uns besser unterhalten."

Sie half ihm, den Tisch abzuräumen, dann folgte sie ihm ins Wohnzimmer.

"Wie lange wollen Sie noch in England bleiben, Miss Parker?" wollte Charles von ihr wissen.

"Nur noch ein paar Tage. Es wird langsam Zeit, daß ich in die Staaten zurückkehre."

"Das dachte ich mir. Schade, ich hatte gehofft, daß Sie noch ein wenig länger hierbleiben würden."

"Nicht, daß ich das nicht möchte... Aber zu Hause wartet schon ein großer Stapel mit Arbeit auf mich", meinte sie mit einem bedauernden Seufzen.

Er lächelte mitfühlend, dann beugte er sich etwas nach vorn.

"Sie haben heute Morgen Jarod erwähnt..."

"Sie möchten bestimmt wissen, wie es ihm geht. Tut mir leid, ich hätte es Ihnen schon früher sagen sollen."

"Sie müssen sich nicht entschuldigen. Aber ich bin wirklich neugierig. Es ist sehr lange her, seit ich ihn zuletzt gesehen habe."

Miss Parker schwieg. Sie hatte keine Ahnung, wo sie anfangen sollte. Plötzlich kam sie sich wie eine Betrügerin vor. Immerhin war sie Jarods Jägerin, eine Angestellte des Centres. Schuldbewußt sah sie zu Boden, bevor sie entschlossen den Kopf hob, um dem verständnisvollen Blick des Majors zu begegnen.

"Ich habe Ihnen heute Morgen gesagt, daß Sie mich kaum kennen", begann sie schließlich. "Dafür hatte ich einen Grund. Sehen Sie, ich... arbeite für das Centre."

Die freundliche Miene des Majors veränderte sich nicht. Seine Augen schienen sie sogar noch eine Spur freundlicher anzulächeln.

"Ich weiß", erwiderte er schlicht.

Verwirrt sah sie ihn an.

"Ich sagte Ihnen doch, daß ich mich bemühe, informiert zu bleiben."

Er beugte sich vor und berührte sanft ihre Hand.

"Und jetzt weiß ich auch, daß ich heute Morgen recht hatte. Sie kommen nach Ihrer Mutter."

"Aber...", begann sie und brach dann ab. "Was wissen Sie?" fragte sie dann leise.

"Genug. Ich habe Jarods Entwicklung so gut verfolgt, wie es mir möglich war. Dasselbe gilt auch für Sie. Ich möchte Ihnen etwas sagen: Ich verstehe Sie. Und ich mache Ihnen keine Vorwürfe. Sie können nichts für Ihren Vater, und trotz all seiner Fehler haben Sie sich zu einer jungen Frau entwickelt, auf die Ihre Mutter mehr als stolz wäre."

Er machte eine kurze Pause und drückte beruhigend ihre Hand.

"Zugegeben, Catherine und ich haben uns eine andere Zukunft für unsere Kinder vorgestellt, aber Sie haben ihre Erwartungen noch übertroffen."

Miss Parker wußte nicht, was sie sagen sollte. Tränen brannten in ihren Augen.

"In den vergangenen drei Jahren habe ich Jarod im Auftrag des Centres gejagt, nachdem er entkommen konnte."

"Aber Sie haben ihn nicht zurückgebracht, obwohl Sie es gekonnt hätten."

Sie schüttelte den Kopf. Charles verstärkte den Druck seiner Hand.

"Miss Parker, machen Sie sich keine Vorwürfe. Sie sind ein Opfer Ihrer Vergangenheit, ebenso wie Jarod. Das Wichtigste ist, daß Sie sich endlich daraus befreit haben. Glauben Sie mir, Sie sind auf dem Weg zurück zu sich selbst, das kann ich in Ihren Augen erkennen."

"Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich danke Ihnen, Charley", flüsterte sie.

"Wieso erzählen Sie mir nicht etwas über Jarod", schlug er ihr vor.

Sie lachte leise.

"Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, war er gerade als Professor an einem College beschäftigt. Er genießt sein Leben in Freiheit sehr und kommt ziemlich gut zurecht, wenn man bedenkt, unter welchen Umständen er aufgewachsen ist. Aber um ehrlich zu sein... wir kommen nicht sehr gut miteinander aus."

"Vielleicht hatten Sie dazu einfach noch keine Gelegenheit. Als Kinder wart ihr jedenfalls unzertrennlich."

"Schwer vorstellbar", meinte Miss Parker skeptisch, und Charles lachte leise. "Darf ich Sie etwas fragen?"

"Nur zu."

"Wieso sind Sie nicht bei Ihrer Familie geblieben? Bei Ihrer Frau und Jarods Schwester?"

Er seufzte schwer.

"Aus Sicherheitsgründen. Ich wollte sie nicht in Gefahr bringen. Das Centre war nur an mir interessiert, nicht an ihnen. Es ist mir unendlich schwer gefallen, sie zurückzulassen, aber es war einfach das Beste für sie. Ich wünschte nur, ich hätte den Kontakt besser aufrechterhalten können. Damals mußte alles sehr schnell gehen. Ihre Mutter wollte Jarod retten und dann mit Ihnen nach Europa gehen, aber dazu kam es nie."

Miss Parker nickte.

"Es tut mir leid."

Ein Lächeln vertrieb die Trauer aus seinem Gesicht.

"Das muß es nicht. Nichts davon läßt sich jetzt noch ändern. Aber Sie sind hergekommen, um etwas über Ihre Mutter und die Vergangenheit zu erfahren."



Das Centre
Blue Cove, Delaware
SL 7
06/06/1964



"Charley, du träumst schon wieder."

Catherines sanfte, amüsierte Stimme riß ihn aus seinen Gedanken. Schuldbewußt sah er zu ihr auf.

"Ich habe nur nachgedacht", verteidigte er sich schwach. Sie bedachte ihn mit ihrem einzigartigen Lächeln und einem amüsierten Funkeln in den Augen.

"Natürlich hast du das", erwiderte sie dann. Er lachte leise und freute sich, als sie einfiel. Ihr Lachen war mindestens ebenso angenehm wie ihr Lächeln, aber in letzter Zeit hatte er beides schmerzlich vermißt.

"Ah, die ersten fröhlichen Gesichter, die ich heute sehe", sagte Jacob, als er den Raum betrat. Mit einem schweren Seufzer ließ er sich auf einen der Stühle sinken. Sofort kehrte der besorgte Ausdruck in Catherines Gesicht zurück.

"Ist alles in Ordnung, Jacob?" fragte sie ihn beunruhigt. Jacob bemühte sich um ein beruhigendes Lächeln.

"Ach, es ist bloß Sydney. Ich wünschte, er würde mir endlich zuhören, aber er weigert sich einfach."

"Gib ihm noch etwas Zeit", mahnte Catherine ruhig. "Früher oder später wird er erkennen, was hier vor sich geht und dann die richtige Entscheidung treffen."

Diesmal kam Jacobs Lächeln von Herzen.

"Ich wünschte, ich hätte deine Geduld." Neugierig sah er sich um. "Wo ist Fenigore? Er wollte doch auch kommen, oder nicht?"

Catherine schüttelte den Kopf.

"Ihm ist etwas dazwischengekommen. Wir sind heute nur zu dritt."

Charles bemühte sich gar nicht erst, seine Erleichterung zu verbergen. Er hatte nie ein Geheimnis aus seiner Abneigung gegen Fenigore gemacht, aber Catherine zuliebe arbeitete er mit ihm zusammen. Jacob neigte den Kopf ein wenig zur Seite.

"Dann sollten wir gleich zur Sache kommen. Ausnahmsweise habe ich nämlich mal gute Neuigkeiten. Soweit ich weiß, arbeitet Raines zur Zeit an keinem neuen Projekt, was uns eine kleine Verschnaufpause verschafft, in der wir Pläne schmieden können."

Obwohl Charles Jacobs Optimismus nicht ganz teilte, freute ihn diese Entwicklung doch. Sie alle brauchten dringend etwas Zeit für sich. Ein Seitenblick zu Catherine verriet ihm, daß auch sie sich über die positive Nachricht freute, doch die Besorgnis war nicht ganz aus ihren Zügen gewichen. Charles verstand sie nur zu gut.

"Wie ich Raines kenne, wird er nicht lange stillhalten", meinte er nachdenklich. "Aber wir sollten die Zeit nutzen, die sich uns bietet. Ein wenig Freizeit wird uns allen nicht schaden. Wie wär's, wenn wir uns alle ein paar Gedanken machen und uns übermorgen wieder hier treffen?"

Jacob nickte sofort.

"Klingt großartig. Sydney zieht mir die Haut ab, wenn ich ihn schon wieder allein an seinem Experiment arbeiten lasse."

"Catherine?" fragte Charles leise. Diesmal war sie es, die mit ihren Gedanken woanders war. Als sie ihn ansah, verriet ihm ihr Blick sofort, an wen sie gerade gedacht hatte.

"Deine Tochter wird sich sicher sehr darüber freuen, einen ganzen Tag mit dir zu verbringen", sagte er sanft. Er konnte sehen, wie sehr sie sich auf diese Gelegenheit freute, aber in ihren Augen las er auch Mitgefühl. Beruhigend legte er ihr die Hand auf den Arm. "Ist schon gut", meinte er leise. Sie schüttelte den Kopf.

"Nein, das ist es nicht", erwiderte sie traurig. Die Tatsache, daß er nicht die Möglichkeit hatte, den Tag mit seinem Sohn zu verbringen, schien sie mit ebensoviel Kummer zu erfüllen wie ihn selbst. Doch dann hellte sich ihre Miene ein wenig auf. "Charles, bitte leiste uns doch morgen Gesellschaft. Ich weiß, es ist nicht dasselbe, aber..."

"Bist du sicher?" vergewisserte sich Charles, obwohl er die Antwort bereits kannte. Sie nickte, die Andeutung eines Lächelns in den Augen. Allein das genügte schon, um jeden Widerstand bei ihm zu brechen. "Dann wird es mir ein Vergnügen sein", antwortete er leise.

Auf der anderen Seite des Tisches erhob sich Jacob.

"Ich mache mich jetzt auf den Rückweg", verkündete er. "Sonst schickt Syd am Ende noch einen Suchtrupp nach mir los."

Auch Catherine stand auf.

"Ich begleite dich, Jacob. Ich möchte mit Sydney sprechen. Glaubst du, daß er etwas Zeit hat?"

Jacob lachte leise.

"Für dich bestimmt, Catherine. Mach's gut, Charley. Wir sehen uns in zwei Tagen."

"Bis dann, Jacob. Und wir sehen uns morgen, Catherine."

"Ich freue mich drauf, Charley", versicherte sie ihm mit einem Lächeln. Sie berührte ihn zum Abschied an der Schulter, dann verließ sie zusammen mit Jacob den Raum. Charles sah den beiden nach und fragte sich, was Catherine wohl vorhaben mochte. Er kannte diesen bestimmten Ausdruck in ihren Augen ganz genau, aber fürs erste blieb ihm wohl nichts anderes übrig als zu warten.



Das Centre
Blue Cove, Delaware
SL 7
06/07/1964



Charles saß ungeduldig in dem kleinen Raum, den die kleine Gruppe um Catherine Parker für gewöhnlich als Treffpunkt benutzte. Zum hundertsten Mal fragte er sich, warum sie ihn ausgerechnet hier treffen wollte. Gestern hatte er natürlich angenommen, daß sie den Tag außerhalb des Centres verbringen würden, besonders, da ihre kleine Tochter mitkommen sollte.

Als sich die Tür endlich öffnete, sah Charles erwartungsvoll auf. Allerdings war es nicht Catherine, die den Raum als erste betrat. Das süßeste kleine Mädchen, das er je gesehen hatte, kam die wenigen Stufen vorsichtig herunter und lächelte ihn dann an. Sie hatte das Lächeln ihrer Mutter, und Charles konnte gar nicht anders, als es zu erwidern.

"Hallo, Marine", sagte er sanft. Ihr Lächeln vertiefte sich, als sie ihren Namen hörte.

"Hallo", erwiderte die Kleine fröhlich. Charles überlegte kurz. Sie mußte jetzt etwa vier Jahre alt sein. Ein Jahr jünger als Jarod, dachte er kummervoll, aber sein Kummer verflog, als er in das strahlende Gesichtchen von Catherines Tochter sah. Plötzlich fragte er sich, wie sie wohl als junge Frau aussehen würde. Ganz sicher mindestens ebenso schön und charmant wie ihre Mutter... Schon jetzt gelang es ihr mit Leichtigkeit, jedes Herz im Sturm zu erobern.

"Marine?" Catherine steckte den Kopf in das Zimmer und lächelte erleichtert, als sie ihre Tochter sah. Das Mädchen wandte ihr sofort den Kopf zu.

"Mama", sagte es glücklich und kam seiner Mutter entgegen, um sich umarmen zu lassen. Charles hielt den Atem an, als er den glücklichen und liebevollen Ausdruck auf Catherines Gesicht sah, während sie ihre Tochter im Arm hielt. Sie schien sie nur widerstrebend wieder loszulassen. Schließlich kam sie zu Charles und setzte sich neben ihn an den Tisch.

"Hallo, Charley", begrüßte sie ihn. "Sie steckt voller Energie. Außerdem kommt sie jetzt in die Phase, in der sie alles erforschen möchte. Manchmal kann ich kaum noch mit ihr Schritt halten", meinte sie lachend und beobachtete liebevoll ihre Tochter dabei, wie sie den Raum erkundete. Charles lächelte. Er freute sich, sie so glücklich zu sehen.

"Dann ähnelt sie ihrer Mutter", erwiderte er, aber sie schüttelte lächelnd den Kopf.

"Es ist noch viel zu früh, um das zu sagen."

"Oh, ich weiß nicht", sagte Charles hintergründig. Ein Klopfen an der Tür hinderte ihn daran, mehr zu sagen. Erschrocken sah er auf, doch Catherine legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm.

"Das ist Sydney", erklärte sie und stand auf, um zur Tür zu gehen. Sie öffnete sie langsam.

"Hallo, Sydney."

"Ich bin immer noch nicht davon überzeugt, daß ich das Richtige tue, Catherine", erwiderte Sydney statt einer Begrüßung. "Weder Ihr Mann noch Dr. Raines dürften sehr begeistert sein, wenn sie das erfahren."

"Machen Sie sich deswegen keine Sorgen, Sydney. Sie tun das Richtige, glauben Sie mir. Vielen Dank."

"In einer Stunde hole ich ihn wieder ab", stellte Jacobs Zwillingsbruder klar. "Und wenn ich feststellen sollte, daß ihm das hier geschadet hat, wird sich das nicht wiederholen."

"Danke, Sydney", wiederholte Catherine. "Es wird ihm nicht schaden, Sie werden sehen."

"Eine Stunde, Catherine", erinnerte er sie, dann trat er von der Tür zurück.

Charles fragte sich, was los war. Er reckte den Hals, um etwas zu erkennen, aber Catherine versperrte ihm die Sicht. Sie beugte sich hinunter.

"Hallo, Jarod", sagte sie dann und Charles glaubte, sein Herz müßte jeden Augenblick stehenbleiben. Hatte er das wirklich gerade gehört? Bisher war er ihm nie gelungen, seinen Sohn zu sehen, egal wie sehr er es probiert hatte. Catherine richtete sich wieder auf und trat einen Schritt zur Seite.

Wie gebannt starrte Charles auf den Jungen, der in der Tür stand und unschlüssig nach unten in den Raum sah. Als er auch weiterhin reglos stehenblieb, berührte Catherine ihn sanft an den Schultern.

"Hier ist jemand, der dich gerne sehen möchte", sagte sie sanft.

"Jarod", flüsterte Charles, als er seine Stimme endlich wieder unter Kontrolle hatte. Er wußte, daß Jarod sich unmöglich an ihn erinnern konnte, aber im Moment spielte das keine Rolle. Zusammen mit Catherine kam er die wenigen Stufen hinunter und blieb dann vor Charles stehen. Seine dunklen Augen sahen fragend zu ihm auf.

Ohne weiter darüber nachzudenken, ging Charles in die Hocke und umarmte seinen Sohn. Er spürte, wie ihm Tränen über das Gesicht strömten, aber es war ihm egal. Alles, was in diesem Moment zählte, war Jarod. Voller Dankbarkeit sah Charles zu Catherine auf.

"Danke", wisperte er. Auch sie weinte, aber es waren Freudentränen, trotz des Wissens, daß dieses Zusammensein nur von kurzer Dauer sein würde.

Widerstrebend ließ Charles Jarod wieder los und faßte einen Entschluß. Er würde ihm nicht sagen, daß er sein Vater war. Für Jarod würde das nur zusätzlichen Schmerz bedeuten. Jarod sah ihn noch immer fragend an.

"Wer sind Sie?" wollte er schließlich wissen.

Charles schluckte, hielt aber an seinem Entschluß fest.

"Mein Name ist Charles. Ich... bin ein Freund", brachte er hervor. Für einen Moment schien Jarod darüber nachzudenken, dann nickte er und lächelte. In seinem Blick lag aufrichtiges Vertrauen, und Charles schwor sich, das er es nie enttäuschen würde.

"Mama", ließ sich auf einmal Catherines Tochter mit einer Dringlichkeit vernehmen, die Charles ein Lächeln entlockte. Marine stand neben ihrer Mutter und zog kurz an ihrem Rock, um ihre Aufmerksamkeit zu erringen. Der Versuch war sofort von Erfolg gekrönt, und Catherine hob ihre kleine Tochter auf ihren Arm. Jarod beobachtete das Geschehen voller Faszination.

"Was ist denn, mein Schatz?" fragte Catherine. Aber Marine hatte ihr Ziel offenbar schon erreicht, denn sie lächelte zufrieden und küßte ihre Mutter auf die Wange. Catherine lachte leise. "Oh, ich verstehe." Sie küßte ihre Tochter auf die Stirn, drückte sie an sich und stellte sie dann wieder auf den Boden. Das Mädchen gluckste vergnügt, dann wandte es sich auf einmal zu Jarod um und musterte ihn aus großen blauen Augen.

"Hi", sagte sie dann und bedachte ihn mit ihrem unwiderstehlichen Lächeln. Wie nicht anders zu erwarten, erwiderte Jarod ihr Lächeln. Charles stellte fest, daß sein Sohn jetzt zum ersten Mal, seit er hier war, seine unnatürliche Ernsthaftigkeit verlor und wie ein ganz normales Kind wirkte.

"Hi", erwiderte er beinahe schüchtern, und Charles fühlte sich plötzlich an den Tag erinnert, an dem er Catherine zum ersten Mal getroffen hatte. Ebenso wie ihrer Mutter gelang es Marine jetzt problemlos, jede Schüchternheit zu zerstreuen. Ein einziger Blick genügte ihr dafür völlig. Als nächstes griff sie nach Jarods Arm und zog ihn mit sich fort, um ihm den Inhalt der Tasche zu zeigen, die sie mitgebracht hatte.

Catherine beobachtete das Geschehen amüsiert und sah dann zu Charles, der sich so glücklich fühlte wie schon seit Jahren nicht mehr. Er nahm ihre Hand und dankte ihr noch einmal. Sie schüttelte ganz leicht den Kopf.

"Ich wünschte, ich könnte noch mehr tun", sagte sie leise. Charles drückte ihre Hand.

"Hör schon auf, Catherine. Du hast mich heute sehr glücklich gemacht. Und jetzt laß uns den Tag genießen."

Er setzte sich neben sie an den Tisch, und für eine Weile beobachteten sie schweigend die beiden Kinder.

"Sieh sie dir nur an", sagte Charles. Fasziniert sah er dabei zu, wie Marine ihrem neuen Freund gerade etwas erklärte. Jarod hörte ihr mit offenem Mund zu, den Blick fest auf ihre Augen gerichtet.

"Beinahe wie Geschwister", flüsterte Catherine zurück. "Ich hoffe, sie werden einmal ebenso glücklich sein, wenn sie erwachsen sind."

"Davon bin ich überzeugt", versicherte Charles mit Nachdruck. "Dafür werden wir sorgen. Und wenn wir es nicht schaffen, werden sie es selbst tun."

Die Stunde war viel zu schnell vorüber. Als Sydney kam, um Jarod wieder abzuholen, konnte Charles sich nur schwer damit abfinden. Er verabschiedete sich von Jarod, dem der Abschied ebenso schwer zu fallen schien.

"Kann ich wiederkommen?" fragte er, kurz bevor er die Treppe erreichte. Catherine legte ihm die Hand auf den Kopf.

"Ich werde tun, was ich kann", versprach sie dem Jungen, während sie ihn zu Sydney begleitete. Charles wußte, daß er sich auf sie verlassen konnte.



Charles sah lächelnd von den Papieren auf, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Für eine ganze Weile ruhte sein Blick auf Catherines Tochter, die ein paar Meter entfernt von ihm und Jacob auf dem Boden saß und spielte. Zusammen mit Jacob paßte er auf Marine auf und diese Aufgabe bereitete ihnen beiden großes Vergnügen. In den letzten Wochen hatten sie viel Zeit mit Marine verbracht und sie ins Herz geschlossen wie ihr eigenes Kind.

Catherine hatte ihr Wort gehalten und weitere Treffen mit Jarod arrangiert. Charles war es gelungen, ein inniges Verhältnis zu seinem Sohn aufzubauen, und dafür war er Catherine unendlich dankbar.



Langton Cottage
Scofield, GB
23:20



Als Charles auf die Uhr sah, verzog er überrascht das Gesicht.

"Meine Güte, jetzt rede ich schon seit über drei Stunden."

Miss Parker sah ihn erstaunt an.

"Wirklich?"

Er lachte leise.

"Das passiert, wenn man so selten Gelegenheit hat, über die Vergangenheit zu reden. Obwohl kein Tag vergeht, an dem ich nicht darüber nachdenke", gab er zu.

Miss Parker griff nach seiner Hand und drückte sie leicht.

"Ich danke Ihnen, Charley. Sie ahnen ja nicht, wieviel mir das bedeutet."

"Vielleicht doch, Miss Parker."

Sie lächelte, und in ihren Augen erkannte er denselben Charme und die Wärme, die er dort schon vor so vielen Jahren gesehen hatte. Mit einer geschmeidigen Bewegung erhob sie sich.

"Ich weiß, daß es noch viel zu sagen und noch mehr zu erzählen gibt, aber für heute habe ich Sie schon lange genug aufgehalten", sagte sie entschlossen, aber auch mit deutlich hörbarem Bedauern.

Auch Charles erhob sich.

"Bitte versprechen Sie mir, daß Sie mich noch einmal besuchen, bevor Sie England verlassen, Miss Parker", bat er mit bewegter Stimme.

"Marine", verbesserte sie ihn. "Und ich komme gerne noch einmal wieder. Vielen Dank für den wundervollen Abend, Charley."

"Es war mir ein Vergnügen, Marine", erwiderte er. "Kommen Sie gut nach Hause."



Auf dem Weg nach Hause kreisten Miss Parkers Gedanken noch lange um ihr Gespräch mit Jarods Vater. Nur ein kleiner Teil ihrer Aufmerksamkeit war auf die Straße gerichtet. Doch plötzlich fiel ihr etwas ins Auge.

Es war ein Straßenschild, das sie für den Moment von der Vergangenheit ablenkte. Pendleton Heights, las sie im Vorbeifahren, als die Scheinwerfer das Schild für einen kurzen Augenblick erhellten. Der Name löste eine Reaktion in ihr aus, die sie sich zwar noch nicht erklären konnte, die sie aber auf gar keinen Fall ignorieren würde. In den letzten Wochen hatte sie gelernt, ihren Gefühlen zu vertrauen.

Da es nun ohnehin schon zu spät war, um Nachforschungen anzustellen, beschloß sie, am nächsten Tag wiederzukehren und der Sache auf den Grund zu gehen.



Pendleton Heights, GB
Am nächsten Tag
9:12



Der dunkle Wagen fuhr langsam die Auffahrt entlang. Große Eichen säumten den langen, geschwungenen Kiesweg, und das Sonnenlicht bildete interessante Muster auf dem Boden.

All das sah Miss Parker nicht. Sie dachte über das Schild nach, das sie an der Zufahrt des Geländes gesehen hatte. Pendleton Heights war eine Nervenheilanstalt. Das allein genügte noch nicht, um sie zu beunruhigen. Aber zusammen mit der Erinnerung daran, warum ihr dieser Ort so bekannt vorkam, reichte es aus, um sie zu alarmieren.

Der Name dieser Klinik war während einer Unterhaltung zwischen Lyle und ihrem Vater gefallen. Zufällig hatte sie das Ende mitangehört. Ihr Vater war sehr aufgebracht gewesen, aber Lyle schien der Sache nur eine geringe Bedeutung beizumessen. Daddy hatte verlangt, daß so etwas nie wieder vorkam, und Lyle war nur allzu bereit gewesen nachzugeben. Obwohl er nichts versprochen hatte.

Miss Parker fragte sich, was dieser Ort mit den Machenschaften ihres Bruders zu tun haben konnte, und die möglichen Antworten gefielen ihr gar nicht.

Sie parkte den Wagen und ging auf das große Gebäude zu, das die Klinik beherbergte. Von außen wirkte es überaus elegant und paßte irgendwie nicht zu dem Bild, das Miss Parker von einer Nervenheilanstalt hatte.

Eine breite, dreistufige Treppe führte zum Haupteingang, der von zwei mächtigen Säulen eingerahmt wurde. Die große Doppeltür, durch die man nach innen gelangen konnte, stand weit offen und gewährte bereits von draußen einen ersten Blick in die Klinik.

Nachdem Miss Parker das Haus betreten hatte, fand sie sich in einer riesigen Halle wieder, die elegant und geschmackvoll eingerichtet war. Alles in allem erinnerte diese Anstalt mehr an ein Hotel als an eine psychiatrische Einrichtung. Andererseits würde wahrscheinlich aber auch niemand ein korruptes Forschungszentrum hinter der stilvollen Fassade des Centres vermuten.

Nach ein paar Schritten blieb Miss Parker unschlüssig stehen. Eine Ahnung hatte sie hergeführt, und jetzt fragte sie sich, was sie als nächstes tun sollte.

"Kann ich Ihnen behilflich sein?" fragte plötzlich eine freundliche Stimme zu ihrer Linken. Als sie sich in diese Richtung drehte, entdeckte Miss Parker eine Art Rezeption, hinter der eine Frau mittleren Alters stand und sie fragend anlächelte. Ihre Gedanken überschlugen sich, während sie auf den Empfang zuging.

"Guten Tag", sagte sie, während sie noch immer nach einer plausiblen Erklärung für ihre Anwesenheit suchte. "Mein Name ist Miss Parker. Bin ich hier richtig in der Pendleton Heights Klinik?" Das war zwar keine sehr originelle Frage, aber zumindest verschaffte sie ihr etwas Zeit.

Die Frau hinter dem Schalter nickte freundlich.

"Ja, das sind Sie. Ich bin Schwester Giffens. Darf ich fragen, was Sie hierher geführt hat?"

"Nun, wissen Sie", Miss Parker senkte ein wenig ihre Stimme, "man hat mir diese Einrichtung sehr empfohlen. Mein Bruder hatte diesen schrecklichen Unfall, als er noch ein Kind war. Bisher war er zu Hause in den Staaten untergebracht, aber mein Vater und ich haben den Eindruck, daß er dort nicht glücklich ist."

Das Gesicht von Schwester Giffens hellte sich sichtbar auf.

"Oh, das tut mir leid", meinte sie teilnahmsvoll. "Und jetzt sind Sie extra aus den USA hierher gekommen?"

"Wie ich schon sagte, Sie wurden uns von Freunden empfohlen. Ich versichere Ihnen, für meinen Bruder ist meinem Vater und mir keine Anstrengung zu groß. Er ist wie ein großes Kind, der arme Kerl."

"Ich bin sicher, daß er sich hier sehr wohl fühlen würde", versicherte die Schwester, die jetzt offenbar einen lukrativen Auftrag witterte. Miss Parker unterdrückte ein Lächeln.

"Geld spielt natürlich keine Rolle", ließ sie die Schwester in einem vertraulichen Tonfall wissen.

"Natürlich nicht", erwiderte die Frau hastig.

"Wäre es wohl möglich, daß ich mich hier ein wenig umsehen könnte?"

"Aber natürlich, Miss Parker. Bitte warten Sie einen Augenblick, dann rufe ich jemanden, der Sie ein wenig herumführt. Mrs. Whitlock, die Leiterin unserer Einrichtung, ist heute leider nicht da, aber ich unser Personal ist qualifiziert genug, um Ihnen alles zu zeigen."

Die Schwester setzte ihr Vorhaben sofort in die Tat um, und keine fünf Minuten später kam eine junge Frau die geschwungene Doppeltreppe hinunter, die hinauf in den ersten Stock führte. In ihrer Miene zeigte sich leichter Unmut, und Miss Parker schloß daraus, daß sie über Giffens Auftrag nicht besonders glücklich war.

"Ah, Schwester Travis, da sind Sie ja. Das hier ist Miss Parker. Sie würde sich gerne ein wenig in der Klinik umsehen. Wenn Sie so freundlich wären, sie zu begleiten..."

Giffens Aufforderung war eher ein Befehl als eine Bitte. Travis Augen verengten sich kurz, dann wandte sie sich mit einem knappen Nicken an Miss Parker.

"Bitte folgen Sie mir."

Miss Parker nickte ebenfalls, bedankte sich bei Schwester Giffens für die Hilfe und ging dann hinter Travis her, die schon auf halbem Weg nach oben war.

"Zur Zeit sind über fünfzig Patienten bei uns untergebracht, und die meisten von ihnen müssen rund um die Uhr betreut werden."

Es fiel Miss Parker nicht weiter schwer, den Grund für Travis Ärger zu erraten. Die Schwester hatte im Moment offenbar Wichtigeres zu tun, als Kindermädchen für eine Besucherin zu spielen.

"Hören Sie, Schwester, ich möchte Sie keineswegs von Ihrer Arbeit abhalten", sagte Miss Parker sanft. Travis warf ihr einen kurzen Blick zu und erwiderte: "Ist schon gut. Das hier wird ja nicht allzu lange dauern. Wollen Sie einen Verwandten hier unterbringen?"

"Ja, vielleicht. Gibt es vielleicht Gründe, die dagegen sprechen?"

Diesmal lächelte Travis amüsiert.

"Nein, dieses Haus genießt einen erstklassigen Ruf. Das hat allerdings auch seinen Preis."

Miss Parker hatte das Gefühl, daß die Schwester nicht von Geld sprach.

"Ich verstehe", sagte sie deshalb nur.

Travis führte sie durch das erste Stockwerk. Hin und wieder fühlte sich Miss Parker leicht an das Centre erinnert, aber im Großen und Ganzen machte die Klinik einen hervorragenden Eindruck. Als letztes brachte Travis sie in einen großen, lichtdurchfluteten Raum, in dem sich mehrere der Patienten aufhielten.

"Das hier ist der Aufenthaltsraum. Viele unserer Patienten verbringen hier den größten Teil des Tages. Hier gibt es die meisten Beschäftigungsmöglichkeiten, außerdem besteht hier die Möglichkeit, Kontakte zu den anderen Patienten zu knüpfen."

Unwillkürlich mußte Miss Parker an Angelo denken. Bestimmt würde er sich hier wohl fühlen. Auf alle Fälle wohler als im Centre.

Plötzlich wurde ihre Aufmerksamkeit abgelenkt. In einer Ecke des großen Raumes saß eine junge Frau, die unbeteiligt vor sich hin starrte. Von dem Treiben um sich herum schien sie nichts zu bemerken. Miss Parker berührte Travis kurz am Arm.

"Wer ist das?" fragte sie und nickte in Richtung der Frau. Zum ersten Mal nahm das Gesicht der Schwester einen weicheren Ausdruck an.

"Das ist Luca." Sie stutzte, dann sah sie Miss Parker genauer an. "Wissen Sie, Sie sehen ihr irgendwie ähnlich."

Travis Worte trafen sie wie ein Schlag. Ihr ungutes Gefühl kehrte zurück, um ein Vielfaches stärker.

"Ja", war zunächst alles, was sie hervorbrachte. "Warum ist Luca hier?"

Traurig schüttelte Travis den Kopf.

"Um ganz ehrlich zu sein: wir wissen nur, daß sie vergewaltigt worden ist. Seit Luca vor drei Monaten hergebracht wurde, hat sie so gut wie überhaupt nicht gesprochen. Die Ärzte tun ihr Möglichstes, aber bisher leider erfolglos. Irgend etwas Furchtbares muß mit Luca passiert sein."

In Travis Gesicht konnte Miss Parker deutlich ihr Mitgefühl und ihre Frustration erkennen.

"Darf ich mit ihr sprechen?" fragte sie aus einem Gefühl heraus.

"Warum das? Glauben Sie etwa, daß sie mit Ihnen sprechen wird?"

Miss Parker sah Travis an und berührte sie am Arm.

"Bitte, lassen Sie es mich versuchen. Es kann ihr doch nicht schaden."

Travis erwiderte ihren offenen Blick, und nach einer Weile schüttelte sie fast unmerklich den Kopf.

"Ich weiß zwar nicht, warum, aber Sie sehen so aus, als wüßten Sie, was Sie tun. Also versuchen Sie es ruhig. Aber ich warne Sie - machen Sie es nicht noch schlimmer."

"Vielen Dank, Schwester. Könnte ich vielleicht an einem etwas ruhigeren Ort mit Luca sprechen?"

Schwester Travis seufzte.

"Na gut. Kommen Sie mit, Miss Nightingale."



Der kleine Raum, in den Schwester Travis sie brachte, war ebenso elegant wie der Rest der Klinik, aber aus irgend einem Grund wirkte er gemütlicher. Nach ein paar Minuten kehrte Travis in das Zimmer zurück. Sie brachte Luca mit, die noch immer keine Notiz von ihrer Umwelt zu nehmen schien.

Miss Parker überlegte kurz.

"Bitte lassen Sie uns allein", bat sie dann. Travis streifte sie mit einem Blick. Sie sah aus, als wollte sie etwas sagen, überlegte es sich dann aber anders. Ohne ein Wort drehte sie sich um und verließ den Raum.

Unschlüssig beobachtete Miss Parker die junge Frau, die auf der weichen Couch saß. Ihre Ahnung sagte ihr, daß Lyle etwas mit Lucas Zustand zu tun hatte. Es gab zwei Möglichkeiten für sie, Aufschluß zu gewinnen. Miss Parker entschied sich zunächst für die einfachere.

"Hallo, Luca", sagte sie so sanft wie möglich. Luca zeigte keine sichtbare Reaktion.

"Mein Name ist Miss Parker", fuhr sie fort, dann schüttelte sie den Kopf. "Du kannst mich aber Marine nennen." Noch immer keine Regung.

"Ich glaube, daß wir einen gemeinsamen Bekannten haben." Sie zögerte einen Augenblick, weil sie keine Ahnung hatte, wie Luca reagieren würde. "Sein Name ist Lyle."

Für einen Moment zeigte sich pures Entsetzen in Lucas Augen. Die junge Frau stieß einen heiseren Schrei aus und schlug die Arme vors Gesicht.

"Ganz ruhig, Luca. Er ist nicht hier. Du bist sicher vor ihm. Es tut mir leid." Miss Parker tat ihr Möglichstes, um Luca wieder zu beruhigen. Auf alle Fälle stand jetzt fest, daß Lyle hinter der Sache steckte.

Lucas Reaktion machte deutlich, daß Miss Parker so nicht weiterkommen würde. Also blieb ihr nur noch der andere Weg. Sie schloß kurz die Augen, um sich zu konzentrieren, und um sich davon zu überzeugen, daß sie das Richtige tat. Bisher war sie immer davor zurückgeschreckt, ihre neuen Talente zu nutzen.

Aber das hier war ein Notfall. Vielleicht konnte sie Luca helfen, indem sie herausfand, was mit ihr passiert war. Außerdem fühlte sie sich teilweise für den Zustand der Frau verantwortlich, weil ihr Bruder in die Angelegenheit verwickelt war.

"Ist schon gut, Luca. Entspann dich", murmelte sie beruhigend und setzte sich neben sie auf die Couch. Mittlerweile wußte sie besser, worauf es ankam. Seit ihrer ersten Simulation hatte sie an ihrer Technik gearbeitet, hauptsächlich, um sich vor ihren eigenen Reaktionen zu schützen.

Langsam steigerte sie ihre Konzentration, ließ sich immer weiter auf Luca ein, versuchte, ein Gefühl für sie zu bekommen.

Das Aufblitzen der ersten fremden Erinnerung war - wie schon beim ersten Mal - ein Schock. Mit all ihrer Selbstbeherrschung zwang sich Miss Parker, ihr Selbst nicht davor zu verschließen.

Lyles Gesicht erschien vor ihrem inneren Auge, lächelnd, charmant. Sie spürte, daß er Luca gefallen hatte. Aber anders als Luca sah sie hinter die Fassade und entdeckte dort Lyles berechnende Gefährlichkeit.

Die nächste Szene entfaltete sich vor ihr. Überrascht stellte sie fest, daß Lyle nach allen Regeln der Kunst um sie geworben hatte. Unwillkürlich fragte sie sich, warum.

Je mehr Zeit verging, desto schneller folgten die einzelnen Erinnerungen aufeinander. Häufig handelte es sich nur um Fragmente, einzelne Worte, Bilder oder Gerüche. Miss Parker spürte Lucas Zögern, sich noch weiter daran zu erinnern. Nur zu gerne hätte sie ihr diese Qualen erspart, aber es gab keinen anderen Weg.

Nach und nach filterte Miss Parker alle störenden Einflüsse aus dem Strom der Erinnerungen und Eindrücke heraus. Es gab etwas, das ihr immer stärker zu Bewußtsein kam, aber sie konnte es noch nicht fassen. Bewußt ließ sie es los, um später wieder darauf zurückzukommen.

Sie wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war, als plötzlich eine wahre Flut von Erinnerungen auf sie einstürmte. Verzweifelt bemühte sie sich, sie zu ordnen und ihre Distanz zu wahren, aber es war zwecklos. Es war bereits zu spät, sie hatte sich zu sehr auf Luca eingelassen, aber nur so konnte sie zum Kern ihres Traumas vordringen.

Als es soweit war, verlor sie beinahe die Kontrolle. Mit einem Mal wurde ihr bewußt, was vorhin ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Sie wußte zwar nicht, warum, aber Lucas Erinnerungen waren nicht die einzigen, die sie teilte. Irgendwie hatte sie einen Zugang zu Lyles Erinnerungen gewonnen.

Die Bilder überwältigten sie. Nur am Rande nahm sie war, daß Luca sich zurückzog und sie allein den Erinnerungen überließ.



Der Raum war dunkel. Dunkel und unheimlich. Sie hatte Angst. Das hier war nicht mehr der Mann, den sie letzten Monat kennengelernt hatte.

Er beherrschte sie, er quälte sie, und er besaß sie. Und so sehr sie es wollte, sie konnte sich nicht wehren. Das hier war nicht allein sein Werk. Sie hatte es auch gewollt.

Sein Körper lastete schwer auf ihr. Was er mit ihr machte, hatte nichts mehr mit Sex zu tun.

Zuerst hatte es ihr gefallen, doch dann, urplötzlich, hatte er die Kontrolle über sich verloren. Ein Teil von ihr begriff, daß das nicht stimmte, daß er sich noch immer unter Kontrolle hatte. Es machte ihr noch mehr Angst.

Sein Atem ging immer schneller. Es war nicht ihr Körper, der sie so sehr erregte, das war ihr klar. Sie hatten schon vorher miteinander geschlafen, aber so etwas hatte er nie mit ihr gemacht.

Immer schneller stieß er in sie hinein, bis er kurz vor dem Höhepunkt stand. Sie wollte, daß es vorbei war, aber noch mehr wünschte sie sich, keine Lust mehr zu empfinden.

Als er kam, schrie er wieder ihren Namen, den Namen der anderen Frau. Obwohl sie es nicht wollte, hatte auch sie einen Orgasmus.

Es dauerte lange, bis er schließlich von ihr herunter rollte. Langsam, fast beiläufig, zog er mit einem Finger die Linie ihres Kinns nach. Der Ausdruck in seinen Augen erfüllte sie mit tiefstem Entsetzen.

"Und jetzt... werden wir ein bißchen Spaß miteinander haben", kündigte er an, und die Kälte in seinen Augen strafte seinen sanften Tonfall Lügen.



Miss Parker versuchte, aus dem Strudel der Erinnerungen loszukommen, aber sie ahnte, daß noch eine weitere, sehr viel schlimmere Entdeckung auf sie wartete. Die kommenden Ereignisse betrachtete sie wieder aus Lucas Perspektive, verbannte sie aber sofort wieder aus ihrem Gedächtnis, so gut sie konnte. Zu ihrem Entsetzen kehrte sie dann noch einmal zu den Geschehnissen in Lyles Haus zurück, und diesmal teilte sie seine Perspektive.



Endlich. Es war nicht so gut wie in seiner Vorstellung, aber genug, um einen Teil der unerträglichen Spannung abzubauen. Dieses Mädchen sah ihr sogar ziemlich ähnlich, machte es noch ein bißchen besser als er gehofft hatte.

Sie gehörte ihm, war ihm hilflos ausgeliefert. Und so sehr sie es auch bestreiten mochte, es gefiel ihr.

Wie von selbst glitten seine Gedanken zu ihr zurück. Sofort steigerte sich seine Erregung, bis jeder andere Gedanke aus seinem Bewußtsein verschwunden war. In seiner Vorstellung war sie es, die sich unter ihm bewegte, ihn ganz in sich aufnahm, seinem Rhythmus folgte.

Er spürte, wie er dem Höhepunkt immer näher kam. Manchmal genügte schon der Gedanke an sie... Ein tiefes Stöhnen entrang sich seiner Kehle. Fast, er war fast da. Er konnte beinahe ihre weiche Haut fühlen, ihre Hände, die ihn tiefer in sie hineinzuziehen versuchten, ihr dunkles Haar in seinem Gesicht... ihre vollen Lippen, die sich immer wieder auf seine preßten, ihre Zunge, die seinen Mund erforschte... er hörte ihr leises Stöhnen, das ihn immer weiter erregte...

Sein Höhepunkt war unglaublich. Wieder und wieder kam er, und wieder und wieder schrie er ihren Namen. Die ganze Zeit hatte er ihr Gesicht vor Augen. Er mußte sie haben, er mußte einfach, auch wenn er wußte, daß er das nicht konnte, daß er es nicht durfte. Aber Vorschriften und Verbote hatten ihn nie interessiert...



Miss Parker schrie, als sie sich von Luca losriß und vor der Couch auf den Boden sank. Die Wellen des Orgasmus, den sie mit Luca und Lyle geteilt hatte, brandeten mit unverminderter Stärke durch ihren Körper. Tränen liefen über ihr Gesicht. Sie weinte aus Mitleid für Luca. Sie weinte, weil das Gesicht, daß sie in Lyles Erinnerung gesehen hatte, ihr eigenes gewesen war.

Es war fast unmöglich für sie, die Kontrolle wiederzuerlangen. Mehr als alles andere auf der Welt wünschte sie jetzt, sie hätte diese Bilder nie gesehen und nie einen Blick in das Bewußtsein ihres Zwillingsbruders geworfen.

Übelkeit erfaßte sie. Sie würgte mehrmals, schaffte es aber, sich zu beherrschen. Nach einer Ewigkeit erlangte sie einen Teil ihrer Selbstkontrolle wieder. Luca, sie mußte nach Luca sehen.

Mühsam rappelte sie sich auf und zog sich auf die Kante der Couch. Luca hatte sich in eine fötale Position zusammengerollt. Auch über ihr Gesicht liefen Tränen. Ungebetene Erinnerungen an die Mißhandlungen, die Lyle ihr nach der Vergewaltigung zugefügt hatte, drangen in Miss Parkers Bewußtsein. Sie schob sie gewaltsam fort. Damit mußte sie sich später befassen.

"Luca..."

Ihre Stimme klang rauh und erschien ihr irgendwie unwirklich.

Tröstend zog sie die junge Frau in ihre Arme und wartete geduldig darauf, daß die Schluchzer, die sie schüttelten, wieder abebbten. Nach einer Ewigkeit nahm Miss Parker plötzlich eine Stimme wahr. Müde drehte sie den Kopf. Schwester Travis stand in der Tür und starrte sie mit einem undeutbaren Ausdruck an.

"Und jetzt werden Sie mir erklären, was zum Teufel hier gerade los war, Miss Parker."


Langton Cottage
Scofield, GB
17:00



"Marine, was für eine Überraschung! So früh hatte ich gar nicht mit Ihnen gerechnet. Ich hoffe, das heißt nicht, daß Sie schon wieder in die USA zurückkehren. Bitte, kommen Sie herein."

Miss Parker leistete seiner Aufforderung nur zu gerne Folge und ging in das gemütliche Wohnzimmer. Dort setzte sie sich auf die Couch und wartete, bis Charles sich ebenfalls gesetzt hatte.

"Charley, ich möchte Sie um einen Gefallen bitten", sagte sie dann.

"Natürlich. Worum geht es?"

"Ich dachte daran, die Vergangenheit ein wenig aufleben zu lassen."

Der Major richtete sich interessiert auf, und Miss Parker unterdrückte ein Lächeln.

"Inwiefern?"

"Sie kennen doch sicher Pendleton Heights, die Nervenheilanstalt, die ganz in der Nähe liegt?" Als er nickte, fuhr sie fort. "Mit Ihrer Hilfe möchte ich jemanden von dort wegbringen, und zwar so schnell wie möglich."


Pendleton Heights, GB
Am nächsten Tag
11:31



"Ist ziemlich lange her, daß ich so etwas gemacht habe", murmelte Charles, als er aus dem Wagen stieg und das große Klinikgebäude musterte. Miss Parker lächelte ihm aufmunternd zu.

"Es ist wirklich sehr nett von Ihnen, daß Sie mir helfen, Charley."

Er sah sie an und grinste.

"Glauben Sie mir, es ist mir ein Vergnügen. Ich hoffe nur, daß ich nicht zu sehr aus der Übung bin."

Gemeinsam gingen sie die drei Stufen bis zum Eingang hinauf. Die große Eingangshalle war verlassen, nur Schwester Travis stand hinter der Rezeption und sah auf, als die beiden die Klinik betraten.

"Sie sind also wirklich wiedergekommen", stellte Travis fest. "Ich hatte eigentlich nicht damit gerechnet."

Miss Parker neigte leicht den Kopf zur Seite.

"Ich habe Ihnen versprochen, daß ich wiederkommen und Ihnen alles erklären würde, und ich halte meine Versprechen. Das hier ist Charles, ein alter Freund meiner Familie."

Charles streckte die Hand aus, und Travis ergriff sie.

"Sehr erfreut", sagte Charles.

"Charles, das ist Schwester Travis. Ich hoffe, daß sie uns behilflich sein wird, sobald ich ihr ein wenig über die Hintergründe erzählt habe", fügte Miss Parker hinzu. Travis Gesichtsausdruck war voller Zweifel, aber sie sagte nichts. Der Major hingegen lächelte, und Miss Parker fand, daß er plötzlich außerordentlich charmant wirkte.

"Gibt es hier vielleicht einen Ort, an dem wir uns ungestört unterhalten können?" fragte sie Schwester Travis. Die Schwester überlegte kurz, dann nickte sie.

"Zur Sicherheit der Patienten werden die meisten Räume hier überwacht, aber ich kenne einen geeigneten Raum. Folgen Sie mir."

Sie ging zunächst zu einem kleinen Raum, der sich unterhalb der breiten Treppe befand, die in den ersten Stock führte. Die Tür war nur angelehnt, und Travis steckte den Kopf in das Zimmer.

"Hey, Shirley, könntest du bitte für eine Weile auf den Empfang aufpassen? Ich muß mich um ein paar Kunden kümmern."

"Geht klar, Jess. Aber bleib nicht zu lange weg, okay?"

"Danke, Shirley."

Ohne ein weiteres Wort drehte sich Travis wieder um und machte sich auf den Weg in den ersten Stock. Miss Parker und Charles folgten ihr schweigend, tauschten nur hin und wieder einen kurzen Blick. Am Ende der Treppe wandte sich Travis nach rechts und ging einen langen Gang hinunter, bis sie vor einer kleinen, massiv wirkenden Tür anhielt. Nach einer kurzen Suche in einer Tasche ihrer Uniform zog sie ein Schlüsselbund hervor. Sie schloß auf und bedeutete Miss Parker und Charles hindurch zu gehen. Dann folgte sie den beiden und schloß die Tür wieder ab.

"Ich möchte nicht, daß sich ein Patient hierher verirrt. In dem Fall hätte ich eine Menge zu erklären", meinte Travis. Die Schwester übernahm wieder die Führung.

Miss Parker sah sich neugierig um. Sie befanden sich jetzt in einem alten Treppenhaus, das offenbar nur noch selten benutzt wurde. Anders als in den restlichen Räumen der Klinik waren die Fenster hier nicht vergittert. Allerdings waren diese Fenster für die meisten Menschen zu klein, um durch sie entkommen zu können.

Schweigend folgte sie Travis noch drei weitere Treppen hinauf, sich immer der beruhigenden Präsenz von Charles bewußt, der hinter ihr ging. Am oberen Ende der letzten Treppe standen sie wieder vor einer verschlossen Tür, und wieder öffnete Travis sie für sie. Dahinter befand sich ein kleiner Raum, der Teil des Dachbodens sein mußte. Aber obwohl das Treppenhaus verlassen wirkte, sah dieser Raum so aus, als würde er zumindest hin und wieder benutzt.

Zwei abgenutzte Sessel und drei alte Stühle waren um einen wackelig wirkenden Tisch gruppiert. Durch ein großes, rundes Fenster, dessen Scheibe vor Schmutz und Staub schon fast blind war, fiel gerade genug Licht in den Raum, um ihn gemütlich wirken zu lassen. Trotzdem dachte Miss Parker, daß sie gerne darauf verzichten konnte, hier nachts herzukommen.

Travis setzte sich auf einen der Stühle und bot auch Miss Parker und Charles eine Sitzgelegenheit an. Miss Parker entschied sich für einen der Sessel, während Charles stehenblieb und einen Blick durch das Fenster zu werfen versuchte.

"Ist bestimmt eine schöne Aussicht von hier", meinte er. Schwester Travis lachte leise.

"Wir kommen nicht oft genug her, um mal sauber zu machen. Aber ab und zu ist es ganz nett, sich mal ein paar Minuten vor allem zu verstecken."

Sie wandte ihren Blick von Charles ab und sah statt dessen Miss Parker neugierig an.

"Ich bin ganz Ohr", meinte sie auffordernd. Miss Parker lächelte leicht.

"Wollen Sie die kurze oder die lange Version hören?"



Eine halbe Stunde später schürzte Schwester Travis die Lippen und starrte nachdenklich auf den kleinen Tisch. Als sie wieder aufsah, war ihr Gesichtsausdruck undeutbar.

"Diese Geschichte qualifiziert Sie eindeutig für einen Platz in unserer Klinik", sagte sie dann.

"Aber sie ist wahr", schaltete sich Charles zum ersten Mal ein. Travis warf ihm nur einen kurzen Blick zu.

"Jedenfalls klingt es verrückt genug, um wahr zu sein."

Travis schüttelte langsam den Kopf. Miss Parker sah ihr in die Augen und erkannte dort, daß die Schwester nicht nur bereit war, ihnen zu glauben, sondern es bereits tat. Sie brauchte nur noch etwas Zeit, um alle Informationen zu verarbeiten.

"Sie haben mir nicht alles erzählt."

"Nein, nur das Wichtigste. Die Details sind im Moment unwichtig, aber ich werde sie Ihnen später irgendwann erzählen, wenn Sie das möchten."

Ein kleines Lächeln spielte um Travis Lippen.

"Nein, ich glaube nicht." Während sie sich mit einer Hand durch ihr kurzes, braunes Haar fuhr, lehnte sie sich ein wenig zurück. In ihren grünen Augen stand Besorgnis. "Sie glauben also, daß Ihr Bruder für Lucas Zustand verantwortlich ist?"

Miss Parker seufzte unbehaglich und nickte dann, beinahe widerstrebend.

"Ich fürchte es, ja. Aber Lucas Reaktion hat daran kaum einen Zweifel gelassen."

"Was haben Sie jetzt vor?" wollte Travis nach einer kleinen Pause wissen.

Nach einem Blick zu Charles beugte sich Miss Parker in ihrem Sessel vor.

"Ich würde Luca gerne mit in die USA nehmen. Dort könnte sich ein Freund von mir, Sydney, um sie kümmern. Er ist ein Psychiater und kennt sich weit besser mit der kranken Psyche meines Bruders aus als jeder Arzt hier. Vielleicht kann er Luca helfen."

Wieder zeigten sich Zweifel in Travis Miene.

"Und dieser Sydney... arbeitet er auch für das Centre?"

"Ja, aber das spielt keine Rolle. Seine Loyalität gehört in erster Linie seinen Patienten, und ganz bestimmt nicht dem Centre."

"Glauben Sie nicht auch, daß es für Luca gefährlich sein könnte, sie wieder in die Nähe Ihres Bruders zu bringen? Und ich spreche hier nicht nur von den psychischen Auswirkungen auf Luca."

"Ihre Sorge ist durchaus berechtigt", gab Miss Parker zu. "Aber ich kann Luca beschützen. Lyle wird ihr nie wieder zu nahe kommen, soviel ist sicher."

Travis wiegte unentschlossen ihren Kopf.

"Ich weiß nicht. Nach Ihren Schilderungen zu schließen, ist dieser Kerl mehr als gefährlich. Sind Sie wirklich sicher, daß Sie für Lucas Sicherheit garantieren können?"

"Schwester Travis, hundertprozentige Sicherheit gibt es nie. Ich werde aber tun, was ich kann, um Luca zu helfen und um sie zu beschützen. Das bin ich ihr schuldig."

Charles verließ seinen Platz am Fenster und ging neben Miss Parkers Sessel in die Hocke. Er legte seine Hand auf ihren Arm.

"Sie sind nicht verantwortlich für die Taten Ihres Bruders", stellte er fest und sah sie lange an. Dann wandte er sich an Travis, ein warmes Lächeln in den Augen. "Sie können Miss Parker vertrauen."

Die Schwester überlegte eine ganze Weile, dann lächelte sie zögerlich und, wie es schien, fast gegen ihren Willen.

"Das tue ich, auch wenn es verrückt ist. Ich kann nur nicht so einfach Lucas Leben riskieren, verstehen Sie? Das Mädchen hat Schreckliches durchgemacht, und außer mir kümmert sich niemand mehr um sie."

"Wieso kommen Sie dann nicht mit?" schlug Miss Parker vor, dankbar für Charleys Nähe und seine Unterstützung.

Travis ließ sich die Idee durch den Kopf gehen.

"Das ist nicht so einfach... Aber wahrscheinlich haben Sie beide schon einen Plan ausgeheckt, nicht wahr?"

Miss Parker und Charles lächelten sich verschwörerisch an, und Travis schüttelte amüsiert den Kopf.

"Na, dann lassen Sie mal hören."

"Also, die Sache sieht folgendermaßen aus", begann Charles, "wir müssen zunächst..."



Pendleton Heights, GB
Am nächsten Tag
16:04



Miss Parker stieg die kurze Treppe zum Eingang der Klinik hoch, dicht gefolgt von Charles. Sie waren beide froh, daß Schwester Travis zugestimmt hatte, ihnen bei ihrem Plan zu helfen. Andernfalls hätten sie einen neuen Plan ausarbeiten müssen und so wertvolle Zeit verloren.

"Bereit?" fragte Miss Parker leise.

Charles warf ihr einen kurzen Blick zu und lächelte leicht.

"Sicher. Schließlich haben wir es hier ja nicht mit dem Centre zu tun." Er zwinkerte, und Miss Parker erwiderte sein Lächeln.

"Dann los."

Gemeinsam betraten sie die große Eingangshalle. Wie auch schon bei ihren vorigen Besuchen war außer einer Schwester hinter dem Empfangstresen niemand sonst anwesend. Von Schwester Travis hatten sie erfahren, daß das zum Konzept von Pendleton Heights gehörte: Die Patienten der Klinik sollten sich so wenig wie möglich überwacht fühlen. Daher befanden sich nur in den oberen beiden Stockwerken Pfleger, die auf das Wohl der Kranken achteten. Alle anderen Räume, einschließlich der Eingangshalle, wurden durch eine hochmoderne Videoanlage überwacht.

Deswegen hatten sie den ursprünglichen Plan ein wenig geändert. Da es weitaus schwieriger gewesen wäre, Luca heimlich herauszuschaffen, hatten sie sich dafür entschieden, sie in aller Öffentlichkeit mitzunehmen. Miss Parker hatte sich um die nötigen Formalitäten gekümmert, und jetzt hing alles nur noch von Charleys schauspielerischem Geschick ab.

"Guten Tag, kann ich Ihnen irgendwie helfen?" begrüßte sie die Schwester am Empfang.

"Guten Tag", erwiderte Miss Parker, "das können Sie bestimmt. Das hier ist Dr. Stephens, und ich bin Miss Parker. Wir würden gerne mit Mrs. Whitlock sprechen."

"Natürlich. Darf ich fragen, in welcher Angelegenheit?"

"Es geht um eine Ihrer Patientinnen. Würden Sie Mrs. Whitlock bitte fragen, ob Sie etwas Zeit für uns erübrigen kann?"

"Bitte warten Sie einen Moment."

Die Schwester griff nach dem Telefon. Ein paar Minuten später kam eine ältere, elegante Frau die große Treppe in die Eingangshalle hinunter. Miss Parker musterte die Leiterin der Klinik unauffällig. Sie strahlte Autorität und Selbstsicherheit aus. Bevor Mrs. Whitlock in Hörweite kam, beugte sich Charles zu Miss Parker.

"Gar kein Problem", wisperte er. "Ich werde sie um den kleinen Finger wickeln."

"Guten Tag, ich bin Cornelia Whitlock, die Leiterin dieser Klinik. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?"

Das Lächeln, das sie ihnen präsentierte, wirkte für Miss Parker ein wenig zu aufgesetzt, und sie beschloß, vorsichtig mit dieser Frau zu sein. Nachdem sie die Vorstellung hinter sich gebracht hatten, kam Miss Parker gleich zur Sache. Sie wollte die ganze Angelegenheit so schnell wie möglich hinter sich bringen. Es war nicht das erste Mal, daß sie sich für jemand anderen ausgab, aber bisher hatte sie sich dabei nie allein auf ihre Fähigkeiten verlassen.

"Mrs. Whitlock, als ich vor ein paar Tagen zum ersten Mal Ihre Einrichtung besucht habe, habe ich eine äußerst erstaunliche Entdeckung gemacht. Man könnte es beinahe als unglaublichen Glücksfall bezeichnen - wenn die Umstände nicht so traurig wären."

"Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht ganz folgen...", sagte Mrs. Whitlock, die Augenbrauen leicht in die Höhe gezogen.

"Wenn Sie nichts dagegen haben, hole ich ein bißchen weiter aus. Vor ein paar Monaten, zu Hause in den USA, kam es in einer befreundeten Familie zu einem schrecklichen Ereignis. Eine der Töchter verschwand spurlos, und trotz einer großangelegten Suche war sie nirgends zu finden. Die Eltern glaubten zunächst an eine Entführung, aber als nach Wochen noch immer keine Lösegeldforderung gestellt worden war, ließ die Polizei diese Möglichkeit fallen. Noch etwas später erklärten die offiziellen Stellen, daß das Mädchen fortgelaufen sein mußte - und stellten alle aktiven Bemühungen ein, sie wiederzufinden. Ihre Eltern gaben zwar nicht auf und engagierten mehrere Privatdetektive, aber das Mädchen konnte nicht gefunden werden." Miss Parker machte eine kleine Pause und richtete einen eindringlichen Blick auf die Klinikleiterin. "Als ich mich nun vor ein paar Tagen hier umsah, entdeckte ich eine Patientin, die diesem Mädchen wie aus dem Gesicht geschnitten war. Um alle Zweifel auszuräumen und den armen Eltern nicht unnötig Hoffnung zu machen, habe ich also ein paar Nachforschungen angestellt."

Whitlocks Augenbrauen waren noch weiter nach oben gewandert, und jetzt hob sie eine Hand, um Miss Parker zu unterbrechen.

"Nun, Miss Parker, das klingt alles etwas..."

Weit hergeholt? dachte Miss Parker.

"Ich weiß ja, wie das für Sie klingen muß, Mrs. Whitlock", sagte sie laut, "und ich verlange auch nicht, daß Sie sich allein auf mein Wort verlassen. Aus diesem Grund hat mich Dr. Stephens begleitet. Er ist der Anwalt der Familie und kann die Identität der betroffenen Patientin zweifelsfrei aufklären."

Charles räusperte sich.

"Das kann ich in der Tat. Die Papiere, die ich mitgebracht habe, werden alles untermauern. Wenn wir das Gespräch vielleicht an einem ruhigeren Ort fortsetzen könnten..."

Er griff nach dem Arm der etwas überrumpelt wirkenden Frau und überließ es ihr, ihn zu ihrem Büro zu führen. Miss Parker sah den beiden nach, dann drehte sie sich um, als sie leise Schritte hinter sich hörte. Jessica Travis kam aus dem Bereitschaftsraum der Schwestern auf sie zu.

"Und, wie ist es gelaufen?" fragte sie neugierig.

"Mrs. Whitlock hat nicht die geringste Chance", meinte Miss Parker mit einem feinen Lächeln. "Was ist mit Ihnen, hat alles geklappt?"

Travis nickte zufrieden.

"Ja. Der Boss war zwar nicht sehr begeistert darüber, daß ich so plötzlich Urlaub genommen habe, aber ihm blieb keine Wahl. Es ist das erste Mal in vier Jahren, daß ich mir frei nehme."

"Vier Jahre ohne Urlaub?" erkundigte sich Miss Parker überrascht. Schwester Travis lachte leise.

"Sehen Sie mich nicht so entsetzt an, Miss Parker. Die Schichten hier sind angenehm verteilt, da es genug Personal gibt. Uns stehen pro Monat mehrere Ruhetage zu. Die Arbeit hier kann ziemlich belastend sein, und die Klinikleitung ist dankbar für jeden Mitarbeiter, der es hier länger als ein Jahr aushält. Ich habe fast ein Dreivierteljahr Urlaub angesammelt."

Klingt irgendwie vertraut, dachte Miss Parker. Seit Jarods Flucht habe ich auch keinen Urlaub mehr gemacht.

"Dann wurde es aber höchste Zeit."

"Das können Sie laut sagen. Glauben Sie, daß es noch lange dauern wird?"

"Nein, ich schätze nicht. Die Papiere sprechen für sich selbst, und Charles hat versprochen, ganz besonders charmant zu sein."

Es dauerte tatsächlich nicht mehr lange, bis Charles und Mrs. Whitlock zurückkehrten. Charles triumphierende Miene sprach Bände, und Miss Parker fühlte, wie ihr ein Stein vom Herzen fiel. Jetzt konnten sie Luca in die USA bringen, und mit ein wenig Glück konnte Sydney ihr helfen.



Langton Cottage
Scofield, GB
19:07



"Hallo, Marine. Kommen Sie rein."

In Charles Stimme schwangen sowohl Freude als auch Kummer mit. Miss Parker kannte den Grund für beides; sie fühlte sich ganz ähnlich.

"Guten Abend, Charley", erwiderte sie, bevor sie eintrat. Wortlos folgte sie ihm ins Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch.

"Wann brechen Sie auf?"

"Unser Flug geht morgen früh, gegen drei Uhr. Schwester Travis ist mit Luca schon nach London aufgebrochen. Ich treffe die beiden nachher im Hotel."

"Dann ist das also der Abschied", seufzte Charles. "Ich bin froh, daß Sie noch einmal vorbeigekommen sind."

"Glauben Sie etwa, ich hätte mich wortlos fortgeschlichen?" fragte Miss Parker gespielt vorwurfsvoll. Dann wurde ihre Miene ernst. "Es gibt noch etwas, das ich Ihnen sagen muß, Charley."

Er sah sie aufmerksam an.

"Es ist Ihnen vermutlich schon selbst klargeworden, aber ich wollte sichergehen. Ich glaube, daß das Centre Ihnen dicht auf den Fersen ist, sehr dicht sogar. Die Tatsache, daß ich Sie gefunden habe, spricht ebenfalls dafür. Sie sollten... vorsichtig sein."

"Sie haben recht, das wußte ich tatsächlich bereits. Trotzdem danke ich Ihnen für die Warnung, Marine. Aber Sie sollten auch etwas wissen... Sie haben mich nur deshalb gefunden, weil ich es so wollte", meinte er mit einem Zwinkern.

Miss Parker sah ihn ein oder zwei Sekunden lang überrascht an, dann lachte sie leise.

"Jetzt glaube ich wirklich, daß Jarod ihr Sohn ist", brachte sie hervor. Charles grinste, stand auf und ging zu einer Truhe, die neben dem Kamin stand. Er holte etwas daraus hervor. Als er sich wieder zu ihr umdrehte, erkannte Miss Parker, daß er eine Akte und einen Umschlag in der Hand hielt. Den Umschlag reichte er ihr.

"Was ist das?"

"Ein kleines Andenken für Sie. Öffnen Sie den Umschlag, wenn Sie wieder zu Hause sind. Es sind Fotos darin - damit Sie sich wieder ein Bild von der Vergangenheit machen können."

Miss Parker sah auf den Umschlag herab und nickte nachdenklich.

"Danke, Charley", sagte sie warm.

"Gern geschehen, Marine. Ich wünschte nur, ich hätte noch mehr für Sie tun können. Uhm, ich würde Sie außerdem noch gerne um einen Gefallen bitten."

"Natürlich, was immer es ist."

"Vorsichtig, solche Worte können einen leicht in Schwierigkeiten bringen", erwiderte Charles amüsiert, wurde aber sofort wieder ernst. "Das hier sind ein paar Informationen für Jarod. Ich möchte, daß Sie die Akte mitnehmen - damit ich sicher sein kann, daß er sie auch erhält."

Sie zögerte nur kurz.

"In Ordnung. Ich werde dafür sorgen, daß er sie bekommt. Das verspreche ich Ihnen."

"Vielen Dank, Marine. Es ist mir wirklich wichtig."

Er gab ihr auch die Akte und sah dabei zu, wie sie beides in ihre Tasche packte. Schließlich sah sie zu ihm auf.

"Was werden Sie jetzt tun, Charley?"

"Oh, ich werde weiterziehen, um den Abstand zum Centre wieder ein wenig zu vergrößern. Das dürfte nicht weiter schwer sein - die Burschen haben in den letzten Jahren glücklicherweise stark nachgelassen."

"Werden Sie irgendwann in die USA zurückkehren?"

Charles zuckte mit den Schultern.

"Das würde ich gerne tun, sobald es sicher ist. Bis dahin ziehe ich aber das Ausland vor."

Miss Parker nickte traurig und erhob sich.

"Ich verstehe. Aber geben Sie die Hoffnung nicht auf. Vielleicht können Sie früher zurückkommen, als Sie sich jetzt vorstellen können."

Er musterte sie aufmerksam, dann formten seine Lippen langsam ein Lächeln.

"Sie haben doch etwas vor, Marine", vermutete er.

"Durchaus möglich", gab sie zu. "Aber bis jetzt ist es nur eine Idee. Ich muß noch genauer darüber nachdenken."

"Hm, jetzt haben Sie mich neugierig gemacht."

"Nur Geduld, Charley. Sie werden früh genug alles erfahren, da bin ich mir ganz sicher."

Sie warf einen Blick auf die Uhr über dem Kamin. Charles folgte ihrem Blick.

"Es ist Zeit", sagte er dann. "Wenn Sie nicht bald aufbrechen, kommen Sie nicht rechtzeitig nach London zurück."

Er griff nach ihrer Hand, und Miss Parker erinnerte sich an den Augenblick, als sie ihn zum ersten Mal in Scofield getroffen hatte. Noch vor ein paar Tagen hatte sie sich nicht einmal mehr daran erinnert, daß sie ihn kannte. Trotzdem fiel ihr der Abschied jetzt schwer.

"Würden Sie mir noch einen Gefallen tun?" fragte Charles. Miss Parker nickte wortlos.

"Ich möchte, daß Sie Jarod noch etwas von mir geben. Lassen Sie sich Zeit damit, bis Sie beide soweit sind."

Bevor Miss Parker ihn fragen konnte, was er meinte, umarmte er sie und drückte sie an sich. Sie verstand.

"Passen Sie gut auf sich auf, Marine."

"Das werde ich, Charley", versprach sie ihm und blinzelte ihre Tränen zurück. "Sie werden mir fehlen."

"Sie werden mir auch fehlen, aber wir sehen uns bestimmt bald wieder."

Charles trat ein paar Schritte zurück und lächelte traurig.

"Auf Wiedersehen, Charley, und danke für alles."

"Es gibt nichts, wofür Sie mir danken müßten. Bis bald, Marine."

Er brachte sie zu ihrem Wagen und sah ihr noch lange nach.

"Ich werde dich immer im Auge behalten", meinte er leise zu sich selbst, bevor er wieder in sein Haus zurückkehrte und damit begann, seinen Umzug vorzubereiten.



Das Centre
Blue Cove, Delaware
Am nächsten Tag
6:49



Ein Schauer lief über ihren Rücken, als Miss Parker die Umrisse des Centres im Scheinwerferlicht ihres Autos erkannte. Etwas mehr als vier Wochen waren vergangen, seit sie diesen Ort verlassen hatte. Es erstaunte sie, wie schwer ihr die Rückkehr fiel.

Die Arbeitsroutine steckte ihr aber noch immer in den Knochen, und so parkte sie ihren Wagen ganz automatisch. Bevor sie ausstieg, gestattete sie sich einen resignierten Seufzer, dann sammelte sie ihre Energie und machte sich auf den Weg in ihr Büro.

Miss Parker wußte, daß ihr einige Konfrontationen bevorstanden, aber auf die meisten freute sie sich. Andere dagegen bereiteten ihr einiges Kopfzerbrechen.

Die große Eingangshalle lag verlassen im Dämmerlicht des anbrechenden Morgens. So früh verirrten sich nur wenige der Angestellten ins Centre, es sei denn, ihre Anwesenheit war unerläßlich.

"Miss Parker?"

Ohne sich umzudrehen, wußte sie bereits, wem die sonore Stimme gehörte.

"Sam."

Erst jetzt drehte sie sich um und musterte ihren Sweeper mit einem desinteressierten Blick.

"Habt ihr Jarod inzwischen erwischt?"

Die Andeutung eines Lächelns zeigte sich auf Sams sonst so unbewegtem Gesicht.

"Nein. Soweit ich weiß, hat seit vier Wochen niemand mehr etwas von ihm gehört."

"Was für eine Überraschung. Es wird wohl höchste Zeit, daß ich die Sache wieder in die Hand nehme."

Sams einzige Antwort bestand aus einem kaum merklichen Nicken.

Sie ging weiter, doch kurz vor dem Lift drehte sie sich noch einmal um.

"Ich suche meinen Bruder. Weißt du, wo er ist?"

"Sublevel 2."

Zufrieden schnippte Miss Parker mit den Fingern.

"Eine präzise Antwort. Genau wie ich es liebe. Halt dich bereit, Sam. Die Jagdsaison ist wieder eröffnet."

Ohne eine Antwort abzuwarten, betrat sie einen der Lifte und drückte den Knopf mit der Aufschrift SL-2. Die Fahrt war nur kurz. Zu kurz, um ihre aufschäumende Wut unter Kontrolle zu halten, die sie beim Gedanken an Lyle befiel. Aber im Grunde war das gar nicht so schlecht. So lange sie wütend auf ihn war, hatte sie wenigstens kein Mitleid mit ihm.

Diese Empfindung für ihn verwirrte sie noch immer. Alles, was sie empfinden sollte, war Haß und vielleicht noch Abscheu. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, daß er ihr leid tat. Schließlich hatte Raines ihn zu dem Monster gemacht, das er war.

Als die Tür vor ihr zur Seite glitt, holte sie noch einmal tief Luft, erinnerte sich an ihre Wut und betrat den langen, einsamen Flur. Während sie langsam durch den Korridor schritt, versuchte sie sich zu erinnern, welche Art von Forschung auf SL 2 stattfand. Vor ein paar Jahren hatten hier unten noch Zwillingsexperimente stattgefunden, an denen auch Sydney beteiligt gewesen war, aber soweit Miss Parker wußte, waren diese Versuche nach Jarods Flucht eingestellt worden.

Vermutlich nutzte Raines jetzt dieses Sublevel. Miss Parker runzelte die Stirn. In den letzten Jahren hatte er immer mehr Raum im Centre beansprucht. Wieso war ihr das noch nicht früher aufgefallen? Wahrscheinlich, weil es mich nicht interessiert hat, dachte sie. Es war Zeit, daß jemand Raines Einhalt gebot. Aber zuerst mußte sie sich um Lyle kümmern.

Sie fand ihn schließlich in einem der Räume, die früher einmal als Labors gedient hatten. Offenbar hatte er sich hierher zurückgezogen, um in Ruhe... Miss Parker schüttelte heftig ihren Kopf. Sie wollte gar nicht wissen, was er hier unten tat. Sein Anblick genügte, um ihre Wut neu aufflammen zu lassen. Einige von Lucas Erinnerungen zeigten sich vor ihrem inneren Auge. Ohne weiter darüber nachzudenken, ging sie genau auf ihn zu.

Er sah erstaunt auf, als er ihre Schritte hörte. Sein Miene verzog sich zu dem abstoßendsten Grinsen, das sie sich vorstellen konnte.

"Hallo, Schwesterchen. Du bist also wieder..." Weiter kam er nicht, bevor sie ihn erreichte und ihn mit all ihrer Kraft ins Gesicht schlug. Ihre Hand schmerzte von dem heftigen Schlag, aber im Moment bemerkte sie das nicht.

Sofort blitzte gefährliche Wut in Lyles Augen auf, aber sie gab ihm keine Gelegenheit, sich zu erholen.

"Hey, bist du verrückt geworden?" schrie er zornig.

"Halt den Mund, du perverser Bastard", zischte sie leise, packte ihn am Kragen seines Hemdes und stieß ihn mit dem Rücken an die Wand. Dann rammte sie ihren Ellbogen an seinen Hals, fest genug, um ihm für eine Weile die Luft zu rauben und um ihn in ihrer Gewalt halten zu können. "Du wirst mir jetzt genau zuhören. Ich weiß, was du getan hast. Von heute an bin ich dein allerschlimmster Alptraum. Wenn du einem meiner Freunde zu nahe trittst, werde ich dich töten. Dasselbe gilt, wenn ich dich jemals in der Nähe meines Hauses sehen sollte. Nur ein falscher Gedanke von dir, und ich werde es wissen. Und solltest du jemals versuchen, diese Sache mit Luca zu wiederholen, bist du auch tot. Allerdings wirst du dann sehr langsam sterben. Verstanden?"

Während ihrer Drohung beobachtete sie ihn ganz genau. Er gab sich zwar alle Mühe, unbeeindruckt zu wirken, aber ihr entging nicht das kurze Aufblitzen in seinen Augen, von dem sie hoffte, daß es Furcht war. Als er keine Anstalten machte, ihre Frage zu beantworten, verstärkte sie den Druck ihres Arms gegen seinen Hals, bis er schließlich nickte.

"Gut. Und solltest du Zweifel an der Ernsthaftigkeit meiner Absichten haben... Tommy Tanaka und seine Familie haben noch immer ein Hühnchen mit dir zu rupfen. Es wäre mir ein Vergnügen, dich persönlich bei ihnen abzuliefern und dafür zu sorgen, daß sie sich nicht nur mit einem Finger begnügen. Ich sähe dich lieber heute als morgen tot."

Noch einmal verstärkte sie den Druck gegen seinen Hals, dann ließ sie ihn abrupt los. Lyle sank keuchend in sich zusammen. Miss Parker drehte sich um und ging zur Tür.

"Und laß Daddy lieber da raus. Er hat im Moment nämlich ganz andere Sorgen, als sich um zwei streitende Geschwister zu kümmern", sagte sie auf dem Weg hinaus.

Erst als sie im Lift war, und die Tür sich hinter ihr geschlossen hatte, atmete sie tief durch. Sie verspürte das dringende Bedürfnis, sich die Hände zu waschen.



Sydneys Büro
Das Centre
Blue Cove, Delaware
7:59



Ein leises Klopfen ließ Sydney aus seiner Arbeit hochschrecken. Unwillkürlich fragte er sich, wer ihn um diese Zeit wohl schon sprechen wollte. Vielleicht hatte Broots ja etwas Neues von Miss Parker gehört...

"Herein", sagte er und sah erwartungsvoll zur Tür. Er traute seinen Augen nicht, als er sah, wie Miss Parker sein Büro betrat. Nur ein Besuch von Jarod hätte ihn noch mehr überraschen können.

"Miss Parker!"

Hastig sprang er auf, um zu ihr zu gehen.

"Hallo, Sydney", sagte sie herzlich. Ohne weiter darüber nachzudenken, schloß er sie in seine Arme und drückte sie an sich. Zu seinem Erstaunen erwiderte sie die Umarmung. Sie schien sich über ihr Wiedersehen genauso sehr zu freuen wie er.

"Sie haben uns allen sehr gefehlt", murmelte er bewegt, während er den Moment noch etwas länger genoß. Dann ließ er sie wieder los und musterte sie eingehend.

"Sie haben mir auch gefehlt", erwiderte sie, und in ihren Augen konnte er erkennen, daß sie es ernst meinte. Verwirrt schüttelte er den Kopf.

"Sie sehen wundervoll aus, Miss Parker. Ihre Abwesenheit scheint Ihnen wirklich gut getan zu haben. Wo sind Sie bloß gewesen? Wir haben uns einige Sorgen um Sie gemacht."

Miss Parker legte ihm eine Hand auf die Schulter.

"Ich war in England. Es tut mir leid, aber ich konnte das Risiko nicht eingehen, Kontakt mit Ihnen aufzunehmen." Sie seufzte leise. "Das Ganze ist eine lange Geschichte. Aber ich bin eigentlich hier, weil mein Vater mit uns beiden sprechen möchte. Genaugenommen hat er nur nach mir gefragt, aber ich wollte Sie bitten, mich zu begleiten."

Sydney konnte sich nicht helfen, aber plötzlich hatte er das Gefühl, nicht mehr die erwachsene Miss Parker vor sich zu haben, sondern das liebenswerte kleine Mädchen, das er im Grunde genommen immer in ihr gesehen hatte. Er wußte, daß das unsinnig war, aber er war sich sicher, daß sie sich irgendwie verändert hatte. Und zwar nicht zu ihrem Nachteil.

Er berührte kurz ihre Hand.

"Lassen Sie uns gehen, Miss Parker."



Das Centre
Blue Cove, Delaware
8:23



Sydney versuchte noch immer, die jüngsten Ereignisse nachzuvollziehen, als er Miss Parker ins Büro ihres Vaters folgte. Nicht nur, daß sie nach über einem Monat Abwesenheit plötzlich wieder aufgetaucht war, sie wirkte auch völlig verändert. Er ahnte, daß das etwas mit der Simulation zu tun haben mußte, aber er wußte nicht genau, was.

Sie betrat das Büro, und er folgte ihr, gespannt, was als nächstes passieren würde. Mr. Parker sah auf, als sie hereinkamen, eine Mischung aus Ungeduld und Ärger auf dem Gesicht.

"Da bist du ja wieder", sagte er ohne jede Begrüßung und ohne Sydney auch nur eines Blickes zu würdigen. Miss Parkers einzig sichtbare Reaktion bestand aus einem amüsierten Lächeln, das aber nur für den Bruchteil einer Sekunde zu sehen war, dann wurde ihr Gesicht wieder ausdruckslos.

"Es tut mir leid, daß ich dir vorher nicht Bescheid sagen konnte, Daddy. Aber ihr seid sicher sehr gut ohne mich zurechtgekommen. Wo ist denn Brigitte?"

Sie sah sich kurz um, eine Augenbraue fragend hochgezogen. Ein Ausdruck des Unmuts huschte über Mr. Parkers Gesicht.

"Sie ist beschäftigt. Mit Hochzeitsvorbereitungen."

Die Bemerkung sollte Miss Parker offensichtlich verletzen, aber sie nickte nur verständnisvoll. Sydney verspürte eine Mischung aus Verwunderung über Miss Parkers Reaktion und Wut über die Art, wie ihr Vater sie behandelte. Auch Mr. Parker gelang es nicht, seine Überraschung zu verbergen.

"Wenn ich irgendwie helfen kann...", bot Miss Parker an, aber ihr Ton brachte nur beiläufiges Interesse zum Ausdruck. Allmählich begann Sydney zu verstehen. Sie versuchte, ihren Vater mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, und sie stellte sich dabei gar nicht schlecht an. Mr. Parker runzelte die Stirn.

"Ich bin sicher, daß Brigitte sehr gut zurechtkommt", erklärte er.

"Na schön. Wieso wolltest du uns sehen, Daddy?"

"Wegen Jarod natürlich. Der Tower erwartet endlich Ergebnisse - und ich auch. Durch deine Abwesenheit ist dem Centre ein ganzer Monat verlorengegangen."

"Ich widerspreche Ihnen nur ungern", schaltete sich Sydney in das Gespräch ein, "aber wie Ihre Tochter schon angedeutet hat, sind wir auch ohne sie in der Lage gewesen, Jarods Spur zu verfolgen."

Sie warf ihm einen Blick zu und lächelte dabei. Sydney stockte für einen Moment der Atem. Ihr Lächeln beschränkte sich nicht wie sonst auf die Lippen, sondern erreichte auch ihre Augen. Er konnte sich nicht erinnern, wann das das letzte Mal der Fall gewesen war. Für einen Augenblick sah sie dadurch genau aus wie ihre Mutter, strahlte dieselbe Wärme aus. Doch es gab noch etwas anderes, etwas, das einzigartig für Miss Parker war, und das er noch nie zuvor gesehen hatte. Etwas, dem er sich nicht verschließen konnte, und das ihn veranlaßte, das Lächeln mit tief empfundener Wärme zu erwidern.

Sie wandte sich wieder ihrem Vater zu, und ihr Lächeln verblaßte zu der selben kalten Version, mit der er sie immer bedachte. In Mr. Parkers Augen blitzte Erkennen auf. Plötzlich betrachtete er seine Tochter mit demselben besitzergreifenden Blick, unter dem Catherine so sehr gelitten hatte. Seine gesamte Haltung änderte sich. Er hatte die tiefen Emotionen wiedererkannt, die ihn an seiner Frau so sehr fasziniert hatten, die er aber nie hatte begreifen können.

"Wieso erzählst du mir nicht etwas über deine Reise, Liebes?" fragte er.

Miss Parker schüttelte bedauernd den Kopf.

"Ich habe jetzt einen wichtigen Termin im Tower, den ich nicht verschieben kann."

"Nun, vielleicht können wir dann heute abend reden."

"Sicher. Ich rufe dich an. War das alles?" erwiderte sie in geschäftsmäßigem Tonfall.

"Ja, ich denke schon."

"Gut. Kommen Sie, Syd, Jarod wartet nicht auf uns."

Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging zur Tür. Sydney warf Mr. Parker noch einen langen Blick zu, dann folgte er ihr. Er mußte unbedingt so bald wie möglich mit ihr sprechen.

"Miss Parker", rief er, und sie blieb stehen. Dann drehte sie sich zu ihm um. Wieder lächelte sie voll aufrichtiger Wärme, und wieder berührte sie etwas tief in ihm. Selbst wenn er es gewollt hätte, diesem Lächeln konnte er nicht widerstehen.

"Wir reden später, Sydney, in Ordnung? Diese Verabredung im Tower ist wirklich wichtig. Wieso fahren Sie mich nachher nicht nach Hause? Nach dem langen Flug möchte ich nicht selbst fahren. Außerdem gibt es da etwas, bei dem ich Sie um Ihre Hilfe bitten möchte."

Er nickte, unfähig, ihr ihre Bitte abzuschlagen.

"Gut, Miss Parker. Sagen Sie mir einfach Bescheid, wenn Sie hier fertig sind."

Ihr Lächeln vertiefte sich noch um eine Nuance.

"Vielen Dank, Sydney."

Sie drehte sich um und ging zu den Aufzügen. Sydney sah ihr lange nachdenklich nach.



Technikraum
Das Centre
Blue Cove, Delaware
14:34



Als Miss Parker den Technikraum betrat, unterdrückte sie ein amüsiertes Lächeln. Alles war wie immer, und doch fiel ihr vieles zum ersten Mal auf. Broots saß konzentriert an seinem Computer, aber an seiner entspannten Haltung konnte sie ablesen, daß er nicht mit Centre-Angelegenheiten beschäftigt war. Sydney las in einer Akte, aber seine Gedanken schienen meilenweit entfernt zu sein.

Er sah erst auf, als sie an ihm vorbei zu Broots ging.

"Hallo, Broots", sagte sie leise. "Haben Sie mich vermißt?"

Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter, zog sie aber sofort kopfschüttelnd wieder zurück, als der Techniker erschrocken zusammenzuckte. Nicht, daß sie ihm seine Reaktion verdenken konnte.

"Mi... Miss Parker", stammelte er. "Uh... Sie sind wieder da?"

Bewußt verzichtete sie auf eine sarkastische Antwort.

"Ja. Gibt es irgend etwas, das Sie mir erzählen wollen?"

"Ähm, nein, ich glaube nicht", brachte er hervor.

"Muß ein sehr ereignisloser Monat gewesen sein", murmelte sie. Dann, etwas lauter, fragte sie ihn: "Wie geht es Debbie?"

Broots, der diese Frage in den letzten vier Wochen einmal zu oft von Raines gehört hatte, reagierte ungewohnt heftig.

"Meine Tochter hat mit meiner Arbeit im Centre nicht das Geringste zu tun, verstehen Sie? Ich werde nicht zulassen..."

Miss Parker verstand sofort, worum es ging.

"Broots", unterbrach sie ihn sanft, "lesen Sie's von meinen Lippen. Wie. Geht. Es. Debbie?"

Verwirrt schaute er zu ihr auf, das erste Mal, seit sie den Raum betreten hatte.

"Oh", sagte er, als er langsam verstand, worauf sie hinaus wollte, "Sie wollen wirklich wissen, wie es ihr geht. Es geht ihr gut. Sie... hat nach Ihnen gefragt."

"Wirklich? Ich würde sie gerne bald mal wieder sehen. Richten Sie ihr schöne Grüße von mir aus."

"Das werde ich", versicherte Broots und starrte sie an, als würde er sie zum ersten Mal sehen. Diesmal gestattete sie sich ein kleines Lächeln und wandte sich zu Sydney um, der sie mit einem Grinsen betrachtete.

"Sind Sie soweit?" war alles, was er sagte.

Sie nickte.

"Von mir aus kann's losgehen. Bis morgen, Broots."

"Ähm, ja. Bis morgen."

Auf dem Weg nach draußen hörte sie noch, wie er Sydney etwas fragte, der daraufhin leise lachte und antwortete: "Darauf können Sie sich verlassen, Mr. Broots."

Im Auto wartete Miss Parker gespannt darauf, wie lange es dauern würde, bis Sydney seiner Neugier nachgab. Sie mußte nicht sehr lange warten.

"Sie werden mir wahrscheinlich nicht verraten, was Sie in England gemacht haben", meinte er unverbindlich.

"Wären Sie sehr überrascht, wenn ich das doch tun würde?" fragte sie ihn amüsiert.

Er warf ihr einen raschen Seitenblick zu, dann sah er wieder auf die Straße.

"Ja, allerdings."

"Nun, ich werde es trotzdem tun. Aber nicht jetzt."

Sydney lachte leise.

"Na gut, ich kann warten", erwiderte er. "Dann lassen Sie uns über etwas anderes reden. Mir ist aufgefallen, daß Sie, seit Sie zurück sind, noch mit keinem Wort Jarod erwähnt haben. Gibt es dafür einen Grund?"

"Ja, den gibt es. In den letzten Wochen hatte ich viel Zeit, meine Einstellung zu ihm zu überdenken. Er nimmt jetzt einen anderen Platz in meinen Leben ein. Aber bevor Sie mich nun fragen, welchen", sagte sie und hob abwehrend die Hände, "das habe ich selbst noch nicht herausgefunden."

Er schüttelte den Kopf.

"Miss Parker, Sie überraschen mich", gab er zu.

Diesmal war sie es, die leise lachte.

"Mir geht es da auch nicht anders. Wissen Sie, Sie hatten recht. Die Simulation hat wirklich einiges in meinem Leben verändert. Ich beginne erst langsam zu begreifen, was passiert, aber vielleicht können Sie mir ja ein wenig dabei helfen."

"Das werde ich sehr gerne, Miss Parker", versicherte er ihr mit Nachdruck, und in seiner Stimme konnte sie deutlich seine Rührung hören, obwohl er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

Sie berührte ihn kurz am Arm, dann klingelte plötzlich ihr Handy. Nachdem sie es aus der Innentasche ihres Blazers geholt hatte, aktivierte sie die Verbindung.

"Hallo?" fragte sie ruhig.

"Was hast du mit meinem Vater gemacht?"

Jarods Stimme enthielt einen aggressiven Unterton, der sie früher zu einer heftigen Antwort gereizt hätte, aber jetzt blieb sie ruhig. Seine Sorge um seinen Vater war für sie mehr als verständlich.

"Hallo, Jarod", antwortete sie sanft. Die Gespräche mit ihm hatten ihr mehr gefehlt, als sie sich bis jetzt eingestanden hatte.

"Was hast du mit meinem Vater gemacht?" fragte er noch einmal, diesmal lauter und mit einer deutlichen Drohung in der Stimme. Miss Parker seufzte.

"Es geht ihm gut", erwiderte sie und fühlte sich plötzlich sehr müde. Die ständigen Machtproben mit Jarod erschienen ihr auf einmal nicht nur sinnlos, sondern auch sehr anstrengend. Sie hatte genug davon, aber sie wußte, daß es ihre eigene Schuld war. Hoffentlich war es noch nicht zu spät, das zu ändern.

"Ich glaube dir nicht", sagte er aufgeregt. "Wenn du ihn..."

"Jarod, hör mir doch zu. Deinem Vater geht es hervorragend." Ihr fiel etwas ein, mit dem sie ihn sicher überzeugen konnte. "Ich schwöre es dir beim Grab meiner Mutter."

Neben ihr atmete Sydney hörbar ein, sagte aber nichts. Miss Parker war ihm für seine Zurückhaltung dankbar.

"Meinst du das ernst?" fragte Jarod schließlich nach einer langen Pause. Er schien sich etwas beruhigt zu haben.

"Natürlich tue ich das. Du weißt, wieviel mir meine Mutter bedeutet."

"Dann warst du nicht wegen ihm in England?"

"Ich war dort, um etwas über meine Mutter zu erfahren. Ihren Mörder habe ich zwar nicht gefunden, dafür aber einen guten Freund. Ist deine Frage damit beantwortet?"

"Ja, aber..."

"Gut", unterbrach sie ihn. "Bis bald, Jarod."

Sie wartete seine Antwort nicht ab und legte auf. Was sie ihm zu sagen hatte, wollte sie ihm persönlich sagen, nicht am Telefon.

Sydney sah auf die Straße.

"Wieso hat er sie nach seinem Vater gefragt?"

"Ich nehme an, er hat geahnt, warum ich so lange fort war."

"Sie haben seinen Vater also getroffen?"

Seine Stimme verriet nichts anderes als Interesse, aber ihr war klar, daß ihn diese Sache sehr aufwühlte.

"Mhm", murmelte sie und bemühte sich vergeblich, ein Gähnen zu unterdrücken.

"Wir können später darüber reden", bot Sydney ihr an.

"Das wäre mir wirklich lieber", gestand sie erleichtert. "Vielen Dank für Ihre Geduld."

"Das ist mein Beruf", erinnerte er sie mit einem leichten Lächeln.

"Wo Sie gerade darauf zu sprechen kommen... Erinnern Sie sich noch, daß ich Sie vorhin um Ihre Hilfe gebeten habe?"

"Natürlich. Worum geht es?"

Miss Parker seufzte schwer. Dieses Thema bereitete ihr erheblichen Kummer.

"Das zeige ich Ihnen, sobald wir bei mir zu Hause sind."

Für den kurzen Rest der Strecke schwieg sie, bis sie in die Einfahrt zu Miss Parkers Haus einbogen.

"Trautes Heim, Glück allein", sagte sie mit einem schwachen Lächeln. Nachdem sie beide ausgestiegen waren, wandte sie sich an Sydney. "Wir müssen leise sein, damit wir meinen Gast nicht erschrecken."

Sydney hob fragend eine Braue, nickte aber. Er folgte ihr ins Haus.

Im Wohnzimmer wartete Schwester Travis und sah mit einem Lächeln zu ihnen auf.

"Hallo, Miss Parker."

"Hallo, Schwester Travis. Ist alles gutgegangen?"

"Aber ja. Machen Sie sich keine Sorgen."

Miss Parker nickte erleichtert.

"Sydney, das ist Schwester Travis. Sie war so freundlich, mir behilflich zu sein. Und das ist mein Freund Sydney, der Psychiater, von dem ich Ihnen erzählt habe."

Die beiden schüttelten sich die Hände, dann streckte sich Travis.

"Da Sie jetzt hier sind, kann ich ja etwas Schlaf nachholen. Versprechen Sie mir, daß Sie mich anrufen, wenn Sie meine Hilfe brauchen, ja?"

"In Ordnung. Vielen Dank für alles", sagte Miss Parker herzlich.

"War mir ein Vergnügen", versicherte Travis mit einem Zwinkern. "Auf Wiedersehen, Doktor."

"Auf Wiedersehen, Miss Travis", erwiderte Sydney, der sich offenbar damit abgefunden hatte, heute von einer Überraschung in die andere zu stolpern.

"Setzen Sie sich doch, Syd", bot Miss Parker an. "Etwas zu trinken?"

"Ein paar Antworten wären mir lieber", meinte er offen.

"Seien Sie sich da nicht zu sicher. Das hier ist keine angenehme Sache. Ich brauche Ihre Hilfe als Psychiater, das heißt eine Freundin von mir."

Sie seufzte und schloß kurz die Augen.

"Es ist eine lange, häßliche Geschichte, aber das meiste sollte Luca Ihnen lieber selbst erzählen."

"Wer ist Luca?"

"Eine junge Frau, die ich mehr oder weniger zufällig in England gefunden habe. Machen wir dafür einfach meine neu entdeckten Fähigkeiten verantwortlich. Wie auch immer, Luca ist das Opfer von Lyles abnormem Verhalten geworden. Zusammen mit meinem Vater hat er sie in England versteckt, um alles zu vertuschen."

Sydney sah sie mitfühlend an.

"Warum haben Sie sie hergebracht?"

"Dort konnte man nichts für sie tun. Ich hatte gehofft, daß Sie Luca vielleicht helfen können. Mir ist zwar nicht wohl dabei, daß sie nun wieder so nah bei Lyle ist, aber es ging nicht anders. Werden Sie mit ihr sprechen?"

Er nickte.

"Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen sollte?" fragte er sanft.

Miss Parker atmete hörbar aus.

"Lyle hat sie vergewaltigt. Viel mehr weiß ich auch nicht", antwortete sie nach einem Moment. Über ihre Rolle in der Sache konnte sie mit ihm nicht sprechen, noch nicht. Sie mußte erst selbst beginnen, damit fertig zu werden. Vermutlich würde er es ohnehin bald erahnen, und dann würde sie auch mit ihm darüber reden.

"In Ordnung." Er gab sich mit ihrer Antwort zunächst zufrieden, auch wenn er ahnte, daß noch mehr dahintersteckte.

"Danke", sagte sie einfach, dann ging sie ins Gästezimmer, wo Luca untergebracht war. Vorsichtig näherte sie sich der schlafenden jungen Frau und berührte sie ganz sanft an der Schulter, um sie nicht zu erschrecken.

"Luca", flüsterte sie.

Sie öffnete sofort ihre Augen und sah sich gehetzt um, beruhigte sich aber, als sie Miss Parker erkannte. Miss Parker zwang sich zu einem sanften Lächeln, obwohl sie innerlich vor Wut auf Lyle kochte. Trotz der Tatsache, daß sie Lucas Erinnerungen geteilt hatte, kannte sie nur einen Teil der Schmerzen, die Lyle der jungen Frau zugefügt hatte und die sie jetzt mit namenlosem Schrecken erfüllten.

"Hier ist ein Freund, der mit dir sprechen möchte. Erinnerst du dich noch? Ich habe dir von Sydney erzählt."

Luca nickte zögernd und griff dann nach Miss Parkers ausgestreckter Hand. Langsam folgte sie ihr ins Wohnzimmer.

Miss Parker machte die beiden miteinander bekannt und überzeugte sich dann davon, daß es Luca nicht zuviel wurde. Erst als sie sicher war, daß alles soweit in Ordnung war, verließ sie das Zimmer. Sie ging ins Badezimmer, zog danach ihren Pyjama an und machte noch einen kurzen Abstecher in die Küche. Dort schaltete sie ihr Handy aus und legte es auf den Küchentisch. Nach einem kurzen Blick ins Wohnzimmer, bei dem sie Sydney bedeutete sie zu rufen, wenn es irgend welche Probleme geben sollte, ging sie in ihr Schlafzimmer und ließ sich auf ihr Bett fallen.

Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf fiel.



Jarod hatte Miss Parkers Haus durch die Hintertür betreten. Ihr Gespräch war äußerst unbefriedigend verlaufen, und er wollte noch einige Antworten. Obwohl er sich fragte, warum Sydney und eine fremde Frau in Miss Parkers Wohnzimmer saßen, ignorierte er diese Entdeckung und suchte weiter nach Miss Parker.

Er fand sie schließlich in ihrem Schlafzimmer. All seine Pläne zerstoben, als er sie dort schlafend in ihrem Bett sah. Sie war eindeutig erschöpft, aber auf ihrem Gesicht lag ein so friedlicher Ausdruck, wie er ihn zuletzt in ihrer Kindheit gesehen hatte. Zutiefst fasziniert betrachtete er sie und beschloß, seine Suche nach Antworten noch ein wenig zu verschieben.

Ohne weiter darüber nachzudenken, näherte er sich ihrem Bett, bis ihn nur noch ein knapper Meter von ihr trennte. Jarod empfand eine seltsame Mischung aus Bedauern und Sehnsucht. Beide Empfindungen schienen charakteristisch für seine Beziehung zu Miss Parker zu sein, aber er erinnerte sich noch gut an die Zeit, in der das anders gewesen war. Sie waren Freunde gewesen, und Jarod wünschte sich, daß sie das irgendwann wieder sein konnten. Und vielleicht war da noch mehr zwischen ihnen, etwas, von dem er das Gefühl hatte, das sie es auch manchmal spürte, auch wenn sie es nie zugeben würde.

Mit einem lautlosen Seufzer wandte Jarod sich von der schlafenden Miss Parker ab. Diese Wunschträume hatten keinen Zweck - sie bereiteten ihm nur Probleme. Und trotzdem war er nicht bereit, sie aufzugeben.

So leise wie er das Haus betreten hatte, verließ er es wieder. Er würde seine Antworten finden, aber nicht heute. Diese Nacht gehörte seinen Träumen und Hoffnungen.



Das erste, was Sydney an Luca aufgefallen war, war ihre äußerliche Ähnlichkeit zu Miss Parker. Sofort hatte ihn ein ungutes Gefühl beschlichen, aber er hatte es zunächst verdrängt, um seine ganze Aufmerksamkeit seiner Patientin zu widmen.

Jetzt, wo er zumindest einen Teil der Geschichte kannte, kehrte das Gefühl zurück, stärker als am Anfang, und ließ sich nicht mehr so einfach ignorieren.

Sydney unterdrückte ein Gähnen und warf einen schnellen Blick auf die Uhr. Es war schon fast vier Uhr morgens. Luca saß ihm gegenüber auf der Couch. Sie wirkte ebenfalls müde, aber auch um einiges ruhiger als zu Anfang ihres Gesprächs, wie Sydney zufrieden feststellte.

Betont langsam, um Luca nicht zu erschrecken, stand er auf und ging zur Couch.

"Sie sind bestimmt müde, Luca. Kommen Sie, ich bringe Sie zurück ins Gästezimmer", sagte er sanft. Luca sah ihn ein paar Sekunden lang aus ihren großen, dunklen Augen an, dann nickte sie fast unmerklich. Unwillkürlich fragte sich Sydney, ob die junge Frau je wieder lächeln würde. Sie war zwar stark, aber Lyle hatte sie fast zerstört. Bewußt schob er den Gedanken fort, um sich später damit zu befassen, wenn er das Gespräch analysierte.

Sorgfältig achtete er darauf, Luca nicht zu nahe zu kommen, damit sie sich nicht von ihm bedroht fühlte. Lyle hatte ihr die Kontrolle genommen, und deshalb brauchte sie jetzt das Gefühl, die Situation jederzeit kontrollieren zu können.

Sydney begleitete sie bis zum Gästezimmer und bemühte sich um ein beruhigendes Lächeln.

"Miss Parker und ich sind in der Nähe. Wenn irgend etwas ist, rufen Sie einfach. Wir sehen morgen früh wieder nach Ihnen. Und jetzt versuchen Sie, ein wenig zu schlafen, Luca. Gute Nacht."

Wieder bestand die Antwort der jungen Frau aus einem Nicken, bevor sie das Zimmer betrat und die Tür hinter sich anlehnte. Nach einem kurzen Zögern ging Sydney weiter, bis er Miss Parkers Schlafzimmer erreichte. Er wollte nach ihr sehen, um sicherzugehen, daß mit ihr alles in Ordnung war. Offenbar spielte sie in der Angelegenheit auch eine Rolle, aber er wußte noch nicht, welche. Allerdings hatte er eine Ahnung...

Die Schlafzimmertür war nur angelehnt, und Sydney warf einen Blick in den Raum. Miss Parker schlief tief und ruhig, aber ihrem Gesichtsausdruck nach zu schließen, träumte sie. Eine ganze Weile stand Sydney einfach nur da und beobachtete sie, dann ging er schließlich zurück ins Wohnzimmer. Dort ließ er sich auf die Couch sinken. Er war zwar müde, schlief aber trotzdem noch nicht ein.

Zu viele Dinge gingen ihm im Kopf herum. Seine Gedanken kehrten zur Fahrt vom Centre zu Miss Parkers Haus zurück, zu Jarods Anruf. Endlich machte Jarods Verhalten in den letzten Tagen vor Miss Parkers Rückkehr einen Sinn. Sydney zögerte noch immer, seine Gefühle bezüglich Jarods Vater zu analysieren.

Für ihn war es nie eine Frage gewesen, daß er Jarod dabei helfen würde, seine Familie zu finden, trotzdem beunruhigte ihn der Gedanke an Jarods Vater ein wenig. Er weigerte sich, Eifersucht dafür verantwortlich zu machen - eine solche Empfindung wäre mehr als lächerlich. Sydney seufzte. Ihm blieb immer noch die Möglichkeit, mit Jarod darüber zu sprechen. Aber so, wie die Dinge im Augenblick lagen, vermutete Sydney, daß Miss Parker die bessere Gesprächspartnerin für ihn war. Immerhin hatte sie Jarods Vater kennengelernt. Es ist wahrscheinlich wirklich am besten, wenn ich zuerst mit ihr spreche, überlegte er. Dann kann ich auch gleich noch ein paar andere Dinge klären.

Er lehnte sich zurück, schloß die Augen und versuchte, es sich auf der Couch so bequem wie möglich zu machen. Langsam fielen alle bewußten Gedanken von ihm ab, als die Müdigkeit endgültig die Oberhand gewann. Nur die nagende Unruhe blieb und bescherte ihm einen unruhigen Schlaf.



Miss Parkers Haus
431 Mountain Spring Road
Blue Cove, Delaware
Am nächsten Morgen
8:13



"Miss Parker?"

Die Stimme war leise und klang außerdem ein wenig besorgt. Miss Parker öffnete langsam ihre Augen. Sydney stand neben ihrem Bett und sah sie mit einem leichten Lächeln an.

"Guten Morgen, Syd", murmelte sie und sein Lächeln verbreiterte sich sofort.

"Guten Morgen, Miss Parker", erwiderte er sanft. "Es tut mir leid, daß ich Sie wecken muß, aber wenn wir uns nicht bald auf den Weg ins Centre machen, könnte das ungewollte Aufmerksamkeit erregen."

Sie setzte sich auf und musterte ihn warm.

"Sie haben recht, Sydney." Plötzlich erinnerte sie sich an etwas. "Wie geht es Luca?" fragte sie ihn besorgt.

Er berührte sie beruhigend an der Schulter.

"Es geht ihr den Umständen entsprechend. Wir haben die halbe Nacht geredet. Sie ist jetzt im Gästezimmer und schläft." Offenbar wollte er noch mehr sagen, überlegte es sich aber anders.

"Was ist los?" erkundigte sie sich sanft.

"Ich kenne noch nicht alle Details", begann er zögernd, "aber wir sollten uns bald über diese Sache unterhalten."

Sie sah die Sorge und die Wärme in seinen Augen und nickte.

"Das werden wir. Ich verspreche es Ihnen. Und jetzt... wie wäre es mit einem Frühstück, bevor wir aufbrechen?"

Sydney lachte leise, und sie runzelte fragend die Stirn.

"Ich muß mich erst noch an Ihre Fürsorglichkeit gewöhnen", beeilte er sich zu erklären. Miss Parker erwiderte sein Lächeln.

"Beeilen Sie sich lieber damit", meinte sie, während sie aufstand und ihren Morgenmantel anzog.

"Oh, ich habe schon damit angefangen, Miss Parker."

"Gut. Bevor ich es vergesse... Das Bad steht zu Ihrer Verfügung. Ich brauche erst einmal einen Kaffee."

Sydney wirkte erleichtert, und Miss Parker unterdrückte ein Lächeln. Anscheinend hatte er sie nicht danach fragen wollen. Sie sah ihm nach, bis er im Badezimmer verschwunden war, dann warf sie einen kurzen Blick ins Gästezimmer. Luca lag ruhig im Bett und schlief, einen erholten Ausdruck auf dem Gesicht.

Als nächstes ging Miss Parker in die Küche. Sie kümmerte sich um den Kaffee, dann griff sie nach ihrem Handy und schaltete es wieder ein. Ein hektisches Blinken im Display zeigte an, daß sie mehrere Nachrichten erhalten hatte. Bevor sie Gelegenheit erhielt, sich darum zu kümmern, betrat Sydney die Küche. Miss Parker hob überrascht die Brauen.

"Das ging aber schnell."

Er lächelte.

"In den letzten Jahren mußte ich lernen, nach einem plötzlichen Anruf in der Nacht so schnell wie möglich einsatzbereit zu sein", erklärte er grinsend.

Sie schüttelte den Kopf.

"Sydney, Sie sind in all der Zeit nicht ein einziges Mal so schnell fertig gewesen", erwiderte sie mit einem amüsierten Unterton in der Stimme. "Aber wenigstens haben Sie Jarod auf diese Weise immer einen fairen Vorsprung verschafft."

"Das können Sie nicht beweisen."

Sydney grinste noch immer. Wortlos reichte sie ihm einen Becher mit Kaffee.

"Vielen Dank."

Miss Parker nickte, während sie einen Schluck aus ihrem Becher trank.

"Ah, das tut gut. So, dann wollen wir mal sehen, ob ich Ihre Zeit unterbieten kann."

Sie ging ins Badezimmer und gönnte sich eine schöne, heiße Dusche. Danach ging sie in ihr Schlafzimmer und zog sich an. In persönlicher Rekordzeit war sie wieder zurück in der Küche. Als Sydney sie sah, hob er in gespielter Resignation die Arme.

"Sie haben gewonnen. Möchten Sie auch einen Toast?"

"Gerne. Ich wußte gar nicht, daß ich noch etwas zu essen im Haus hatte."

"Vielleicht hat Schwester Travis ein wenig eingekauft."

"Mhm", meinte sie nachdenklich, während sie nach ihrem Handy griff. Zwei der Nachrichten stammten von ihrem Vater, eine von Broots und drei von Raines. Sie verzog das Gesicht.

"Alles in Ordnung?"

"Ja, aber offenbar ist Raines ziemlich ungeduldig. Außerdem habe ich ganz vergessen, Daddy gestern Abend noch anzurufen."

"Haben Sie es wirklich *vergessen*?" wollte Sydney wissen.

Miss Parker sah auf und begegnete seinem forschenden Blick.

"Muß in der Familie liegen", meinte sie leise.

Sydney neigte den Kopf leicht zur Seite.

"Das glaube ich nicht."

Sie lächelte.

"Gut das zu wissen."

Mit einer geschmeidigen Bewegung stand sie auf.

"Wir sollten langsam gehen. Schwester Travis müßte gleich hier sein, dann können wir aufbrechen."



"Sydney, bevor wir losfahren, möchte ich Sie noch um einen Gefallen bitten."

Er sah sie überrascht an. Sie saß hinter dem Steuer und griff in ihre Aktentasche, aus der sie eine einzelne Akte zog. Wortlos reichte sie sie ihm.

"Was ist das?"

Sie lächelte geheimnisvoll.

"Ein Stück von Jarods Vergangenheit, das ich in England gefunden habe. Ich möchte Sie bitten, es ihm zu geben, wenn Sie ihn das nächste Mal sehen."

Für einen Moment wußte er nicht, was er sagen sollte.

"Wieso geben Sie ihm das nicht selbst?" fragte er schließlich.

Miss Parker seufzte.

"Weil die Gefahr besteht, daß er es von mir nicht annimmt. Ich habe versprochen, daß er es erhält. Bitte, Sydney."

Obwohl er ihre Argumentation nicht für ganz schlüssig hielt, nickte er.

"In Ordnung, Miss Parker. Aber Sie sollten etwas wissen... Mein Kontakt zu Jarod war in den letzten Wochen nicht besonders... gut."

Als sie ihn ansah, erkannte er Mitgefühl in ihren Augen.

"Das tut mir ehrlich leid, Syd. Ich bin sicher, daß sich das bald wieder ändert. Trotzdem sind Sie der Richtige, um ihm das zu geben."

Sydney nickte. Er war gern bereit, Miss Parker zu helfen. Das war er immer gewesen.



Technikraum
Das Centre
Blue Cove, Delaware
9:09



Als Miss Parker den kleinen Raum betrat, stellte sie erleichtert fest, daß nur Broots dort war. Gut, sie mußte allein mit ihm sprechen.

"Guten Morgen, Broots", sagte sie, während sie betont langsam zu ihm ging.

Er drehte sich zu ihr um.

"Guten Morgen, Miss Parker", erwiderte er und sah sie unsicher an. Offenbar fragte er sich, was sie diesmal vorhatte und welche undankbare Rolle er dabei spielen sollte.

"Haben Sie in der Mittagspause schon etwas vor?" wollte sie von ihm wissen.

"Uhm, nein."

"Oh, gut. Hätten Sie Lust, mich bei einem Spaziergang zu begleiten?"

Broots Brauen wanderten nach oben, während er sie sprachlos anstarrte.

"Draußen", fügte sie hinzu und wartete geduldig, bis er sich wieder gesammelt hatte.

"Äh. Sicher. Gerne", brachte er schließlich hervor.

"Sehr schön. Bis später dann."

Sie lächelte ihm aufmunternd zu und ging zurück zu ihrem Büro. Vielleicht gelang es ihr irgendwann, ein normales Verhältnis zu ihm aufzubauen.



Das Centre
Blue Cove, Delaware
13:07



Das Gelände, von dem das Centre umgeben war, lud zwar nicht unbedingt zu einem Spaziergang ein, aber nur dort war eine relativ sichere Unterhaltung möglich. Broots Nervosität war offensichtlich, und er sah sich immer wieder gehetzt um. Miss Parker sah sich das eine Weile mit an, dann griff sie ihn am Arm und zog ihn mit sich zu einer einsamen Bank.

"Wieso setzen Sie sich nicht ein bißchen hier in die Sonne? Und beruhigen Sie sich, Ihnen wird nichts passieren."

Der Techniker sah sie zwar zweifelnd an, ließ sich aber auf die Bank sinken. Soweit Miss Parker das feststellen konnte, war es die einzige Bank auf dem gesamten Gelände. Offenbar kamen nur äußerst selten Angestellte des Centres auf die Idee, hierher zu kommen. Andererseits war das durchaus verständlich, wenn man einen Vorgesetzten wie Raines hatte.

"Was... was machen wir hier, Miss Parker?" erkundigte sich Broots, nicht mehr ganz so nervös wie noch vor ein paar Minuten.

"Das hier ist ein netter Ort, um sich ein wenig zu unterhalten. Keine Kameras, keine Mikrofone, keine Sweeper. Nur... Privatsphäre."

"Oh nein, ich soll schon wieder jemanden für Sie ausspionieren, habe ich recht? Bitte, Miss Parker, ich kann das nicht mehr tun."

Seine Stimme enthielt einen fast flehenden Unterton. Miss Parker seufzte und setzte sich neben Broots.

"Ich sehe schon, Ihnen wird nicht gefallen, worum ich Sie bitten möchte."

Sie machte eine Pause und starrte für eine Weile auf das ruhige Wasser. Ihr war klar, daß Broots seine Arbeit für das Centre, und insbesondere die Arbeit für sie, in letzter Zeit immer mehr als Belastung empfunden hatte. Trotzdem brauchte sie seine Hilfe.

"Hat es etwas mit Raines oder Mr. Lyle zu tun?" wollte Broots plötzlich wissen.

"Was ich vorhabe, Broots, ist mindestens zwei Nummern größer als ein Einbruch in Lyles Büro oder Raines persönliche Dateien."

"Heißt das, daß Sie sich mit dem Triumvirat anlegen wollen?" wisperte Broots entsetzt.

Vielleicht sollte ich meine Taktik ändern, überlegte Miss Parker.

"Arbeiten Sie eigentlich gern für das Centre?"

Broots starrte sie an, als habe sie gerade den Verstand verloren, dann schüttelte er den Kopf.

"Mr. Raines hat keinen Zweifel daran gelassen, daß ich zuviel über das Centre weiß, um kündigen zu können. Dann sind da noch die mehr als ungewöhnlichen Arbeitszeiten, die gefährlichen Situationen, in die ich ständig gerate... Nein, ich schätze, ich arbeite nicht gerne für das Centre. Aber ich bin lieber hier beschäftigt und lebendig, als arbeitslos und tot."

"Und dann ist da noch Debbie", meinte Miss Parker nachdenklich, nur ein wenig überrascht von Broots Ausbruch. Die Ereignisse der letzten Wochen hatten nicht nur an ihren Nerven gezehrt.

"Ja, Debbie. Als ich hier anfing, dachte ich, das wäre der perfekte Job, um Debbies Zukunft zu sichern. Mittlerweile wünsche ich mir, ich hätte nie etwas vom Centre gehört."

"Da sind Sie nicht allein", murmelte Miss Parker beinahe unhörbar.

"Wieso fragen Sie mich, ob ich hier gerne arbeite? Stimmt etwas nicht? Hat Mr. Raines etwas vor? Oh mein Gott..."

Miss Parker legte ihre Hand auf seinen Arm.

"Es ist alles in Ordnung, Broots. Ich würde nie zulassen, daß Raines Ihnen etwas antut. Sie arbeiten schließlich für mich, nicht für ihn. Außerdem braucht Debbie ihren Vater."

Ihre Worte schienen ihn tatsächlich ein wenig zu beruhigen. Er senkte den Kopf und starrte den Boden zwischen seinen Füßen an.

"Ich brauche Ihre Hilfe, Broots", sagte Miss Parker ruhig. Broots seufzte, dann sah er sie an, und die Furcht in seinen Augen wurde bereits verdrängt von dem Wunsch ihr zu helfen.

"Wobei soll ich Ihnen helfen?" erkundigte er sich schließlich leise.

"Wie würde es Ihnen gefallen, das Centre zu schließen und die Verantwortlichen hinter Gitter zu bringen?" fragte Miss Parker mit einem leichten Lächeln.

Der Techniker starrte sie volle fünf Sekunden lang an, bevor er anfing zu lachen. Miss Parker hatte mit so einer Reaktion gerechnet - der Gedanke, das Centre zu schließen, war im ersten Moment unfaßbar. Broots Gelächter hörte so plötzlich auf, wie es begonnen hatte. Ihm war klar geworden, daß sie es ernst meinte.

"Wie?" krächzte er, nachdem er ein paar Sekunden lang vergeblich um Worte gerungen hatte.

"Ganz einfach. Wir werden die Behörden auf das Centre aufmerksam machen - und zwar die richtigen."

"Das wird niemals funktionieren, Miss Parker." Er schüttelte heftig den Kopf, um seine Worte zu unterstreichen. "Das Centre ist hervorragend geschützt und hat gute Kontakte zu vielen Stellen. Es gibt keine Beweise gegen das Centre."

Miss Parker beugte sich nach vorn und sah Broots eindringlich an.

"Und hier kommen Sie ins Spiel, Broots. Alles, wirklich alles, ist im Centre elektronisch gespeichert. Jarod hat oft genug darauf hingewiesen. Das Problem bei der Sache ist, wie Sie schon richtig gesagt haben, das Sicherheitssystem. Sobald wir das umgangen haben, werden wir mehr als genug Beweise haben."

"Es ist nicht möglich, das Sicherheitssystem zu umgehen."

"Kommen Sie schon, Broots. Jarod hat es mehr als einmal geschafft, und ich glaube, daß Sie das auch können."

Broots schüttelte abwehrend den Kopf.

"Ich kann Ihnen nicht helfen, Miss Parker. Es tut mir leid. Nicht nur, daß es viel zu gefährlich ist, es ist einfach unmöglich. Außerdem kann ich Debbie nicht in Gefahr bringen."

"Sehen Sie mich an, Broots", forderte sie ihn auf. "Ich kann Debbie beschützen, und ich habe bereits dafür gesorgt, daß das Sicherheitssystem des Centres kein Problem mehr darstellt. Vermutlich wäre das Ganze auch ohne Ihre Hilfe zu bewerkstelligen, aber ich möchte nur ungern auf Ihre Mitarbeit verzichten. Ich weiß, daß auf Sie Verlaß ist. Alles, worum ich Sie im Moment bitte, ist, darüber nachzudenken. In ein paar Tagen unterhalten wir uns dann noch einmal."

Sie stand auf und warf einen Blick zum Hauptgebäude, bevor sie sich wieder zu Broots umwandte. Er wirkte erstaunlich gefaßt.

"Es versteht sich natürlich von selbst, daß Sie mit niemandem über die ganze Angelegenheit reden sollten. Denken Sie darüber nach", fügte Miss Parker hinzu, dann drehte sie sich um und machte sich auf den Rückweg in ihr Büro. Nach ein paar Metern hörte sie Broots Stimme.

"Miss Parker?"

Noch einmal drehte sie sich zu ihm um.

"Ja?"

"Ich... ich werde darüber nachdenken", erklärte Broots ernst. Miss Parker lächelte.

"Gut", sagte sie, bevor sie ihren Weg fortsetzte. Das Gespräch war viel besser gelaufen, als sie erwartet hatte. Jetzt blieb nur noch zu hoffen, daß Broots die richtige Entscheidung treffen würde.



Miss Parkers Haus
431 Mountain Spring Road
Blue Cove, Delaware
19:27



Als sie in die Auffahrt zu ihrem Haus einbog, lächelte Miss Parker. Bisher war ihr nie aufgefallen, wie schön es war, hierher zurückzukehren. Die Anspannung, die sie im Centre noch immer - oder vielleicht sogar noch mehr als früher - befiel, fiel von ihr ab.

Zu ihrer Beruhigung war das Haus noch im selben Zustand wie am Morgen. Lyle schien ihre Warnung also ernst genommen zu haben. Auch wenn für Luca kaum Gefahr bestand, solange Schwester Travis in der Nähe war, wollte Miss Parker trotzdem, daß Lyle sich von hier fernhielt.

Schwester Travis öffnete ihr die Tür, gerade, als sie den Schlüssel ins Schloß stecken wollte. Miss Parker sah überrascht auf, und Travis lächelte schief.

"Ich habe Sie die Auffahrt raufkommen sehen. Luca schläft im Gästezimmer. Sie war den ganzen Tag über ruhig. Ihr Freund Sydney scheint ihr wirklich helfen zu können."

"Gott sei Dank", kommentierte Miss Parker erleichtert. Travis griff nach ihrer Jacke.

"Wenn Sie nichts dagegen haben, verabschiede ich mich für heute. War ein langer Tag."

"Natürlich. Tut mir leid, daß Sie so wenig von Ihrem Urlaub haben", sagte Miss Parker mitfühlend. Die Schwester zuckte mit den Schultern.

"Machen Sie Witze? Ich wette, das hier ist um Längen besser als alles, was ich auf Hawaii machen könnte. Nein, im Ernst, ich bin froh, daß ich mich um Luca kümmern kann. Machen Sie sich deswegen keine Sorgen."

Miss Parker verzog zwar skeptisch das Gesicht, gab sich aber nach einem Blick in Travis Augen zufrieden.

"Na schön. Schlafen Sie gut, Schwester Travis. Bis morgen."

"Gute Nacht, Miss Parker. Und Sie wissen ja, falls es Probleme gibt..."

"... komme ich sicher damit zurecht. Gute Nacht", ergänzte Miss Parker mit einem warmen Lächeln, das Travis erwiderte, bevor sie zu ihrem Mietwagen ging. Miss Parker schloß die Tür und ging in den Flur.

Nachdem sie ihre Jacke ausgezogen und ihre Tasche zur Seite gelegt hatte, ging Miss Parker zielstrebig zu ihrem Schreibtisch. Es gab noch ein paar Dinge, die sie unbedingt heute erledigen mußte.

Zuerst zog sie einen großen Umschlag aus einer der Schubladen, dann holte sie die Kopien der Akte, die sie gemacht hatte. Ihr Blick streifte den Bericht nur kurz, aber das genügte völlig. Für einen kurzen Moment schloß sie die Augen, versuchte das Bild vor ihren Augen zu verscheuchen. Entschlossen steckte sie die Blätter in den Umschlag und klebte ihn zu. Dann schrieb sie die Adresse auf die Vorderseite, klebte eine Briefmarke in eine der Ecken und sah nachdenklich darauf hinab. Wahrscheinlich war es völlig sinnlos, aber sie mußte es wenigstens versuchen.

Als sie fertig war, stand sie auf, legte den Umschlag auf den kleinen Tisch neben der Haustür und ging mit ihrem Handy in der Hand ins Wohnzimmer. Sie machte es sich auf dem Sofa bequem und blätterte in dem kleinen, grünen Notizbuch, von dessen Existenz nicht einmal das Centre etwas ahnte.

Es dauerte nicht lange, bis sie die erste Nummer fand, und kurz darauf wählte sie bereits. Gespannt wartete Miss Parker. Nach dem vierten Klingeln meldete sich eine verschlafene, männliche Stimme am anderen Ende.

'Tanaka hier. Was ist los?'

'Hallo, Tommy. Hier ist Parker. Habe ich dich geweckt?', erwiderte Miss Parker in perfektem Japanisch, während sie leicht lächelte. Sie hatte den Zeitunterschied ganz vergessen.

'Parker!' Tommy klang ehrlich erfreut, aber dann fragte er gespielt verärgert: 'Hast du eigentlich eine Ahnung, wie spät es hier gerade ist?'

'Entschuldige, ich habe nicht daran gedacht. Tommy, kann ich dich um einen Gefallen bitten?'

Es entstand eine kurze Pause, bevor Tommy antwortete.

'Sicher, was kann ich für dich tun?'



Eine Viertelstunde später legte Miss Parker zufrieden auf. Das Gespräch mit Tommy war äußerst vielversprechend verlaufen. Sie blätterte noch einmal in ihrem Notizbuch.

"Zeit, meine Russischkenntnisse mal wieder aufzufrischen", murmelte sie zu sich selbst, während sie die Nummer tippte. Diesmal dauerte es länger, bis die Verbindung hergestellt war, doch nach einer Weile hob endlich jemand ab. Miss Parker hörte eine angenehm tiefe Stimme, die ihr einen Schauder über den Rücken jagte.

'Hallo?' Für einen Moment gab sie sich ihren angenehmen Erinnerungen hin, dann schüttelte sie amüsiert den Kopf.

'Hallo, Sergej. Erinnerst du dich noch an mich?', erkundigte sich Miss Parker sanft.

'Ah, Parker! Wie könnte ich dich vergessen? Aber es ist schon viel zu lange her.'

'Ja, das stimmt. Hör mal, Sergej, ich würde dich gerne um etwas bitten.'

Vom anderen Ende der Leitung war ein leises Lachen zu hören.

'Schade, und ich hatte für einen Moment gehofft, du hättest mich vermißt. Also, wie kann ich dir behilflich sein?'



Miss Parkers Haus
431 Mountain Spring Road
Blue Cove, Delaware
20:17



Eine einzelne Kerze stand auf dem Wohnzimmertisch und tauchte die unmittelbare Umgebung in flackerndes Licht. Miss Parker saß auf der Couch, die Beine eng an den Körper gezogen. Vor einer halben Stunde hatte sie einen kurzen Blick in Lucas Zimmer geworfen. Es schien ihr tatsächlich etwas besser zu gehen.

Geistesabwesend strich Miss Parker mit einer Hand über die Lehne der Couch, während sie über die Zukunft nachdachte. Dabei ging es ihr vor allem darum, was aus Luca werden sollte. Sie konnte die junge Frau nicht ewig bei sich behalten. Miss Parker seufzte und schloß kurz die Augen. Auch wenn Lucas Schicksal alles andere als angenehm war, fiel es ihr doch weitaus leichter, darüber nachzudenken als über ihre eigene Zukunft. Oder über die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit.

Die Türklingel riß Miss Parker aus ihren unangenehmen Grübeleien. Dankbar stand sie auf, um ihren Besucher hereinzulassen. Es überraschte sie nicht allzu sehr, Sydney zu sehen, als sie die Tür öffnete. Eigentlich war sie sogar sehr froh, daß er hier war.

"Hallo, Syd. Kommen Sie doch rein", begrüßte sie ihn warm.

"Guten Abend, Miss Parker. Ich hoffe, ich störe Sie nicht", erwiderte er ebenso herzlich und lächelte.

"Überhaupt nicht. Bitte, setzen Sie sich."

Er ließ sich auf der Couch nieder. Miss Parker schaltete das Licht an, dann blies sie die Kerze auf dem Tisch aus. Sie musterte Sydney aufmerksam.

"Sind Sie nur hier, weil Sie Sehnsucht nach mir hatten, oder gibt es einen anderen Grund?" erkundigte sie sich erwartungsvoll.

Für einen kurzen Moment verzog Sydney amüsiert die Lippen, wurde aber fast sofort wieder ernst.

"Ich dachte mir, Sie würden vielleicht gerne mit jemandem reden", antwortete er sanft.

Miss Parker setzte sich in einen der Sessel. Sydney kannte sie wirklich gut. Vielleicht gelang es ihm wirklich, etwas Ordnung in ihre Gedanken zu bringen. Im Moment war sie ihm schon für den Versuch dankbar. Unwillkürlich mußte sie lächeln. Noch vor ein paar Wochen hätte sie ein Gespräch mit Sydney über ihre Gefühle als Einmischung abgelehnt.

"Mhm, Sie haben recht", gab sie zu.

Aus den Augenwinkeln nahm sie war, wie sich Sydneys Haltung auf subtile Weise veränderte. Ganz der Psychiater, dachte sie amüsiert. Früher hätte sie das zweifellos gestört, aber jetzt betrachtete sie ihn einfach als einen Freund, der ihr zuhören würde.

"Bedauerlicherweise hatten wir nie Gelegenheit, unser Gespräch nach Ihrer... Simulation fortzusetzen", begann er. "Wie sind Sie in der Zwischenzeit damit zurechtgekommen?"

"Sprechen Sie von meinen neuen Talenten?"

"Die ganze Situation muß belastend für Sie sein."

Miss Parker lehnte sich in ihrem Sessel zurück.

"In England hatte ich viel Zeit, darüber nachzudenken. Am liebsten hätte ich es einfach ignoriert, aber das ging nicht. Ich glaube, ich kann Jarod jetzt viel besser verstehen", sagte sie leise.

Sydney runzelte die Stirn.

"Inwiefern?"

"Durch all die Simulationen weiß er nicht, wer er ist. Er hatte nie die Gelegenheit, sich selbst zu finden. Und ich hätte mich beinahe verloren." Sie machte eine lange Pause, bevor sie weitersprach. "Ich bin nicht wie Jarod. Und ich bin auch nicht wie Angelo. Die beiden versetzen sich in andere Personen, werden zu jemand anderem. Aber ich..." Als sie aufsah, begegnete sie Sydneys geduldigem, verständnisvollen Blick. "Wenn ich mir Mühe gebe, dann kann ich die Erinnerungen anderer Menschen sehen. Es ist so, als ob ich das erlebe, was sie erlebt haben. Kein sehr nützliches Talent, fürchte ich", meinte sie mit einem Schulterzucken.

"Ganz im Gegenteil, Miss Parker", widersprach Sydney ernst. "Immerhin ist es Ihnen dadurch gelungen herauszufinden, was mit Luca geschehen ist. Oder irre ich mich da?" fügte er in einem sanft fragenden Tonfall hinzu.

"Schon", gab sie widerstrebend zu. Die Erinnerungen, die sie mit Luca geteilt hatte, belasteten sie noch immer. Allerdings nicht halb so sehr wie das, was sie von Lyle erfahren hatte.

"Miss Parker?"

Sydney hatte sich besorgt zu ihr vorgebeugt.

"Wollen Sie mir nicht erzählen, was in England passiert ist?"

Vielleicht fühle ich mich dann besser, überlegte sie. Oder ich kann ihm nie wieder in die Augen sehen.

Verärgert über sich selbst schüttelte sie den Kopf. Was Lyle getan hatte, und was er tun wollte, war nicht ihre Schuld. Trotzdem fiel es ihr nicht leicht, darüber zu reden.

"Ich glaube nicht, daß ich Ihnen alles erzählen kann", antwortete sie schließlich zögernd.

"Sie müssen mir nichts sagen, über das Sie nicht sprechen wollen", erinnerte Sydney sie leise. Miss Parker nickte.

"Ja, ich weiß. Seit der Geschichte mit Ruth habe ich mein Talent nur noch einmal eingesetzt, und zwar um Luca zu helfen." Plötzlich fiel ihr etwas ein, an das sie bis jetzt keinen bewußten Gedanken verschwendet hatte. Ihre Miene hellte sich ein wenig auf. "Nein, das stimmt nicht. Als ich mit Charles - Jarods Vater - gesprochen habe, hat er mir von meiner Mutter erzählt. Ich konnte alles genau vor mir sehen, fast, als wäre ich dabei gewesen. Ich glaube, ich habe auch seine Erinnerung geteilt."

Sie seufzte frustriert.

"Wenn das Ganze bloß nicht so verwirrend wäre! Bei manchen Erinnerungen fällt es mir schwer zu sagen, ob es meine oder die einer anderen Person sind. Tut mir leid, das alles ergibt für Sie wahrscheinlich gar keinen Sinn."

Sydney stand auf und kam zu ihr. Er griff nach ihrer Hand. Der Kontakt beruhigte sie wieder etwas.

"In erster Linie muß es für Sie einen Sinn ergeben, Miss Parker. Sie können nicht erwarten, daß alles so weitergeht wie bisher. Sie haben sich verändert und nehmen die Welt jetzt auch noch auf eine andere Weise wahr. Geben Sie sich etwas Zeit. Nach und nach werden Sie sich daran gewöhnen."

"Ich weiß gar nicht, ob ich das will", murmelte sie fast trotzig. Dann kehrte der Kampfgeist in ihren Blick zurück. "Aber ich werde es versuchen."

"Das klingt schon viel besser", erklärte Sydney mit einem zufriedenen Lächeln, dann kehrte er zu seinem Platz zurück. "Wollen Sie über Lyle sprechen?" fragte er so unvermittelt, daß Miss Parker ihn erschrocken ansah. Er konnte doch unmöglich wissen, was sie gesehen hatte.

"Immerhin ist er schuld an Lucas Zustand", fügte er dann zu Miss Parkers Erleichterung hinzu. "Und er ist Ihr Bruder."

Miss Parker zögerte. Sie mußte mit jemandem über das sprechen, was sie gesehen hatte. Wenn nicht mit Sydney, mit wem dann?

"Ich habe einige der Dinge miterlebt, die er ihr angetan hat", sagte sie sehr leise. "Aber das war nicht das Schlimmste. Sydney, ich habe auch seine Erinnerungen gesehen - nein, geteilt ist das bessere Wort. Ich weiß nicht, wie das möglich war. Es hätte eigentlich nicht passieren dürfen. Ich konnte sehen, was er sah, was er sehen wollte..."

Sie brach ab. Mehr konnte sie Sydney nicht sagen. Vielleicht später, aber nicht jetzt. Unvergossene Tränen brannten in ihren Augen, und etwas schnürte ihr die Kehle zu. Sie konnte nicht einmal sagen, was. Wut, Scham, Mitleid - jedes dieser Gefühle kam in Frage. Miss Parker schloß die Augen. Sekunden später spürte sie Sydneys Nähe. Er hockte vor ihr und sah sie fragend an. Als sie nickte, schloß er sie tröstend in seine Arme.

"Ist schon gut", wisperte er beruhigend.

Nur zu gerne hätte sie ihm geglaubt, aber im Moment schien nichts gut zu sein. Sydney kannte nicht die ganze Wahrheit. Mit einiger Anstrengung gelang es Miss Parker, zumindest einen Teil ihrer Selbstbeherrschung wiederzuerlangen. Ihr war klar, daß es noch lange dauern würde, bis sie mit allem fertig wurde, aber wenigstens konnte sie auf Sydneys Unterstützung zählen. Dieser Gedanke war ihr für den Moment Trost genug.

Sanft, aber bestimmt löste sie sich von Sydney. Sein wortloses Verständnis beeindruckte sie sehr. Allmählich bedauerte sie, daß sie seine Hilfe früher immer abgelehnt hatte.

Er musterte sie eingehend und schien zu dem Schluß zu gelangen, daß sie sich wieder unter Kontrolle hatte. Langsam ließ er sich auf der Lehne des Sessels nieder.

"Wie wird Luca mit allem fertig?" erkundigte sich Miss Parker nach einer Weile.

"Hm, sie hat eine Menge verdrängt. Aber mit der Zeit wird es ihr besser gehen - jeden Tag ein kleines bißchen."

"Kennen Sie vielleicht ein Institut, in dem sie bleiben kann? Es ist nicht, daß ich sie nicht bei mir behalten möchte, aber Luca braucht professionelle Hilfe. Wenn Schwester Travis nach Großbritannien zurückkehrt, muß sich jemand um sie kümmern. Ich habe an irgend etwas in der Nähe gedacht, damit Sie sie weiter behandeln können. Sie scheint Sie zu mögen."

"Sie scheinen wirklich an alles zu denken, Miss Parker."

"Ich versuche es, aber ein wenig Hilfe kann nie schaden", meinte sie mit einem leichten Lächeln, das Sydney warm erwiderte.

"Ich werde mich mal umhören", versprach er.

"Danke, Sydney. Wie wäre es, wenn wir uns morgen nachmittag wieder hier treffen? Wir sollten alles mit Schwester Travis besprechen. Und natürlich zählt auch Lucas Meinung."

Sydney nickte.

"Wissen Sie, ob Luca irgendwelche Angehörigen hat?"

"Nein, das weiß ich nicht, aber ich werde es herausfinden. Morgen ist Samstag, also kann ich mich von hier aus darum kümmern. Haben Sie inzwischen schon mit Jarod gesprochen?"

"Nein", antwortete er mit einem Kopfschütteln. "Ist es denn so dringend?"

"Nicht für mich. Aber für ihn ganz bestimmt."

Ihre Antwort verwunderte ihn offenbar, aber er zuckte nur mit den Schultern.

"Ich werde sehen, was ich tun kann."

"Mehr verlange ich nicht."

Sydney sah auf seine Uhr und erhob sich langsam.

"So, ich sollte jetzt aufbrechen. Ein alter Mann braucht seinen Schlaf."

"Sie sind doch nicht alt!" protestierte Miss Parker. "Ein Mann in seinen besten Jahren", fügte sie hinzu, während sie ihn zur Tür begleitete. Er lächelte und verneigte sich leicht.

"Vielen Dank."

"Nein, ich danke Ihnen", erwiderte sie mit Nachdruck. "Ich weiß es sehr zu schätzen, daß Sie für mich da sind."

"Das tue ich gern, glauben Sie mir." Er drückte kurz ihre Hand. "Gute Nacht, Miss Parker. Schlafen Sie gut."

"Gute Nacht, Syd."



Miss Parkers Haus
431 Mountain Spring Road
Blue Cove, Delaware
Am nächsten Tag
15:27



"Zeit für eine Pause!"

Die energische Stimme von Schwester Travis ließ Miss Parker vom Bildschirm aufsehen. Sie warf einen Blick auf die Uhr und stellte verblüfft fest, daß seit ihrer letzten Pause schon fast drei Stunden vergangen waren.

"Ich habe überhaupt nicht gemerkt, daß es schon so spät ist", erwiderte sie.

"Aber ich. Wie wär's mit etwas Tee?"

"Klingt toll."

Travis verließ das Wohnzimmer und kehrte kurz darauf mit zwei Tassen zurück. Eine davon stellte sie vor Miss Parker ab.

"Vielen Dank."

"Gern geschehen."

Miss Parker trank einen kleinen Schluck, dann lehnte sie sich zurück und schloß die Augen. Irgendwann in den letzten Stunden hatte es angefangen zu regnen - sie hörte deutlich das leise Plätschern.

"Was haben Sie herausgefunden?" erkundigte sich Travis leise. Sie hatte sich auf einen Sessel in der Nähe von Luca gesetzt, die am Erkerfenster saß und in den Regen starrte.

"Keine guten Neuigkeiten, fürchte ich", antwortete Miss Parker und öffnete ihre Augen wieder. "So wie es aussieht, hat Luca niemanden mehr. Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht, gehe ich erst ins Detail, wenn Sydney auch hier ist, sonst muß ich alles zweimal erzählen."

Die Schwester nickte gedankenverloren, den Blick unverwandt auf Luca gerichtet.

"Dann gibt es wenigstens niemanden, der sich all die Zeit Sorgen um sie gemacht hat", meinte sie leise.

"Aber auch niemanden, der sich jetzt um sie kümmern könnte, oder der froh wäre, sie wiederzusehen", wandte Miss Parker ein. "Außer uns."

"Und ich werde nicht ewig in ihrer Nähe bleiben können", fügte Travis hinzu. Es klang beinahe ärgerlich. Bevor Miss Parker etwas erwidern konnte, hörten sie die Türklingel.

"Ich lasse ihn rein", bot sich Travis an, und Miss Parker nickte dankbar. Wenig später betrat Sydney das Wohnzimmer.

"Hi, Syd. Schön, Sie zu sehen", begrüßte ihn Miss Parker.

"Hallo, Miss Parker. Tut mir leid, daß ich so spät dran bin, aber ich habe noch mit Jarod telefoniert. Wir treffen uns übermorgen."

"Freut mich sehr, das zu hören."

Sydney trat zu Luca und wechselte ein paar leise Worte mit ihr, dann setzte er sich auf den Sessel, der genau gegenüber von Miss Parker stand.

"Wie fühlen Sie sich?"

In seinem Blick stand echte Sorge. Miss Parker fühlte eine Verbundenheit mit ihm wie früher in ihrer Kindheit.

"Viel besser. Unser Gespräch hat mir geholfen." Aber es liegt noch ein weiter Weg vor mir, dachte sie. Sie mußte diesen Gedanken nicht aussprechen, denn Sydney wußte das ebenso gut wie sie. Sein aufmunterndes Lächeln bestätigte ihre wortlose Verständigung.

Plötzlich fiel Miss Parker etwas auf.

"Wo ist denn Schwester Travis?"

"Hier", sagte sie, als aus der Küche zurückkam und auch Sydney eine Tasse mit heißem Tee reichte. Er bedankte sich lächelnd.

"Schon gut", erwiderte Travis. "Bei dem Wetter gibt es nichts Besseres, um sich aufzuwärmen."

Mit einem Blick auf den Bildschirm ihres Laptops beugte sich Miss Parker wieder vor.

"Dann können wir ja jetzt anfangen."

Sie warf einen unbehaglichen Blick zu Luca. Es kam ihr nicht richtig vor, über die junge Frau so zu sprechen, als sei sie nicht anwesend, obwohl sie keine fünf Meter entfernt von ihr saß. Trotzdem hatte sie darauf bestanden, daß Luca dabei war. Schließlich hatte sie ein Recht zu erfahren, wie es mit ihr weitergehen sollte. Außerdem hätte die Alternative darin bestanden, sie im Gästezimmer allein zu lassen. Schwester Travis schien ihr Unbehagen zu teilen, nur Sydney wirkte ebenso ausgeglichen wie immer. Miss Parker konzentrierte sich wieder auf die Fakten und fuhr fort.

"Wie ich Schwester Travis schon gesagt habe, hat Luca keine Angehörigen mehr. Ihr Vater starb kurz vor ihrer Geburt bei einem Autounfall, und ihre Mutter starb, als Luca drei Jahre alt war. Da sie zu diesem Zeitpunkt keine anderen Verwandten mehr hatte, kam sie in ein Heim. Mit fünf Jahren wurde sie adoptiert, und von da an verlief ihr Leben eigentlich völlig normal. Mittlerweile sind ihre Adoptiveltern aber leider ebenfalls verstorben, so daß es niemanden mehr gibt, der sie vermissen könnte."

"Sind Sie auch ganz sicher?" wollte Sydney wissen. Miss Parker war klar, worauf er hinaus wollte.

"Ja, Sydney. Niemand kann Personen so gut verschwinden lassen wie das Centre, aber Lucas Spuren sind nicht besonders gut verwischt worden. Soweit ich das sagen kann, hat niemand an ihrem Lebenslauf herum manipuliert. Ihr voller Name lautet übrigens Luca Francesca Capristi. Ich könnte natürlich versuchen, Verwandte in Italien zu finden. Durchaus möglich, daß es dort jemanden gibt."

"Vielleicht wäre es wirklich nicht schlecht, wenn Luca die Staaten verläßt", warf Schwester Travis nachdenklich ein.

"Vorerst sollten wir uns aber um eine andere Unterbringungsmöglichkeit für sie kümmern", schlug Sydney vor. "Ich habe heute morgen ein paar Erkundigungen eingezogen und tatsächlich zwei Anstalten gefunden, die in Frage kommen könnten."

"Wir sollten uns dort erst umsehen, bevor wir eine Entscheidung treffen", sagte Travis fest. Miss Parker stimmte ihr zu.

"Das können Sie und Sydney übernehmen. Sie beide kennen sich viel besser mit solchen Einrichtungen aus als ich. Oder haben Sie irgendwelche Einwände dagegen?"

Als beide den Kopf schüttelten, lächelte Miss Parker zufrieden.

"Ich schlage vor, daß Sie sofort aufbrechen. In der Zwischenzeit werde ich versuchen, Verwandte von Luca in Italien zu finden."



Es war fast vier Stunden später, als Sydney und Schwester Travis wieder in Miss Parkers Haus eintrafen.

"Und, hatten sie Erfolg?" lautete Sydneys erste Frage, nachdem er müde in einen Sessel gesunken war.

"Allerdings", verkündete Miss Parker strahlend. "Ich habe einen Onkel und mehrere Cousins gefunden. Wir können uns jederzeit mit ihnen in Verbindung setzen."

"Aber?" fragte Schwester Travis, da ihr der zögernde Unterton in Miss Parkers Stimme nicht entgangen war.

"Aber wir sollten damit noch ein wenig warten. Bis es Luca besser geht und bis gewisse Dinge, die das Centre betreffen, erledigt sind."

"Dinge, die das Centre betreffen?"

"Ich werde es Ihnen später erklären, Sydney. Im Moment spielt das ohnehin keine Rolle."

An seinem Gesichtsausdruck konnte sie deutlich ablesen, daß er anderer Meinung war. Er sah sie lange an, dann gab er nach.

"Na schön, Miss Parker. Ich vertraue Ihnen."

Schwester Travis hatte zwar die Stirn gerunzelt, sagte aber nichts.

"Wie ist es denn bei Ihnen gelaufen?" wollte Miss Parker wissen.

"Oh, wir haben etwas Geeignetes gefunden. Eine sehr schöne Anstalt, nur ein paar Meilen von Blue Cove entfernt. Und das Beste daran ist, daß sie bereit sind, Luca so bald wie möglich aufzunehmen. Sogar schon morgen, wenn wir das wollen."

"Was, an einem Sonntag?"

Sydney verzog das Gesicht.

"Nun ja, das Ganze wird nicht billig werden..."

"Oh, keine Sorge. Geld spielt überhaupt keine Rolle", meinte Miss Parker mit einem Grinsen. "Das Centre wird für alles bezahlen. Ist nur fair."

"Sie klingen schon fast wie Jarod", sagte Sydney leise. Sein Lächeln beschränkte sich auf die Augen.

"Das sollten Sie ihn lieber nicht hören lassen", erwiderte sie ebenso leise, bevor sie sich direkt an Travis wandte.

"Sind Sie mit unseren Plänen einverstanden?"

Die Schwester ließ sich Zeit, bevor sie antwortete.

"Ja, wenn wir alles mit Luca besprochen haben und sie auch keine Einwände hat... Dann habe ich nichts einzuwenden. Luca kann wirklich froh sein, daß Sie sie gefunden haben."

Miss Parker erwiderte nichts darauf. Ich wünschte nur, Lyle hätte sie nie gefunden, dachte sie.

Ein Blick zu Sydney verriet ihr, daß er ihren Gedanken erraten hatte. Sie gab ihm mit einem Lächeln zu verstehen, daß er sich keine Sorgen um sie machen mußte, dann stand sie auf, um mit Luca zu sprechen.



Miss Parkers Haus
431 Mountain Spring Road
Blue Cove, Delaware
17:55



Das Haus war merkwürdig still und wirkte auf einmal viel zu leer. Seit Luca am späten Morgen ausgezogen war, fühlte sich Miss Parker zum ersten Mal seit ihrer Rückkehr aus England allein.

Natürlich wußte sie, daß es Luca in der Anstalt besser ging, und sie konnte die junge Frau jederzeit besuchen. Trotzdem war ihr der Abschied schwergefallen. Die Tatsache, daß es Luca nicht anders zu gehen schien, hatte es auch nicht leichter gemacht.

Gegen Mittag hatte es dann den nächsten Abschied gegeben, als sie Jessica Travis zum Flughafen gebracht hatte. Mittlerweile mußte sie schon auf halbem Weg nach Hause sein. Die Abschiedsworte der Schwester gingen Miss Parker noch immer im Kopf herum. Als ich sie damals in England zum ersten Mal getroffen habe und Sie mir all diesen Unsinn erzählt haben, da habe ich sie für verrückt gehalten. Ich weiß bis jetzt noch nicht, was mich eigentlich überzeugt hat bei ihrem Plan mitzumachen, aber ich bin froh, daß ich es getan habe. Froh für Luca. Über den Rest Ihrer Familie weiß ich nicht viel - aber Sie sind ein guter Mensch. Machen Sie sich nicht für die Taten Ihres Bruders verantwortlich. Wenn Sie mich je brauchen, lassen Sie es mich wissen. Und jetzt, Miss Parker, leben Sie wohl.

Die resolute Krankenschwester würde ihr wirklich fehlen, stellte Miss Parker fest. Nicht viele Menschen wären so wie sie dazu bereit gewesen, so viel für eine Patientin zu tun.

Das Klingeln ihres Telefons riß Miss Parker aus ihren Gedanken.

"Ja?" fragte sie ruhig.

"Hallo, Miss Parker. Hier ist Sydney."

"Hallo, Syd. Wie geht's Luca?"

"Sie hat sich gut eingelebt. Ich bin gerade auf dem Weg nach Hause von der Klinik." Sie hörte, wie er kurz zögerte. "Eigentlich wollte ich nur wissen, wie es Ihnen geht."

Miss Parker lächelte.

"Na ja, ein bißchen einsam, aber sonst ganz gut."

"Möchten Sie vielleicht, daß ich vorbeikomme?"

Sie überlegte kurz. Sydneys Gesellschaft war ihr durchaus willkommen, aber sie brauchte im Moment etwas Zeit, um allein zu sein.

"Das ist nicht nötig. Trotzdem danke. Es ist wirklich nett, daß Sie sich so sehr um Luca kümmern."

Er lachte leise.

"Sie sind nicht die einzige, die sich für Luca verantwortlich fühlt."

"Syd, ich habe in letzter Zeit sehr viel über meine Mutter nachgedacht", sagte Miss Parker. Sie mußte einfach Gewißheit haben, und Sydney war vielleicht der einzige, der ihre Fragen beantworten konnte. "Warum hat sie meinen Vater geheiratet? Ich erinnere mich nicht mehr an viel aus dieser Zeit, aber ich weiß noch, wie unglücklich sie kurz vor ihrer Ermordung war."

Am anderen Ende der Leitung seufzte Sydney.

"Miss Parker, ich kann darüber nur Vermutungen anstellen", begann er.

"Ich weiß, daß sie Ihre Patientin war und Sie mir deshalb vieles nicht erzählen können. Das verlange ich auch gar nicht. Sie haben sie gut gekannt, und Sie kennen auch meinen Vater. Sagen Sie mir einfach, was Sie denken. Bitte, Sydney."

"Ihre Mutter hätte aus keinem anderen Grund als Liebe geheiratet, da bin ich mir absolut sicher."

"Und mein Vater? Hat er sie geliebt?"

"Miss Parker, wieso fragen Sie mich das?"

"Weil Sie so gut wie ich wissen, daß ich von ihm keine ehrliche Antwort zu erwarten habe. Er erzählt mir immer nur das, was ich hören will - was ich hören soll. Ich kann ihm nicht mehr glauben. Das hätte ich nie tun sollen. Aber was soll ich machen? Er ist nun einmal mein Vater."

"Ich glaube, Catherine hätte nicht gewollt, daß Sie so aufwachsen", sagte Sydney nach einer ganzen Weile. Die Worte schienen ihm schwer zu fallen. "Sie wollte Sie immer vom Centre fortbringen. Es ging ihr nie um sich selbst." Noch einmal zögerte er. "Wirklich, Miss Parker, ich bin nicht derjenige, mit dem Sie über die Beziehung Ihrer Eltern sprechen sollten."

"Es gibt sonst niemanden, Sydney", erwiderte Miss Parker leise. Er war ihr immer näher gewesen als ihr eigener Vater, ganz besonders in letzter Zeit.

"Ihr Vater... hat sie geliebt, auf seine Weise. Mehr kann ich auch nicht sagen."

"Danke, Sydney. Dafür, daß Sie ehrlich zu mir waren. Und dafür, daß Sie da sind."

"Ich bin immer für Sie da, das wissen Sie doch, Miss Parker."

"Ja, ich weiß. Bis morgen."

"Bis morgen, Miss Parker."

Sie legte auf, dann ging sie langsam zu ihrem Lieblingsplatz, dem großen Erkerfenster. Die Aussicht von dort war wunderschön und half ihr meistens dabei, auf andere Gedanken zu kommen. Allerdings würde das heute auch nichts nützen. Dafür gab es zu viele Fragen. Und so wenige Antworten. Es stimmte wirklich; langsam verstand sie Jarod immer besser. Zum Glück mußte sie ihn jetzt nicht mehr jagen. Denn jetzt, das wußte sie, hätte sie ihn fangen können.



Miss Parkers Büro
Das Centre
Blue Cove, Delaware
Am nächsten Tag
10:46



Miss Parker hob verärgert den Kopf, als sie hörte, wie jemand - ohne zu klopfen - ihr Büro betrat. Es gab nicht viele Leute im Centre, die sich das trauten. Ihr Blick fiel auf ihren Vater. Der Ärger verschwand und wich einer anderen Empfindung, allerdings fiel es ihr schwer zu sagen, welcher.

"Hallo, Daddy", sagte sie so ruhig wie möglich.

"Guten Morgen, Prinzessin", erwiderte er freundlich und brachte ein Lächeln zustande, das genauso falsch war wie all seine Versprechungen. Er wollte etwas von ihr. Hatte Lyle mit ihm gesprochen, trotz ihrer Warnung?

"Kann ich etwas für dich tun?" erkundigte sie sich höflich.

"Kann ein Vater denn nicht einfach seine Tochter besuchen?", fragte er in gespielter Empörung. Du hast mich in all den Jahren nicht ein einziges Mal besucht, dachte Miss Parker, und ein Teil ihres Ärgers kehrte zurück. Wirklich, Daddy, du hättest Schauspieler werden sollen.

"Doch, natürlich, Daddy", erwiderte sie gleichmütig. Innerlich verspürte sie allerdings einen gewissen Zorn auf sich selbst, weil sie noch immer nicht den Mut aufbrachte, ihre Gedanken laut auszusprechen. 'Komm schon, Daddy, was willst du?'

"Wir haben in letzter Zeit nicht sehr viel Zeit miteinander verbracht. Wieso gehen wir heute abend nicht zusammen essen? Dann kannst du mir in aller Ruhe von deiner Reise nach England erzählen, mein Engel."

'Aha, darum geht es also.'

"Tut mir wirklich leid, Daddy, aber ich kann nicht. Ich habe heute abend schon etwas Wichtiges vor."

Es war eine Lüge, und er wußte es. Für eine Sekunde spiegelte sich sein Mißfallen in seinem Gesichtsausdruck wider, dann kehrte der verständnisvolle Vater zurück.

"Wichtiger als dein Vater?"

'Oh, ein guter Schachzug, das muß ich dir lassen. Aber das funktioniert nicht mehr.'

"Natürlich nicht", antwortete Miss Parker laut. Ihr entging nicht das kurze Aufleuchten in seinen Augen, als er glaubte, gewonnen zu haben. "Aber leider kann ich trotzdem nicht absagen. Wir werden uns an einem anderen Tag treffen müssen."

Einer seiner Wangenmuskeln zuckte kurz, und Miss Parker glaubte schon, er werde seiner Wut freien Lauf lassen. Aber ihr Vater überraschte sie.

"Na schön. Laß mich wissen, wann es dir paßt."

Da ist noch etwas, fuhr es ihr durch den Sinn. Sonst würde er nie so ruhig bleiben.

Mr. Parker räusperte sich und sah plötzlich so aus, als würde er sich nicht ganz wohl fühlen. "Ich habe den Eindruck, daß du in den letzten Tagen ziemlich viel Zeit mit Sydney verbracht hast", begann er. Miss Parker bemühte sich, ihre Überraschung zu verbergen. Worauf wollte er jetzt hinaus?

"Wir arbeiten zusammen, Daddy. Er soll mir dabei helfen, Jarod zu schnappen", erklärte sie das Offensichtliche.

"Natürlich, natürlich, aber..." Ihr Vater verzog gequält das Gesicht. "Weißt du, es wäre vielleicht besser, wenn du dich ein wenig von ihm... distanzierst. Einige Leute im Centre betrachten seine jüngsten Aktivitäten mit großem Mißtrauen, und ich will nicht, daß du damit in Verbindung gebracht wirst."

Ihre Verwirrung wuchs. Was wollte er eigentlich sagen? Natürlich wußte sie, daß er Sydney kein allzu großes Vertrauen entgegenbrachte, aber das hier war einfach lächerlich. Sydney gehörte zu ihrem Team, sie vertraute ihm... Mit einem Mal ergab es einen Sinn. Er konnte es nicht ertragen, daß sie Sydney und seiner Meinung mehr Aufmerksamkeit schenkte als ihm. 'Du hast Angst, die Kontrolle über mich zu verlieren. Nun, dafür ist es längst zu spät.'

"Hast du schon mit Sydney darüber gesprochen?" erkundigte sie sich. Im Gesicht ihres Vaters zuckte es verräterisch. Fasziniert beobachtete Miss Parker, wie sich dort ein Sturm zusammenbraute. Doch irgend etwas hielt ihn davon ab, seinen Zorn gegen sie zu richten. Verärgert kniff er die Augen zusammen.

"Das hätte wohl kaum einen Sinn", sagte ihr Vater gepreßt. "Außerdem geht es mir nicht um Sydney - ich möchte, daß du auf dich aufpaßt."

Miss Parker war sich nicht sicher, ob die Manipulationsversuche ihres Vaters sie ärgerten oder einfach nur amüsierten. Wie auch immer - die Zeiten, in denen er damit durchkam, waren ein für allemal vorbei.

"Es ist wirklich nett, daß du dir um mich Sorgen machst, aber das ist nicht nötig. Ich komme hervorragend allein zurecht - und ich weiß, wem ich vertrauen kann."

Sein Blick schien durch sie hindurch zu gehen, was ihr den Eindruck vermittelte, daß er ihre letzten Worte überhaupt nicht gehört hatte. Diese Angewohnheit hatte sie früher wahnsinnig gemacht, doch jetzt beachtete Miss Parker sie nicht mehr. Einen Augenblick später galt die Aufmerksamkeit ihres Vater wieder ihr.

"Wie? Oh, ja. Du hast recht, Engel. Entschuldige mich jetzt, ich habe noch einiges zu erledigen."

Wie so häufig fand auch dieses Gespräch mit ihrem Vater ein abruptes Ende.

"Sicher, Daddy."

Sie bedachte ihn mit einem falschen Lächeln - nicht, daß er den Unterschied je bemerkt hätte - und sah ihm nach, bis er ihr Büro wieder verlassen hatte. Der Tag begann ja nicht gerade sehr vielversprechend.



Ein Motel irgendwo in Delaware
17:21



Jarod starrte unschlüssig auf die Akte in seiner Hand. Sydney hatte ihm nicht gesagt, was sie enthielt oder woher sie stammte. Nun, es gab zumindest einen Weg, um über die erste Frage Aufschluß zu gewinnen.

Als er nach einer Stunde die verstreuten Papiere auf dem Bett betrachtete, konnte er es immer noch nicht fassen. Mittlerweile hatte er auch keinen Zweifel über die Herkunft dieser Informationen mehr. Das einzige, was er nicht wußte, war, warum Miss Parker ihm die Akte nicht selbst gegeben hatte. Aber er würde es herausfinden. Bald.

Noch einmal las er den Brief seines Vaters.


Jarod,

ich weiß nicht, wo ich beginnen soll. Die Vergangenheit hat mich endlich eingeholt. Diesen Tag habe ich gleichermaßen gefürchtet und herbeigesehnt. Jetzt habe ich endlich die Gelegenheit, Dir viele Dinge zu sagen.

Ich weiß, daß Du nicht mehr an die Zeit erinnern kannst, die wir gemeinsam im Centre verbracht haben. Niemals werde ich mir vergeben können, daß ich Dich damals in den Fängen von Raines und Mr. Parker zurückgelassen habe. Ich hätte bei Catherine bleiben und gemeinsam mit ihr versuchen sollen, Dich zu retten. Vielleicht wäre sie dann noch am Leben, und wir wären jetzt zusammen. Aber es hat keinen Sinn, die Vergangenheit ändern zu wollen. Du sollst nur wissen, daß ich mir meiner Fehler bewußt bin.

Du hast eine Familie, Jarod, eine Familie die Dich sehr liebt. Als Margeret und ich Dich damals bekamen, waren wir die glücklichsten Menschen auf der Welt. Unglückliche und grausame Umstände haben unsere Familie auseinandergerissen. Wir haben alles getan, um Dich und Kyle wieder zurückzubekommen. Gemeinsam mit Catherine ist es mir wenigstens gelungen, Euch für eine Weile zu beschützen.

Ich bin unsagbar stolz auf Dich. Du hast Dich zu einem wundervollen jungen Mann entwickelt, trotz all der Jahre im Centre. Auch wenn ich nie Kontakt zu Dir aufnehmen konnte, so habe ich Dich doch immer beobachtet. Vielleicht kommt bald der Tag, an dem ich Dich wieder in meine Arme schließen kann, Dich und den Rest unserer Familie...

Eines mußt Du verstehen: Ich liebe Deine Mutter sehr, und ich vermisse sie jeden Tag. Ich sage Dir das, damit Du meine Beziehung zu Catherine Parker nicht falsch verstehst. Catherine war meine beste Freundin. Sie war immer für mich da, und ich stehe unendlich tief in ihrer Schuld. Ihr Tod hat mich damals sehr getroffen, und oft habe ich gedacht, daß ich an ihrer Stelle hätte sein sollen. Was ihre Tochter angeht...

Marines Besuch hat viele alte Gefühle bei mir geweckt. Sie ist eine ganz besondere junge Frau, in der ich viel von ihrer Mutter erkennen konnte. Aber über die Qualitäten ihrer Mutter hinaus besitzt sie noch etwas, das ich nicht in Worte fassen kann. Etwas, das weder ihr Vater noch das Centre ihr je nehmen konnten. Sie ist für mich wie eine Tochter. Ich könnte es nicht ertragen, wenn ihr etwas passieren würde. Bitte paß gut auf sie auf, Jarod. Marine könnte für Dich sein, was Catherine für mich war, und noch mehr.

Wenn Du sie wieder triffst, wirst Du feststellen, daß sie langsam zu ihrem wirklichen Selbst zurückfindet. Sie wird Dir etwas von mir geben, und ich möchte, daß Du es als eine zweite Chance betrachtest, eine Chance, von vorne anzufangen. Gib ihr ein wenig Zeit und dränge sie nicht. Warte einfach, bis sie bereit ist, es Dir zu geben.

Es gibt noch so vieles mehr, das ich Dir sagen möchte, aber ich hoffe, daß ich das irgendwann persönlich tun kann. Paß gut auf Dich auf.


Ich liebe Dich,

Charles



Tränen standen in Jarods Augen. Dieser Brief seines Vaters bedeutete ihm so unendlich viel. Endlich, nach all den Jahren, hielt er den Beweis dafür in den Händen, daß er eine Familie hatte. Eine Familie, die ihn liebte, die ihn vermißte und die um ihn gekämpft hatte.

Jarod griff nach seinem Telefon. Er mußte Miss Parker anrufen. Ungeduldig wartete er darauf, daß sie heranging.

"Ja?" hörte er schließlich. Überrascht registrierte er, daß ihre Stimme nicht wie sonst unfreundlich klang. Im Gegenteil, sie klang ruhig und sanft.

"Hallo, Miss Parker."

"Oh, Jarod." Nur eine Spur von Überraschung färbte ihre Stimme. Sie schien mit seinem Anruf gerechnet zu haben.

"Miss Parker, ich möchte, daß wir uns treffen."

Es entstand eine kurze Pause.

"Das scheint mir keine gute Idee zu sein", meinte sie dann. Jarod glaubte, einen vorsichtigen Unterton in ihrer Stimme zu hören.

"Mir schon", antwortete er. "Bitte, das ist mir sehr wichtig."

Plötzlich fiel ihm der Brief seines Vaters wieder ein, in dem er ihn gebeten hatte, sie nicht zu drängen. Bevor er noch etwas sagen konnte, lenkte sie ein.

"In Ordnung, Jarod. Heute abend in meinem Haus. Nur du und ich - keine Sweeper."

"Klingt nach einem fairen Angebot", stimmte er zu. "Bis heute abend, Miss Parker."



Miss Parkers Büro
Das Centre
Blue Cove, Delaware
17:46



Seit Jarods Anruf waren etwa zwanzig Minuten vergangen, und je länger Miss Parker darüber nachdachte, desto mehr hielt sie es für einen Fehler, sich mit ihm zu treffen. Sie war einfach noch nicht soweit.

Bei Charles war es ihr leicht gefallen, über ihre Gefühle zu sprechen. Irgendwie hatte sie von Anfang an das Gefühl gehabt, daß er zu ihrer Familie gehörte. Aber was Jarod anging...

Wie schon ein paarmal zuvor griff sie wieder nach dem kleinen Umschlag, der verschlossen auf ihrem Schreibtisch lag. Sie wußte, was sich darin befand, dennoch hatte sie bisher gezögert, ihn aufzumachen. Jetzt seufzte sie leise und griff nach ihrem Brieföffner. Vorsichtig öffnete sie den Umschlag und ließ den Inhalt auf den Tisch fallen.

Zwei Fotos lagen nun vor ihr. Das erste kannte sie bereits. Es war ein Abzug von jenem Foto, das Charles ihr bei ihrem ersten Treffen gezeigt hatte. Ein weiterer Abzug befand sich in der Akte, die Sydney Jarod gegeben hatte - sie hatte Charles gesagt, wie sehr sich Jarod über ein Foto seines Vaters freuen würde. Das zweite Foto hatte sie dagegen noch nicht gesehen. Neugierig nahm sie es in die Hand, um es näher zu betrachten.

Unwillkürlich mußte sie lächeln. Das Foto zeigte sie und Jarod, etwa zu der Zeit, von der ihr Charley erzählt hatte. Zwei glücklich lachende Kinder, für einen Moment völlig unberührt von der Umgebung, in der sie später beide gefangen sein würden. Miss Parker schüttelte ungläubig den Kopf. Wie hatte sie diese Zeit bloß vergessen können? Sicher, sie war damals noch sehr klein gewesen, aber auch sehr glücklich. Wahrscheinlich gibt es einfach zu viele schlechte Erinnerungen, die diese verdrängt haben, dachte sie. Wir erinnern uns häufig besser an schlimme Ereignisse als an gute. Wie ungerecht.

Ihre Gedanken kehrten zu dem bevorstehenden Treffen mit Jarod zurück. Bis jetzt hatte sie es vermieden, allzu genau über ihn und ihr Verhältnis zu ihm nachzudenken. Charles hatte recht gehabt, sie hatten sich wirklich sehr nahe gestanden. Auch wenn Miss Parkers Erinnerungen an diese Zeit nur sehr undeutlich waren, so spürte sie doch, daß es etwas gab, das sie mit Jarod verband. Im Laufe der Jahre hatten sie sich voneinander entfernt, und eine Zeitlang war es ihr sogar gelungen, sich einzureden, daß es ihr nichts ausmachte, Jarod für das Centre zu jagen.

Aber es stimmte nicht. Es machte ihr etwas aus. Die Erkenntnis war bitter. Was, wenn es nun kein Zurück mehr gab, wenn sie zu weit gegangen war? Dann hatte sie einen Freund verloren - und vielleicht sogar noch mehr.

Miss Parker legte das Foto zurück auf den Schreibtisch. Welches Recht hatte sie denn, von Jarod zu verlangen, ihr zu verzeihen? Nichts konnte je wiedergutmachen, was sie ihm angetan hatte. Doch sie konnte ihm wenigstens dabei helfen, seine Familie zu finden.

Sie starrte aus dem Fenster, ohne wirklich etwas zu sehen. Das Treffen mit Jarod beunruhigte sie zwar, aber gleichzeitig freute sie sich darauf. Mit etwas Glück würde es ihr gelingen, ihn dazu zu überreden, ihre Hilfe anzunehmen. Ihre eigenen Gefühle mußten zurückstehen, denn sie war sich sicher, daß die Zeiten, in denen er sie vielleicht erwidert hätte, ein für allemal vorbei waren.



Miss Parkers Haus
431 Mountain Spring Road
Blue Cove, Delaware
21:49



Jarod saß auf der Couch in Miss Parkers Wohnzimmer und wartete mit geschlossenen Augen. Im ganzen Haus war es dunkel, denn er hatte keine unnötige Aufmerksamkeit erregen wollen. Entspannt lauschte er dem Geräusch des Regens, der schon seit über einer Stunde aufs Dach und gegen die Fenster prasselte. Langsam begann er, sich Sorgen zu machen. Selbst wenn sie heute länger gearbeitet hatte, was er angesichts seines Anrufs für eher unwahrscheinlich hielt, hätte sie schon vor gut einer halben Stunde zu Hause eintreffen müssen.

Vielleicht hatte sie ihm doch eine Falle gestellt... Er schüttelte den Kopf. Sein Gefühl sagte ihm, daß es nicht so war. Gerade als er mit dem Gedanken spielte, sie noch einmal anzurufen, klingelte ihr Telefon. Einfach abheben konnte er nicht, ohne sich selbst oder sie in Schwierigkeiten zu bringen, also wartete er, bis der Anrufbeantworter ansprang.

"Jarod, bist du da? Bitte geh ran", hörte er ihre Stimme.

Sofort griff er nach dem Hörer.

"Wo bist du? Ist alles in Ordnung?"

Jarod hörte, wie sie leise lachte.

"Ich bin ungefähr eine Viertelstunde Fußweg von meinem Haus entfernt, und mit mir ist alles in bester Ordnung - na ja, jedenfalls fast. Ich wollte dich eigentlich nur um einen kleinen Gefallen bitten."

"Sicher, was ist es?" Er fragte sich zwar, was passiert sein mochte, beschloß aber, seine Neugier noch etwas zu bezähmen.

"Im Moment könnte ich für ein schönes, heißes Bad töten. Ich wäre dir wirklich sehr dankbar, wenn meine Badewanne voller heißem Wasser auf mich wartet, wenn ich gleich nach Hause komme."

Der sehnsüchtige Klang ihrer Stimme machte es ihm schwer, ein Lachen zu unterdrücken. Die Geschichte begann langsam, einen Sinn zu ergeben.

"Geht in Ordnung", versicherte er ihr schnell.

"Ah, vielen Dank, Jarod. Bis gleich."

"Okay."

Ein wenig verwirrt legte er den Hörer auf und erhob sich vom Sofa. Es gelang ihm nicht, Miss Parker zu fassen. Vielleicht konnte er im Laufe des Abends Aufschluß über ihr ungewöhnliches Verhalten gewinnen. Mit einem Kopfschütteln machte er sich auf den Weg in ihr Badezimmer.

Dort angekommen, schaltete er als erstes das Licht an. Das Bad war nicht nur elegant eingerichtet, es wirkte außerdem sehr gemütlich.

Jarod setzte sich auf den Rand der Badewanne und sah sich um. Die vielen kleinen Alltagsgegenstände, die überall verstreut waren, faszinierten ihn. Geistesabwesend drehte er den Heißwasserhahn auf, nachdem er den Abfluß mit dem Stöpsel verschlossen hatte.

Zuerst fiel sein Blick auf den dicken Teppich, der vor der Wanne auf dem Boden lag. Er paßte farblich zum Rest des Zimmers, in dem Beige- und Weißtöne vorherrschten. Außerdem gab es viel Holz, wodurch das Zimmer noch heller wirkte. Durch ein großes, hohes Fenster fiel tagsüber viel Licht in das Bad, und nachts konnte man den Sternenhimmel betrachten.

Neben der Wanne, an der Wand, war ein hölzernes Regal befestigt, auf dem mehrere Badeutensilien lagen. Neugierig griff Jarod nach einem großen Schwamm und befühlte ihn vorsichtig, bevor er ihn wieder zurücklegte. Als nächstes wandte er seine Aufmerksamkeit einer kleinen Ablage zu, die sich über dem Fußende der Badewanne befand. Dort standen viele Fläschchen, die meisten nur noch zur Hälfte gefüllt.

Jarod überlegte einen Moment, dann nahm er einen der Flakons in die Hand und öffnete ihn. Als er daran roch, weckte der Duft sofort Erinnerungen in ihm. Der Inhalt des Glasgefäßes duftete nach Vanille und ganz schwach nach Honig. Er lächelte und ließ ein paar Tropfen ins Badewasser fallen. Das hier war Miss Parkers Lieblingsduft, da war er sich ganz sicher.

Sorgfältig verschloß er das Fläschchen wieder und stellte es zurück an seinen Platz. Danach überprüfte er die Wassertemperatur und ließ noch ein wenig kaltes Wasser in die Wanne laufen, bevor er beide Hähne zudrehte. Nur zu gerne hätte er seine Entdeckungsreise durch Miss Parkers Badezimmer fortgeführt, aber ein Geräusch an der Haustür hielt ihn davon ab.

Widerstrebend verließ er das Bad und ging zur Haustür. Gerade als er in Sichtweite kam, öffnete sich die Tür. Jarod unterdrückte ein Lachen, als eine klatschnasse Miss Parker hereinkam. Seine Belustigung verflog jedoch sofort, als er sah, daß sie zitterte. Sie warf ihren Schlüssel auf den Wohnzimmertisch und zog ihre durchnäßte Jacke aus. Als ihr Blick auf Jarod fiel, lächelte sie leicht.

"Hallo, Jarod."

"Was ist passiert?" fragte er an Stelle einer Begrüßung, obwohl er schon eine ziemlich genaue Vorstellung davon hatte.

"Mein Wagen ist etwa vier Meilen von hier liegengeblieben. Ich hatte keine Lust, auf den Abschleppwagen zu warten, also bin ich das letzte Stück zu Fuß gegangen."

Jarod ging ein Stück auf sie zu.

"Geht es dir gut?" wollte er wissen. Ihr Lächeln vertiefte sich noch ein wenig, dann nickte sie.

"Ja. Und nach einem schönen, heißen Bad wird es mir noch viel besser gehen."

Mit einer weit ausholenden Geste deutete Jarod in Richtung Badezimmer.

"Es steht alles bereit."

"Oh, herrlich."

Miss Parker seufzte zufrieden und beeilte sich, zu ihrer mit heißem Wasser gefüllten Badewanne zu kommen. Ein wenig verunsichert folgte ihr Jarod bis vor die Tür.

"Das Wasser ist vielleicht ein bißchen heiß", warnte er sie durch die geschlossene Tür.

"Es kann gar nicht heiß genug sein", hörte er ihre gedämpfte Antwort. Es folgte eine kurze Stille, die erst wieder von einem leisen Plätschern unterbrochen wurde. Jarod hörte ein leises Stöhnen.

"Oh Gott, tut das gut."

Er schluckte und versuchte, sich nicht vorzustellen, was gerade in Miss Parkers Badezimmer vor sich ging.

"Jarod? Bist du noch da?" erkundigte sich Miss Parker plötzlich.

"Ähm, ja."

"Wieso machst du es dir nicht im Wohnzimmer gemütlich? Das hier könnte eine Weile dauern."

"Okay. Laß dir ruhig Zeit."

"Oh, und Jarod?"

"Ja?"

"Vielen Dank."

Ungläubig schüttelte er den Kopf.

"Gern geschehen, Miss Parker", sagte er, bevor er zurück ins Wohnzimmer ging. Dort ließ er sich wieder auf die Couch sinken. Als er die Augen schloß, sah er unwillkürlich ihr Badezimmer. Seine Gedanken schweiften zu dem Schwamm, den er eben noch in seinen Händen gehalten hatte, und der jetzt sicher über ihre weiche Haut glitt...

Jarod riß die Augen auf und stand wieder auf. Er mußte sich irgendwie ablenken. Aus irgend einem Grund verlief dieser Abend völlig anders, als er es sich vorgestellt hatte - und das passierte ihm nicht sehr häufig.

Mit zielstrebigen Schritten ging er nach draußen auf die Terrasse, von der man einen herrlichen Blick auf das Meer hatte. Mittlerweile hatte der Regen aufgehört, und ein leichter, kühlender Wind wehte über die Wasseroberfläche. Das Wasser kräuselte sich zu kleinen Wellen, und die Schaumkronen erinnerten ihn an eine Badewanne voller... Oh, großartig. Genau die Assoziationen, die er jetzt brauchte. Wieso gelang es ihm nicht, seine Gedanken von Miss Parker zu lösen?

Mit einem Seufzen gab er es auf und ging zurück ins Haus. Wie selbstverständlich fand er sich vor der geschlossenen Badezimmertür wieder. Ein leichtes Lächeln spielte um seine Lippen. Eigentlich gab es überhaupt keinen Grund, nicht an Miss Parker zu denken.

Bevor er dazu kam, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen, öffnete sich die Tür, und Miss Parker trat in den Flur. Sie hatte sich in ein großes, weiches Handtuch gewickelt und lächelte, als sie ihn dort stehen sah.

"Einsam?" fragte sie sanft und leicht amüsiert, ohne den üblichen Sarkasmus in ihrer Stimme.

"Ja", erwiderte er, ohne darüber nachzudenken. Für einen Sekundenbruchteil glaubte er etwas in ihren Augen aufblitzen zu sehen. Schuld? Schmerz? Der Moment war zu kurz, als daß er es hätte sagen können. Vielleicht hatte er es sich auch nur eingebildet.

"Ich auch."

Ihre Antwort verblüffte ihn so sehr, daß er keine Ahnung hatte, was er sagen sollte. Als er sich wieder gefaßt hatte, war sie schon an ihm vorbei in ihr Schlafzimmer gegangen. Jarod überlegte, ob er ihr folgen sollte, entschied sich aber dagegen und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Nach ein paar Minuten kam sie ihm nach. Ihre Haare waren noch immer feucht, aber sie hatte sich etwas anderes angezogen.

Sie neigte den Kopf ganz leicht zur Seite und sah ihn an. Er erwiderte ihren Blick und versuchte dabei herauszufinden, was mit ihr los war.

"Du wolltest mit mir sprechen", erinnerte sie ihn.

"Mhm, ja."

Es fiel ihm schwer, sich von ihren Augen loszureißen. Schließlich gelang es ihm, sich auf eine seiner Fragen zu konzentrieren.

"Ich wollte dir für die Akte von meinem Vater danken. Wieso hast du sie mir nicht selbst gegeben?"

Miss Parker holte tief Luft und ließ sie dann langsam wieder entweichen.

"Wegen Sydney. Er hat mir erzählt, daß eure Beziehung in letzter Zeit..."

Jarod unterbrach sie.

"Keine Ausreden mehr, Miss Parker", sagte er sanft.

"Ich dachte, auf diese Weise wäre es einfacher."

"Für mich?" fragte Jarod und schüttelte den Kopf. "Nein. Das war nicht der Grund."

Sie seufzte.

"Leichter für mich, Jarod", erklärte sie dann. Verständnislos sah er sie an. Bevor er sie fragen konnte, was sie meinte, kam sie ein paar Schritte auf ihn zu. Der Hauch eines Lächelns umspielte ihre Lippen, und in ihren Augen zeigte sich... Unsicherheit?

"Dein Vater hat mich gebeten, dir etwas zu geben."

Er schluckte.

"Ja, ich weiß."

Miss Parker lachte leise.

"Ich sollte dich warnen. Du solltest nicht zu viel erwarten, sonst wirst du gleich sehr enttäuscht sein."

"Was ist es?"

Seine Neugier vertrieb jegliche Vorsicht. Außerdem war er sicher, daß er ihr vertrauen konnte. Diese Erkenntnis überraschte ihn ein wenig, aber andererseits hatte er ihr im Grunde immer vertraut. Als er wieder in ihre Augen sah, entdeckte er dort eine Wärme, die ihm den Atem raubte.

"Also schön, Jarod."

Sie überbrückte die letzten beiden Schritte zwischen ihnen, dann schloß sie ihn in ihre Arme und drückte ihn sanft.

Jarod war vollends verwirrt. Miss Parkers Verhalten stellte ihn vor ein Rätsel. Seine Verwirrung hinderte ihn allerdings nicht daran, ihre unerwartete Nähe zu genießen. Er erwiderte die Umarmung und zog sie noch ein wenig näher an sich. Ihre Haare dufteten nach dem Badezusatz, den er vorhin ins Wasser geschüttet hatte. Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter.

Für einen langen Augenblick standen sie einfach nur da, dann zog sie sich ein wenig von ihm zurück. Nicht gewillt, sie schon gehenzulassen, hielt er sie an den Armen fest. Eine Hand legte er unter ihr Kinn, während er in ihre Augen sah. Plötzlich empfand er seine eigenen Gefühle mit einer Klarheit wie nie zuvor.

Seine Hand glitt zu ihrem Nacken, um sie wieder näher an sich zu ziehen. Ihre Lippen waren nur noch Millimeter voneinander entfernt.

"Ich bin nicht enttäuscht", wisperte er gegen ihre Lippen.

"Bitte nicht."

Ihre Worte waren so leise, daß er sie mehr spürte als hörte. Diesmal zog sie sich ganz von ihm zurück. Für eine Sekunde schloß sie die Augen. Dann öffnete sie sie wieder und sah ihn auf eine Weise an, die ihn bis ins Innerste erschütterte.

"Es tut mir leid", sagte er und schwor sich, sie nie wieder zu verletzen. "Ich wollte nicht..."

Sie schüttelte den Kopf.

"Du mußt dich nicht entschuldigen. Gott, es ist nicht, daß ich es nicht wollte... Ich kann einfach nicht. Alles ist so furchtbar schnell gegangen. Ich brauche noch Zeit, um alles zu begreifen, um es in den Griff zu bekommen. Bitte, versteh mich nicht falsch. Es liegt nicht an dir. Das hat es nie."

Während er noch versuchte, sie zu begreifen, lehnte sie sich plötzlich nach vorne und stützte sich dabei mit ihren Händen an seinen Schultern ab. Wieder trennten nur noch Millimeter ihre Lippen voneinander. Sie neigte ihren Kopf nach vorne, bis sich ihre Lippen berührten. Der Kontakt war kaum zu spüren, und doch war Jarod wie elektrisiert. Er preßte seine Lippen stärker gegen ihre, verwandelte ihre federleichte Berührung in einen Kuß.

Seine Hände glitten von ihren Schultern zu ihrem Nacken, dann noch höher, bis sie zu beiden Seiten ihres Gesichtes lagen. Zärtlich massierten seine Daumen ihre Wangen, während er mit seiner Zunge leicht über ihre Lippen strich. Ihre Lippen teilten sich unter dem sanften Druck seiner Zunge, und alles andere verlor plötzlich an Bedeutung. Der Kuß dauerte eine kleine Ewigkeit, bis Miss Parker sich von Jarod löste.

Ebenso wie er war sie völlig atemlos, und Jarod dachte, daß sie noch nie so schön gewesen war wie in diesem Moment. Ihr Gesicht war leicht gerötet, ihre feuchten Haare zerzaust, und ihre Augen leuchteten. Er konnte sehen, daß sie darum kämpfte, die Kontrolle über sich und auch über die Situation wiederzuerlangen.

"Jarod..."

"Ja?"

Während er sie musterte, fragte er sich, was sie wollte. Es schien ihm, daß sie es selbst nicht wußte. Miss Parker holte tief Luft.

"Ich glaube, es wäre besser, wenn du jetzt gehst."

Jarod runzelte die Stirn, aber er verstand, warum sie die Distanz suchte.

"Wenn du das wirklich möchtest..."

Sie nickte, wirkte beinahe erleichtert.

"In Ordnung", sagte Jarod. "Aber ich habe noch immer einige Fragen. Eigentlich sogar noch mehr als vorher. Wirst du dich noch einmal mit mir treffen?"

Das Lächeln kehrte in ihre Augen zurück.

"Das werde ich. Vielleicht wird es ein wenig dauern, aber", sie zuckte mit den Schultern, "wenn du ein bißchen Geduld mit mir hast, sollte das kein Problem sein."

Er erwiderte ihr Lächeln und nickte ganz leicht.

"Nimm dir soviel Zeit, wie du brauchst. Ich möchte dich nicht drängen."

"Danke, Jarod."

Sie begleitete ihn bis zur Haustür, und Jarod wünschte sich, sie würde ihn noch einmal küssen. Statt dessen berührte sie ihn nur kurz an der Schulter.

"Gute Nacht, Jarod."

"Gute Nacht, Parker. Schlaf gut."

Die Tür schloß sich hinter ihm, und Jarod stand für einen Moment ratlos in der Nacht. Dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus, als er an die Möglichkeiten dachte, die die Zukunft für ihn bereithalten mochte.


ENDE Teil 1



An alle, die bis hierher durchgehalten haben: Ich hoffe, es hat Euch gefallen. Falls ja, laßt es mich doch bitte wissen, und falls nein, habe ich auch für Beschwerden ein offenes Ohr:

An dieser Stelle möchte ich mich noch bei Swik bedanken, die mir erlaubt hat, den Vornamen auszuleihen, den sie sich für Miss Parker ausgedacht hat und der meiner Meinung nach am besten zu ihr paßt.

Außerdem gilt mein Dank natürlich Jan Olbrecht, der so freundlich war, meine Story auf seiner Pretender-Page aufzunehmen. Und ein dickes Dankeschön an Nicolette, ganz besonders für ihre Ermunterung!











Enter the security code shown below:
Note: You may submit either a rating or a review or both.